Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Vom Bier bis zur Schmerzensmadonna

Zu den „Sonderleistungen deutscher Kunst“ gehört gewiß das süddeutsche Rokoko. Ein Kleinod dieser Stilperiode findet sich in der einstigen Reichsabtei Schussenried in Oberschwaben: die Bibliothek – neben Prunkstiegen und Kaisersälen eine typische Raumform barocker Klosteranlagen. 1761 vollendet, zeigt das kleine Gesamtkunstwerk ein harmonisches Zusammenspiel von Architektur, Plastik, Malerei und Stuckreliefs. Licht und Schatten, Pastelltöne, subtile Konturen erzeugen einen beschwingten Rhythmus, lassen eine visuelle „Kammermusik“ ertönen. Der elegant proportionierte Saal wird auf halber Höhe von einer filigranen Galerie kurvig umfaßt, die zierliche Säulenpaare tragen. Zartblaue Bücherschränke, weißer Skulpturenschmuck und blaßgoldene Balustradengitter vermitteln den Eindruck einer kostbaren Porzellanfigur. Darüber spannt sich ein riesiges, figurenreiches Fresko, das die Decke öffnet für den Jubel der Himmlischen. Diese Vision eines heiligen Festes entfaltet ein rauschendes Bildprogramm, das vom Figurenschmuck aufgenommen und der allegorischen Ornamentik reflektiert wird: eine bildhafte Fuge über das Thema der Weisheit. Den Geheimnissen des Logos entspringt das symbolische Koordinatensystem, auf der Längsachse: Himmelskönigin mit Kind, eschatologisches Lamm und Kreuz, quer sodann: der Tempel Salomonis und das Haus des heiligen Geists. Dieser Raumkosmos gestaltet eine sakrale Mythologie des Christentums, in dem Alter und Neuer Bund, Wissenschaften und Künste, antike Sage und Kirche, Esoterik und Vernunft, Homer, Vergil und Kirchenväter, schließlich Kaiser und Reich ihren Platz finden und in dem sich auch die Schussenrieder Prämonstratenser legendär verankern – dies alles eine mystische Registratur von Welt- und Heilsgeschehen, Ausdruck der christlicher Kultursynthese. Die Schussenrieder Bibliothek bildet jetzt das Herzstück einer umfassenden Ausstellung, die Baden-Württemberg der Säkularisation vor 200 Jahren widmet. Das Kloster selbst ist dabei Ausstellungsplatz, Anschauungsobjekt und Ort des historischen Vorgangs, der die freie Reichsabtei voll mitbetraf. Deren Abt und „Prälat“ war Reichsfürst, geistlicher und weltlicher Herr, regierte ein Territorium von 94 Quadratkilometern mit 3.200 Seelen, dazu 63 Orte Streubesitz. Auch hier kam das Ende 1803; in den Worten des Abts: „Wir konnten nichts tun. Wir überließen die Sache der Vorsehung (vielleicht doch zu untätig). Viele verzweifelten und wollten nirgends eine Hoffnung sehen. Ich war für mich selbst rat- und hilflos. Ich wußte nichts mehr zu versuchen, keine Wege, keine Patrone, welche tätig hätten sein können oder wollen.“ Die Säkularisation ist direkte Folge dreier Koalitionskriege mit Frankreich und der Friedensschlüsse von Basel (1795), Campo Fòrmio (1797), Lunéville (1801) und Preßburg (1805). Frankreich gewinnt den linksrheinischen Reichsbesitz und das vormals habsburgische Belgien. Die Verluste sollen nun mit Kirchengütern kompensiert werden. Unter dem Druck Frankreichs und Rußlands wird in Regensburg als letztes Reichsgesetz der sogenannte „Reichsdeputationshauptschluß“ (1803) durchgebracht, der 112 Reichsstände enteignet, darunter 22 Reichsbistümer und 42 Reichsabteien; auch 41 Reichsstädte verlieren ihre Autonomie, sie werden „mediatisiert“, der Territorialhoheit Badens, Württembergs oder Bayerns unterstellt. Eine uralte christliche Lebensform wird zerstört Diese Gebietsgewinne der süddeutschen Staaten sind verbunden mit Rangerhöhungen von Napoleons Gnaden. Schließlich verlassen die napoleonischen Satrapen das Reich. 1806 bildet sich aus 16 Staaten der Paris-hörige „Rheinbund“. Als daraufhin Kaiser Franz seine Würde niederlegt, erlischt das Reich. Es enden auch 1.000 Jahre monastischer Tradition. Die Reichskirche verliert 1803 Liegenschaften, Herrschaftsrechte, Immobilien und alle beweglichen Besitztümer. Die Konvente werden aufgelöst, damit eine uralte christliche Lebensform zerstört. Um diesen Verlust begreiflich zu machen, müssen das Württembergische Landesmuseum Stuttgart und die Gesellschaft Oberschwaben diese Tradition anschaulich machen, sodann den Bruch mit seinen in die Gegenwart reichenden Folgen, zeichneten sich 1806 doch bereits die heutigen Landesgrenzen ab. Die gewaltige Ausstellung nimmt alle drei Etagen des Konventgebäudes ein. 50 Themenräume führen den Besucher über 3.000 Quadratmeter tief durch die alteuropäische Ordensfrömmigkeit, Barockkultur und Reichswirklichkeit bis zur Wiederbelebung vieler Kongregationen im 19. und 20. Jahrhundert und zur heutigen Klosterlandschaft Baden-Württembergs hin. 1.200 Exponate vom Bier bis zur Schmerzensmadonna veranschaulichen das Panorama einer verdrängten Kultur, die hier verständnisvoll tiefenschichtig auseinandergelegt wird, mit Geduld und Genauigkeit. Dem Thema entsprechend wirken dabei deutsche Reichsgeschichte, Kirchen- und Kunsthistorie sowie Geschichte Europas um 1800 zusammen. Das Themenspektrum reicht von „Ordensregeln“, „Stiftern und Patronen“ und „Klosterherrschaft und Landesordnung“ über Musen und Wissenschaften bis zur „Neuordnung von Staat und Kirche“ und zum karitativen Engagement moderner Ordensfrauen. Entgegen der heutigen Marginalisierung waren Selbstverständnis und Aufgaben geistlicher Kultur und Herrschaft in Alteuropa universell, die Klöster politisch potent, wirtschaftlich autark, sozial vielschichtige Institutionen und kulturelle Zentren. Wissenschaftlicher Forschergeist erscheint in physikalischen Versuchsapparaten, medizinische Versorgung in pharmazeutischen Gerätschaften, und vom Schulwesen der Reichsabtei Neresheim erfahren wir etwa beim strengen Berliner Aufklärer Nicolai, es sei weit effizienter organisiert als im herzoglichen Altwürttemberg. Der Klerus war ausreichend vorgewarnt Breiten Raum nimmt die ästhetische Seite des gegenreformatorischen Barock ein. Zwischen 1680 und 1780 gibt es im oberschwäbischen Raum eine Blüte von Kunst und Architektur. Der Weg führt von der frühbarocken, ernsten Formensprache Obermarchtals (1682-92) zur erhabenen Monumentalität des hochbarocken Weingarten (1715-18); im raffinierten theatrum sacrum Zwiefaltens (1739-65) brennt das Rokoko sein übermütiges Feuerwerk religiöser Inszenierungskunst ab, um im streng beruhigten Frühklassizismus Wiblingens (1772-81) sittliche Einkehr zu halten. Geistliche Prachtentfaltung schließt sich höfischer Kunst- und Repräsentationsfreude an, doch verdeutlicht der Kirchenbau gleichwohl, „daß in diesen Räumen nicht einem Menschen, sondern Gott selbst eine Wohnung errichtet worden ist“, wie es im Katalog heißt. Gefeiert wird Gott im Kult, und so erfaßte die künstlerische Phantasie auch liturgische Gerätschaften und Textilien. Prachtvoll leuchten im Paramentensaal kostbar ornamentierte Seidengewänder und Zeremonialstücke, bis uns plötzlich der Thronsessel des neuen württembergischen Königs ernüchtert, ein Ungetüm von grotesker Klobigkeit, dessen Polsterung für den hochfürstlichen Hintern dekorativ aus zerschnittenen Sakraltextilien gefertigt wurde. Ähnlich nebenan: Die strahlenden Monstranzen, das schimmernde Altargerät, omnia ad maiorem dei gloriam, sind die traurigen Überreste der fürstlichen Beutezüge. Sie überlebten, als die meisten Stücke eingeschmolzen wurden für Tafelservice in Karlruhe und Stuttgart, die Edelsteine aus Kirchenschatz jedoch zum Prunk der neuen Kronen herhalten mußten. Reich entwickelt war die Volksfrömmigkeit des Barock. Hier versammelt die Ausstellung kostbare Reliquiare, Gnadenbilder und originelle Objekte volkstümlicher Schaulust wie die große Gutenzeller Weihnachtskrippe, die 200 liebevoll gestaltete Figuren in Brokatgewändern einer phantasievollen Szenerie einbettet. Gerade die naiven, überschwenglichen, halbmagischen oder bizarren Bräuche der religiösen Folklore waren den Aufklärern ein Dorn im Auge. Mißgünstig polemisierten sie gegen die Orden, denen sie Aberglauben, Priesterbetrug und Parasitentum vorwarfen. So nahm die Klosterkritik im 18. Jahrhundert schrille Töne an und eskalierte bereits in Klosteraufhebungen, so bei Joseph II. 1782. Er beseitigte alle kontemplativen, „nutzlosen“ Klöster, 800 an der Zahl, in den habsburgischen Erblanden. Also war der Klerus am Vorabend der Säkularisation ausreichend vorgewarnt. Damals notierte der Schwarzwälder Abt von St. Peter: „Man spricht fast allgemein von Aufhebungen und Säkularisation. (…) Nun ist die Stunde der Finsternis, die Zeit des widersprechendsten Fanatismus. Man predigt Menschenrechte und tretet sie mit Füßen. Die Weltlichen sehen den Sturz der Klerisei mit der größten Indolenz und sehen nicht, daß auch sie schon am Abgrund stehen.“ Die Abteilung „Säkularisationsschicksale“ fragt nach betroffenen Menschen und Klöstern nach 1803. Selten nur waren die Ordensleute am alten Ort noch geduldet, der Staat drang auf Umnutzung der Klostergebäude als Kasernen, Irrenanstalten, Spitäler und Gefängnisse oder verkaufte sie „Investoren“ als Fabriken. Blieb man beisammen, so starb der Konvent langsam aus; die Einkleidung von Novizen war verboten, was die mönchische Lebensform an sich auslöschte. Erst 1919 wurden in Baden und Württemberg Neugründungen von Männerklöstern möglich. Folklore war Aufklärern ein Dorn im Auge Ein Sonderfall: die Abtei Beuron in der Enklave Hohenzollern. 1863 fand dort eine benediktinische Neugründung statt. So entstand die Beuroner Kunstschule, nach den Nazarenern der zweite Versuch, christliche Kunst in der Moderne zu beleben. Schussenried zeigt jetzt Schlüsselwerke der Beuroner: Plastik, Malerei, liturgisches Gerät. Sie lassen eine Abwendung von naturalistischen und psychologischen Stilprinzipien und eine expressive Hinwendung zu starrer Frontalität und axialer Symmetrik, linearer Ornamentik und Flächigkeit im Zeichen des Jugendstils erkennen: Abstraktion statt Einfühlung. Die Beuroner strahlten nach ganz Europa aus, prominent wurde ihre Ausmalung von Monte Cassino. 1803 sind im Bereich des heutigen Baden-Württemberg 200 Klöster, 19 Reichsabteien und sechs Hochstifte säkularisiert worden. Doch hier wie in allem: das letzte Wort spricht nicht die Gewalt der Zeit. Über einhundert Klöster und Kongregationen gibt es jetzt wieder: Bis zum Oktober präsentieren sie sich in Schussenried nacheinander, ob Kapuziner, Augustinerinnen oder die evangelischen Diakonissen, und gestalten die täglichen Mittagsgebete. Die Online-Präsenz aller Gemeinschaften verblüfft. Doch noch mehr bewegten die Worte, die mir dort ein Franziskaner auf den Weg mitgab: „Alle Dinge haben ihre Sprache: die Materie, die Pflanzen, die Tiere, die Menschen. Betrachte die Geschöpfe als Spiegelbilder Gottes. Laß sie durchsichtig werden, bis sie Gottes Gesicht offenbaren.“ Wolfgang Saur Fotos: Schussenrieder Konventsherr: Panorama einer vedrängten Kultur Fotos: Bibliotheksaal im Neuen Kloster Bad Schussenried: Welt- und Heilsgeschehen mythisch registriert, eine visuelle Kammermusik über das Thema der Weisheit Die Ausstellung „Alte Klöster – Neue Herren Die Säkularisation im deutschen Westen 1803“ ist bis zum 5. Oktober im Neuen Kloster in Bad Schussenried zu sehen. Der Katalog mit drei Bänden kostet 30 Euro. Info: 0 75 83/92 70 30, Internet: www.saekularisation.de

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles