Wer tot ist, kann sich nicht mehr wehren

Es gibt zwei Prototypen von Autobiographien: die „Bekenntnisse“ (Augustinus, Rousseau) und die „Memoiren“ (Saint-Simon, Bismarck). Sonderlich angesehen bei Historikern und Kritikern sind sie beide nicht, weil in beiden zu viel gelogen und vorgespiegelt wird. Man braucht reichlich Kontext, um sie gerecht beurteilen zu können. Allzu oft erweisen sie sich als eitles Geschwätz, als sogenannter „Klatsch“, der die Epochen eher verdunkelt denn erhellt. Dennoch ist das Genre interessant, denn Klatsch belebt die Gespräche und kitzelt die Rankünen. Auch der autobiographische Knüller der diesjährigen Saison, „Unruhestifter“ von Fritz J. Raddatz, ist interessant: eine Mischung aus Bekenntnissen und Memoiren, eine riesige Kiste Klatsch und Wichtigtuerei, ein „name-dropping“ gigantischen Ausmaßes, bei dem das Wichtigste das beigefügte Personenverzeichnis ist. Praktischerweise beginnt man die Lektüre hinten beim Personenverzeichnis, studiert, wer drin steht und wer nicht, und schlägt dann die angezeigten Eintragungen auf, um nachzusehen, was über die Drinsteher gesagt wird. Der Autor, Fritz J. Raddatz, war in den sechziger Jahren Cheflektor des damals noch berühmten Rowohlt Verlages, danach in den späten Siebzigern bis Mitte der Achtziger Feuilletonchef bei der Hamburger Zeit. Er kennt also eine Menge „Promis“, Schriftsteller, Kulturmanager, Politiker, und schon beim ersten Lesen registriert man, daß hier sehr viel Peinliches, Komisches und Empörendes über diese Leute mitgeteilt wird. Dabei wird ein Schema erkennbar: Wer noch lebt (Günter Grass, Walter Kempowski, Theo Sommer), kommt einigermaßen gut weg, wer tot ist (Rudolf Augstein, Marion Dönhoff, Uwe Johnson), über den ergießen sich ganze Kübel von Hohn und Häme, so daß buchstäblich kein Auge trocken bleibt. Am Ende kommt heraus: Ich bin ein ganz famoses Haus Raddatz, so viel wird schnell klar, ist kein vertrauenerweckender Zeitgenosse, zwar nichts weniger als ein Unruhestifter, wie der Titel seines Buches suggeriert, aber ein notorischer Merker und Notenverteiler, eine Art Zwitter aus Beckmesser und Thersites, von dem die Menschen in erster Linie danach beurteilt werden, wie „schick“ sie sind, wie sie sich anziehen und wie viele Badezimmer ihre Wohnungen haben, ob sie über die jeweils neuesten Moden auf dem Laufenden sind und ob sie „politisch korrekt“ sind. Wer „politisch inkorrekt“ ist, nicht links und nicht zumindest für die SPD, hat keine Chance, auch nur einen einzigen Pluspunkt zu erringen, eignet sich gerade noch als Fußabtreter. Sich selbst schätzt Raddatz streckenweise ebenfalls kritisch ein, das ist das Bekennerische, Augustinische an seinem Buch. Freilich verhält es sich damit bei ihm wie in dem Gedicht von Wilhelm Busch über die Vorzüge der Selbstkritik: „Zum Schlusse kommt dann doch heraus:/ Ich bin ein ganz famoses Haus“. Seine Homosexualität zum Exempel trägt der Mann wie einen preußischen Adlerorden erster Klasse vor sich her. Viele diesbezügliche Intimitäten füllen die Seiten, darunter groteske Lachhaftigkeiten wie die (angebliche) Liebesgeschichte mit dem russisch-tatarischen Startänzer Rudolf Nurejew. Eines Tages, lesen wir unter der Eintragung „Nurejew, Rudolf“, habe er in einem Pariser Schwulenlokal einen eminent gut gebauten, „knäbischen“ Typ kennengelernt, und nach wenigen Worten seien sie zusammen aufs Hotelzimmer gegangen. Und da erst (!) habe er erkannt, mit welcher Weltberühmtheit er sich eingelassen hatte. Die vielen Orchideen in der Suite! Aber, betont Raddatz energisch, nicht er habe Nurejew, sondern Nurejew habe ihn in dem Lokal angesprochen. Niemand kann es nachprüfen (Nurejew starb 1993), faktisch überhaupt nichts in dem Opus läßt sich nachprüfen. Nach Raddatz‘ Ausscheiden aus dem Rowohlt Verlag sei (Eintragung „Unseld, Siegfried“) der damals mächtig aufsteigende Frankfurter Chef des Suhrkamp Verlags zu ihm gekommen und habe ihm gesagt: Herr Raddatz, kommen Sie zu mir als Cheflektor, wir beide zusammen werden unschlagbar sein! Doch wenige Tage später sei Unseld wieder gekommen und habe nun gesagt: Herr Raddatz, ich hab mir’s anders überlegt. Denn Sie sind ja viel klüger als ich, haben die viel besseren Beziehungen, in kürzester Zeit wären Sie die Nummer eins in meinem Haus, und das will ich nicht. „Pepita-Charakter“, notiert Raddatz verächtlich, „aber seine umstandslose Ehrlichkeit von 1970 soll als Ruhmesblatt vermerkt sein“. Auch ein anderer Großverleger (Eintragung „Springer, Axel“) bekommt ein Ruhmesblatt. Eines Tages habe der Spiegel gemeldet, daß sich Raddatz von seinem Anwesen auf Sylt aus auf das Sylter Grundstück von Axel Springer begeben habe, um dort frech die Vietkong-Fahne aufzupflanzen. Diese Spiegel-Meldung sei Lüge gewesen, und Raddatz habe Springer sofort einen richtigstellenden Brief geschrieben. Daraufhin habe ihn Springer zu sich eingeladen, und nach einem erhellenden Gespräch habe der Verleger begeistert ausgerufen: „Was muß ich tun, um Sie an mein Haus zu binden? Ich bin von Ja-Sagern umgeben, dringlich brauche ich in meiner unmittelbaren Nähe einen Mann wie Sie. Die Position wählen Sie.“ Selbstverständlich habe Raddatz voller Stolz abgelehnt. Und so geht es weiter von Eintragung zu Eintragung. Immer ist es Raddatz, der seine Kapriolen dreht und seine Maschinengewehre knattern läßt, und die Kollegenschaften, ob nun Augstein oder Bucerius, ob Ledig-Rowohlt oder Haug von Kuenheim, schmieren dagegen ab wie hilflose Abfangjäger aus Sperrholz und Pappmaché. Am schlimmsten kommen die engsten Mitkämpfer und Bettgefährten weg (falls bereits verstorben), der Germanist Hans („Hänschen“) Mayer etwa, der Schriftsteller Hubert Fichte. Hier zeigt sich der „Unruhestifter“ in seiner wahren Bedeutungslage: als einer, der den Toten ihre Grabesruhe nicht gönnt, der sich im nachhinein an ihnen rächen will für Kränkungen, die sie ihm zu Lebzeiten zugefügt haben. Über Fichte heißt es nach der soundsovielten Eintragung plötzlich: „Vorläufiger Tiefpunkt die eben abgeschlossene Lektüre von Fichtes Tagebuch-Manuskript, das ein einziges Sammelsurium von Gemeinheiten, Lügen oder auch bösartigst-voyeuristischen wahren Begebenheiten ist. Bis zu meiner Schwanzgröße (die er übertreibt – mit der Sucht aller Schwulen gibt es bei ihm nur Riesenschwänze) werden Partys bei mir oder Abendessen, Vorträge oder Telefonate erlogen, erfunden, umgedichtet. Es geht nicht mal so sehr darum, daß das natürlich keine Literatur ist, sondern darum, daß ich mich ja nun wahrlich mit Fichte über Jahre hinweg für befreundet hielt – und nun Giftmüll lesen muß.“ Daß auch andere eventuell Giftmüll lesen müssen, kümmert Raddatz nicht. Er hält sich anscheinend wirklich und allen Ernstes für einen zweiten Herzog von Saint-Simon (1675-1755), dessen (oft recht boshafte) „Denkwürdigkeiten“, vollständig ediert erst achtzig Jahre nach seinem Tod, heute als Musterbeispiel halbwegs nützlicher Memoirenliteratur und als verläßliche Fundgrube seriöser Geschichtsforschung gerühmt werden. Indes, solcher Ruhm wird dem „Unruhestifter“ nicht einmal in Ansätzen zuteil werden, soviel steht fest. Das trifft vor allem auch auf seine Berichte über seine DDR-Zeit zu. Raddatz, 1931 als Sohn eines UFA-Direktors in Berlin geboren, optierte nach dem Krieg für die Kommunisten und wurde Lektor im Ost-Berliner Verlag Volk und Welt, wo er in der Unruhezeit um 1956, als viele DDR-Intellektuelle unter dem Eindruck der revolutionären Ereignisse in Ungarn offene Reformdiskussionen forderten und spontan viele informelle Gesprächskreise entstanden, ebenfalls einen dieser Gesprächskreise beehrte, den sogenannten „Donnerstagskreis“ im Berliner Künstlerlokal „Die Möwe“. Die SED schlug damals gnadenlos zurück, Tausende von Schriftstellern, Wissenschaftlern und Studenten verloren ihren Job oder ihren Studienplatz oder wurden zum Schweigen gebracht, viele wurden verhaftet und verschwanden für Jahre im Zuchthaus: Wolfgang Harich, Heinz Zöger, Erich Loest … Raddatz jedoch wurde lediglich von der Stasi „verhört“ (d. h. zu einem Gespräch gebeten) und ging danach ganz friedlich nach Hause. Am nächsten Morgen nahm er seine Tätigkeit bei Volk und Welt wieder auf, arbeitete weiter an der Herausgabe seiner Tucholsky-Ausgabe – und verließ zwei Jahre später die DDR, „illegal“ zwar, aber ohne politische Not. Im Westen hatte er keine wahrnehmbaren Anpassungsschwierigkeiten, konnte schnell als Verlagslektor weiterarbeiten, zuerst bei Kindler in München und dann bei Rowohlt in Hamburg, wo er alsbald eine linksradikale Politreihe etablierte, ähnlich der Edition Suhrkamp, nur lange nicht so erfolgreich. Seine herausgeberischen Erfolgsobjekte wurden Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit. Im „Unruhestifter“ liest sich das (Eintragung „Harich, Wolfgang“) alles viel dramatischer, ja geradezu überdramatisch und überaus schicksalsträchtig. Unvorbereitete Leser müssen den Eindruck gewinnen, als sei es kein anderer als Fritz J. Raddatz gewesen, der die ganze revolutionäre Reformbewegung in Gang gesetzt hat, ein Gigant des „Tauwetters“, hellwach, entschlossen, dennoch stets taktisch gewieft und gelegentlich nicht ohne Humor. Wolfgang Harich hingegen posiert als die große Gegenfigur, als böser Widergeist, eitel, geschwätzig – und letztlich ein „Verräter“. Selten sind reale historische Vorkommnisse so ins Gegenteil verkehrt worden wie das DDR-Unruhejahr 1956 bei Raddatz. Einer wird verhaftet, der andere geht nach Hause Dies und nichts anderes ist der eigentliche Skandal seines Buches. Sicher hat sich Harich bei den Verhören als sturer marxistisch-leninistischer Dogmatiker gegeben und ist später im Gefängnis deprimierenderweise als Anschwärzer seiner Mitgefangenen auffällig geworden. 1956 aber war er zweifellos der Kopf der Bewegung, und er verschwand dann auch für acht Jahre hinter Gittern, davon über vier Jahre in Einzelhaft. Raddatz seinerseits ging, wie gesagt, nach Hause, obwohl er angeblich von Harich so übel belastet worden war. Der taugt nicht einmal zum IM, mag sich die Stasi gesagt haben, er erzählt doch nur Blech. Und jetzt im „Unruhestifter“ liefert er die wildesten Denunziationen gegen den Protagonisten von 1956 ab. Harich starb 1995 und kann sich nicht mehr wehren; lebte er noch, würde sich Raddatz mit Sicherheit sehr viel gemäßigter äußern, denn er hat Harichs polemischen Furor am eigenen Leib zu spüren bekommen. Unterm Strich wäre zu konstatieren: Die Memoiren/Bekenntnisse von Fritz J. Raddatz sind wohl ziemlich interessant und zeugen von hohen Klatsch-Qualitäten, im Grunde genau das Erwünschte für unsere derzeitige, auf Klatsch und Denunziation so versessene „Zivilgesellschaft“. Als Lieferant verläßlicher oder gar notwendiger historischer Details fallen sie aber aus, und als Bekenntnisbuch sind sie peinlich. Raddatz ist wahrscheinlich stolz auf den alten Memoirenschreiber-Trick, gewisse Lieblingsfeinde, die einem im Leben manches Ungemach bereitet haben oder mit denen man sich ernsthaft verkracht hat (Beispiel hier: Marcel Reich-Ranicki) nicht im Personenverzeichnis zu nennen, also streckenweise hörbar zu schweigen. Besser wäre gewesen, er hätte überhaupt geschwiegen. Fritz J. Raddatz (Mitte, mit Brille) vor seinem Haus im Kreise der Schriftsteller Walter Kempowski, Hildegard Baumgart, Uwe Johnson, Peter Wapnewski, Rainer Baumgart und Jürgen Becker (v.l.nr.): Ein Dichter sollte mindestens vier Badezimmer haben Fritz J. Raddatz: Unruhestifter. Erinnerungen. Propyläen Verlag, Berlin 2003, 495 Seiten, gebunden, 24,80 Euro.

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