Schöpferischer Restaurateur in pisanischen Villen

Als im Herbst vor zwei Jahren der Briefwechsel zwischen Rudolf Borchardt und Rudolf Alexander Schröder erschien, hat die FAZ dieses Ereignis in ihrer Literaturbeilage (Ausgabe vom 6. November) wahrlich angemessen gewürdigt. Ein Rezensent wie Martin Walser mußte es schon sein, und der durfte einen Lobgesang auf den "Sprachmenschen" Borchardt anstimmen, der erst nach elf seitenlangen Spalten im lyrischen Finale ausklang.

Jedenfalls konnte nach der Lektüre dieses Dithyrambus niemand mehr darüber im unklaren sein, in welcher Preisklasse der Gefeierte aktuell gehandelt wird. Was zunächst einmal durchaus wörtlich zu nehmen ist, denn für den zweibändigen Briefwechsel wären, ohne eurokosmetische Halbierung, stolze 250 Mark hinzublättern. Will man die Gesamtedition von Borchardts Briefwerk, in dem sich ein halbes Jahrhundert deutscher Geistesgeschichte niederschlägt, erwerben, die mit den Kommentarbänden wohl nicht vor 2010 abgeschlossen vorliegen dürfte, ginge das Monatsgehalt eines Studienrats drauf.

Es gibt schlechtere Geldanlagen. Zeigt sich doch erst in den Briefkunstwerken mit ihren endlosen Haßausbrüchen, was der Übersetzer, Erzähler, Lyriker und Essayist Borchardt in erster Linie war und bis heute geblieben ist: der mächtigste Polemiker deutscher Zunge. Nicht der einzige Dichter, der – noch dazu vom fernen Italien aus – die Deutschen am Bildungsgut der Antike und des Mittelalters seelisch genesen lassen wollte, dabei aber nur auf Widersacher und Konkurrenten vom Schlage Stefan Georges, geldgierige Verleger, übelwollende Rezensenten sowie auf die ihrem Seelenheil gegenüber ganz gleichgültigen Deutschen traf. Der einsame Mann, der, oft am Rande des finanziellen Ruins, in pisanischen Villen ionische Götterlieder und provenzalische Troubadoure übersetzte und 1933 seinen "Dante deutsch" Mussolini persönlich in die Hand gab, war in seinem volkspädagogischen Eros also von vornherein aufs Politische angelegt. Als Nationalist und Legitimist stand er denn auch lange fast unbeachtet im weiten Umfeld von Armin Mohlers "Konservativen Revolutionären" – bis Botho Strauß ihn 1993 in seiner kulturkritischen Philippika vom "Anschwellenden Bocksgesang" neben Novalis als Kronzeugen bemühte. Seitdem reißen die Studien zur "dichterischen Politik" Rudolf Borchardts nicht mehr ab. Der Sammelband des Berliner Germanisten Kai Kauffmann, entstanden aus einer Tagung der Borchardt-Gesellschaft, die, man staune, die Friedrich-Ebert-Stiftung finanzierte, gehört in diese Reihe.

Um Borchardt in den "Ideologien seiner Zeit zu verorten", wie Kauffmann eingangs vorgibt, wirkt sein Band wie ein Nachzügler zu Ernst Osterkamps "Rudolf Borchardt und seine Zeitgenossen" (1997). Daß Zeit-Autor Richard Herzinger seine Standarddatei über in der pluralistisch-multiethnischen Massengesellschaft angeblich überflüssige antimodernistische Sinnstifter abladen darf, macht das Angebot nicht attraktiver. Kauffmanns eigener Beitrag über Borchardts "Politische Geographie" klingt vielversprechend. Er weicht dann aber auf "psychische Kräfte" aus, die diese privatmythologische "Raumordnung" organisieren sollen. Die Bedeutung Königsbergs, wo Borchardts Vorfahren im Teehandel reich wurden, und die des "Landes" Ostpreußen, den Zentren seiner "schöpferischen Restauration", gerät Kauffmann so aus dem Blick.

Kai Kauffmann, (Hrsg.): Dichterische Politik. Studien zu Rudolf Borchardt. Peter Lang, Frankfurt/Main 2002, 214 Seiten, 37, 50 Euro

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