Unbestechliches Gefühl für Qualität

S eine schmalen Lippen verrieten Willenskraft, sein Blick konnte funkeln wie ein Diamant. Hasse begründete seinen Filmruhm mit der Gestaltung der Macht: Könige, Minister oder russische Großfürsten waren sein Metier, besonders aber Soldaten. Die Uniform saß ihm wie angegossen, dabei war ihm jeder Dienstgrad recht“, schreibt Gudrun Grimpe Christen in ihrer Biographie O. E. Hasses: „O. E.s Gefühl für Qualität war unbestechlich. Seine Kriterien waren Geistesreichtum, vollendetes Übermittlungsvermögen, ursprünglicher Witz und Einfallsgabe, der Charme der Geste und des Geistes, Schlagfertigkeit und Anspruch an den Fleiß. Das Zentrum seines Lebens war Dichtung, war Theaterspielen. Aus diesem Umkreis wuchsen seine Sympathien, seine Schwärmereien, seine Lieben.“ Otto Eduard Hasse wurde am 11. Juli 1903 in Obersitzko/Posen geboren. Gemeinsam mit seiner Mitschülerin Berta Drews, der späteren Ehefrau Heinrich Georges, erprobte er sich schon als Kind in Kolmar im Theaterspiel und trat als Laiendarsteller auf. Später folgten Aufführungen im Posener Theaterverein, und hier reifte in ihm auch der Entschluß, Schauspieler zu werden. Seine Eltern pochten jedoch darauf, daß der begabte Sohn zunächst einen „richtigen Beruf“ erlernte. So begann O. E. nach dem Abitur ein Jura-Studium in Berlin, das er allerdings nach nur drei Semestern bereits wieder abbrach. Zu stark war der Wunsch, endlich eine Schauspielausbildung zu absolvieren. Den Wechsel an das berühmte Reinhardt-Seminar hatte er schon lange geplant. O. E. schloß die Ausbildung, die er später einmal als „unverzichtbar für jeden Schauspieler“ bezeichnete, erfolgreich ab, um auf der Berliner „Jungen Bühne“ zu debütieren. 1924 bekam er eine Statistenrolle in dem Stummfilm „Der letzte Mann“ und lernte dabei den faszinierenden Emil Jannings kennen. Aber seine Liebe zum Theater war größer als die Faszination des damals noch jungen Mediums Film, und so erhielt das Publikum Mitte der 1920er Jahre Gelegenheit, ihn am Harzer Sommertheater in Thale als Vollblut-Komödianten zu erleben. Es folgten Engagements in Breslau und Berlin und ab 1930 endlich die ersehnten Münchner Kammerspiele. In seine Münchner Zeit fielen aber auch die ersten größeren Filmrollen in „Peter Voß, der Millionendieb“, „Kreuzer Emden“ und „Peer Gynt“. Die Kammerspiele wurden von den NS-Kulturverantwortlichen nicht sehr geschätzt. Es kam zu Aufführverboten und schließlich zu einem eingeschränkten Bühnenbetrieb. Hasse, der inzwischen auch Regie führte, wechselte nach Prag zum neugegründeten Deutschen Theater. Hier entstand auch eine seiner besten Parodien auf den „Führer“, die berühmt gewordene „Aschenbecherrede“. Das Regime konterte prompt, und Hasse wurde noch im letzten Kriegsjahr von der Bühne weg zur Luftwaffe eingezogen. Wenn auch mit kleineren Verletzungen, hat er diese Zeit relativ gut überstanden, um nach dem Krieg in Berlin – wie so viele andere – noch einmal ganz von vorne anzufangen. Der Schauspieler konnte schnell an seine früheren Erfolge anknüpfen. Nachdem er am Berliner Schiller-Theater mit Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davongekommen“ wahre Triumphe feierte und auf Gastspielen in der Schweiz und in Österreich auch das dortige Publikum begeisterte, begann Anfang der 1950er Jahre seine eigentliche Filmkarriere. Kein Geringerer als Alfred Hitchcock holte ihn für „Ich beichte“ nach Hollywood. In diesem ziemlich düsteren Film, in dem es um das Thema Schuld und Sühne geht, spielt Hasse den Küster Otto Keller, der einen Mord begangen hat, von einem zweifelnden Gericht aber freigesprochen wird. In Anatole Litvaks „Entscheidung vor Morgengrauen“ ist er als Oberst von Ecker – dieser Film begründete seine glänzenden Uniform-Rollen – der Gegenspieler von Clark Gable. Auf dem Höhepunkt seines Schaffens spielt er 1954 in „Canaris“ unter der Regie von Alfred Weidenmann den legendären Chef des deutschen Armeenachrichtendienstes, der bereits 1938 einen Putsch gegen Hitler vorbereitet, Anfang 1944 seines Kommandos als Chef der Abwehr enthoben, nach dem 20. Juli 1944 verhaftet und am 9. April 1945 auf persönlichen Befehl Hitlers gehenkt wurde. Hasse spielt diesen Mann des militärischen Widerstands nicht als Heldentypus, sondern als Offizier, der sich der Brüche in seinem Leben und seiner Laufbahn bewußt ist und der, obwohl er die Konsequenzen kennt, dennoch das tut, was er für seine Pflicht gegenüber seinem Land hält. Weidenmann war von Hasses Schauspielkunst so angetan, daß er ihm ein Jahr später auch die Hauptrolle in „Alibi“ anvertraute. Und Hasse brilliert auch hier wieder als Sensationsreporter Peter Hansen, der als Geschworener in einem Mordprozeß den Angeklagten Hardy Krüger für unschuldig hält und schließlich dem wahren Täter auf die Schliche kommt. Wie er diese Wandlung vom windigen Boulevardblatt-Reporter zum ernsthaft recherchierenden Journalisten darstellt, das gehört zum Besten des deutschen Spielfilms dieser Epoche. Ob als Oberstleutnant von Plönnies im zweiten Teil der „08/15“-Reihe, zu der Ernst von Salomon die Drehbücher schrieb, als Atomwissenschaftler Hugo Vogel in „Spione am Werk“, als Stabsarzt Dr. Fritz Böhler in „Der Arzt von Stalingrad“, als Schuldirektor Dr. Römer in „Solange das Herz schlägt“ oder als Dr. Schön in „Lulu“, jeder Film mit dem subtilen Charakterdarsteller O. E. Hasse wurde nicht nur zu einem Publikumserfolg, sondern bürgte auch für erstklassige schauspielerische Qualität. Hasse drehte noch bis Mitte der 1970er Jahre, Fernsehauftritte kamen hinzu, zuletzt arbeitete er zunehmend in Frankreich, bis ihn eine schwere Krankheit niederzwang. Er ertrug sie bis zum Schluß mit eiserner Disziplin, vermochte jedoch seine lange willentlich aufgeschobene Biographie nicht mehr zu beenden. Am 12. September 1978 starb er im Alter von 75 Jahren in Berlin. Seine letzte Ruhestätte hat der mit zahlreichen Preisen gewürdigte Schauspieler in einem Ehrengrab auf dem Waldfriedhof Dahlem gefunden. Foto: O. E. Hasse (r.) als Admiral Canaris und Wolfgang Preis als Oberst Holl in dem Film „Canaris“ (1954): Die Uniform saß wie angegossen

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