Vorsichtige Annäherungen

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, verstarb bereits am 15. April der Politikwissenschaftler, Publizist und Kinderbuchautor Paul Noack, der insbesondere mit Biographien über Carl Schmitt (1993) und Ernst Jünger (1998) hervorgetreten ist. Er publizierte außerdem 1991 die kritische Bestandsaufnahme „Deutschland, deine Intellektuellen“, des weiteren ein Porträt von Hildegard Hamm-Brücher („Freiheit muß erkämpft werden“, ebenfalls 1991) sowie im folgenden Jahr „Olympe de Gouges: 1748-1793. Kurtisane und Kämpferin für die Rechte der Frau“. Sein letzteres größeres Werk, eine Darstellung des unglücklichen Lebens der preußischen Königin Elisabeth Christine, der Gemahlin Friedrichs des Großen, erschien 2001. Paul Noack wurde am 28. September 1925 im westfälischen Hagen geboren. Von 1948 bis 1953 studierte er in Freiburg, Paris und Genf Germanistik, Romanistik und Neuere Geschichte. Nach seiner Promotion über die Novellen Achims von Arnim arbeitete er von 1954 bis 1958 als politischer Redakteur bei der FAZ und wurde anschließend stellvertretender Chefredakteur des Münchner Merkur. 1968 erhielt er einen Ruf an die Pädagogische Hochschule der Universität München, der er jahrelang auch als Direktor vorstand; seit 1982 war er Professor für Politikwissenschaften am Geschwister-Scholl-Institut der Münchner Universität. Großes Interesse erregte seine Ernst-Jünger-Biographie, nicht nur wegen ihres frühen Erscheinungstermins ein halbes Jahr nach Jüngers Tod, sondern auch, weil seit den frühen Schriften von Karl Otto Paetel „Ernst Jünger. Die Wandlung eines deutschen Dichters und Patrioten“ (1946) und „Ernst Jünger. Weg und Wirkung“ (1949) sowie Armin Mohlers „Die Schleife“ (1955) kaum jemand eine Annäherung an das Leben des Jahrhundertschriftstellers gewagt hat, der mit seinem gewaltigen Tagebuchopus zwar eine ungeheure Fülle autobiographischen Materials vorlegte, damit aber zugleich eine Art thematischen Monopols für sich behauptete. Angesichts dieser besonderen Schwierigkeit über einen Autor zu schreiben, der dies selbst schon so exzessiv und mit dem Anspruch des Zeitdiagnostikers getan hat, konnte Noacks Aufgabe nicht darin liegen, möglichst sensationelles Material zutage zu fördern und neue „Enthüllungen“ zu liefern, sondern statt dessen eine Biographie zu verfassen, die Jüngers außerordentlich komplexe Persönlichkeit einem breiteren Publikum nahebringt, ohne sich in Detailfragen der Jünger-Forschung zu verlieren oder sich von den Aufgeregtheiten des bekanntlich stark ideologisierten Diskurses über Jünger beeinflussen zu lassen. Gemessen an dieser Aufgabenstellung ist Noack mit seinem Werk – unbeschadet mancherlei Ungenauigkeiten – eine behutsame Annäherung an das Leben Ernst Jüngers gelungen; eine Annäherung, die erkennbar darum bemüht ist, dem Dichter Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

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