Joachim Kuhs

 

Sünde für Sünde

Rußland ist groß, der Zar ist weit weg in seinen Gedanken, und Rasputin ist allmächtig. Die Zarin beherrscht er, einige Hofschranzen dazu, die er mit seiner Pseudo-Geistlichkeit in den Bann schlägt; ein paar erboste Adlige können ihn in seinen Machenschaften nicht stören. Wenige Gestalten des 20. Jahrhunderts sind librettotauglicher als Rasputin, der wunderliche Heiler, der Kämpfer für die Sünde, um sich von Sünde zu erlösen, Nonnen-Schänder und Zaren-Betörer. Und die Finnen, an Uraufführungen gewohnt wie kaum ein anderes europäisches Volk, haben’s einem ihrer bekanntesten Komponisten zu verdanken, gleichermaßen mit dem Operngroßwerk der Saison beglückt zu werden.

Seit Jahrzehnten schon hat sich Einojuhani Rautavaara mit dem orthodoxen Priester und einflußreichsten Mann am Hofe des letzten Zaren beschäftigt. Einige neue biographische Details haben ihn vor einigen Jahren angespornt, endgültig den großen Wurf im weiten Reich Rußland und der Oper zu wagen. Matti Salminen, dem allmächtigen Welt-Baß, scheint die Oper auf den Leib geschrieben, für ihn ist der Rasputin eine Rolle par excellence. Geradlinig, chronologisch exakt geht’s zu in Inszenierung wie Musik. Folkloristische Elemente kommen, wie bei diesem Komponisten kaum anders zu erwarten, nicht zu kurz.

Eine geradezu spätimpressionistische Stimmung herrscht vor, wenn poetische Momente in Rautavaaras Libretto eine idealisierte Natur beschreiben, die russische Avantgarde der 1920er Jahre steht Pate für die Massenszenen, für dramatische Elemente, von denen es in der Oper viele gibt.

Die Zarin – eine vereinsamte Frau, die ihren Sohn, den Bluter, in die Hände des bramarbisierenden Mönches gibt und die ihren Mann nicht braucht – ist expressiv gezeichnet. Der Zar ist stoisch, zwangsweise verantwortlich für Volk und Vaterland. Eine Oper also für russische Monarchisten ebenso wie für Mythenforscher und Freunde der gemäßigten musikalischen Moderne.

Die homoerotische Beziehung zwischen den Rasputin-Mördern Felix Jusupow und Dmitij Pawlowitsch wird vom weiblichen Element recht unsanft durchbrochen, Anlaß genug für reich instrumentierte, düstere Opern-Monologe der Protagonisten. Rasputin ist der Mann für alle geistigen Fälle, der die Hofdamen genauso wie die Zarin hypnotisiert. Salminen gibt eine voluminös-suggestive Darstellung des Titel-Unhelden, die den Abend beherrscht, Jorma Hynninen weiß die Zurückgezogenheit des Zaren mit verhaltener stimmlicher Distanz zu bewältigen. Lilli Paasikivi ist eine effektiv melodramatisch agierende Zarin.

Merklich forciert zeigt sich das Orchester unter dem blutjungen Mikko Franck in Hochform, vermag zumal den choreographierten Volksszenen musikalische Spannung zu verleihen. Sowohl die Ikonen als auch des Zaren Wappentier, der Adler, sind im wuchtigen Bühnenbild von Hanno Lindholm zeitgemäß in Mitleidenschaft gezogen, in Vilppu Kiljunens Inszenierung gibt es dementsprechend naturalistisch erspielte Tragik zu besichtigen. Die Charaktere sind als einsame Leidensgenossen im tödlichen Kampf gekennzeichnet, auf Modernismen wird verzichtet. In Helsinki wird gejubelt, ein über dreistündiger Opernabend der forcierten Leidenschaft ist es geworden, ein Vorbild für das mitteleuropäische Opernwesen.

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