Schamlos verharmlost

Blitzlichtgewitter und Medienbeteiligung fast wie beim Auftritt eines Superstars: Bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Buches „Kundschafter im Westen“, die am vergangenen Freitag in den Räumen der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e.V. (GBM) – laut Eigendefinition eine „große linke Menschenrechtsorganisation“ mit etwa 4.000 Mitgliedern – im Berliner Stadtteil Lichtenberg stattfand, konnten sich die Veranstalter über mangelndes Interesse nicht beklagen. Das Erscheinen von über 60 Journalisten – darunter denen der größten öffentlichen Fernsehanstalten Deutschlands – dürfte in erster Linie auf die angekündigte Teilnahme von Markus Wolf, bis 1985 Chef der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im Ministerium für Staatssicherheit (MfS), zurückzuführen sein. Neben den Medienvertretern waren knapp einhundert unentwegte Sympathisanten des ehemaligen DDR-Geheimdienstes erschienen; zumeist weißhaarige, biedere, mitunter etwas verkniffen wirkende Herren zwischen 65 und 80 Jahren, darunter auch der Chef der kurzlebigen MfS-Nachfolgeorganisation AfNS, Wolfgang Schwanitz. Ursprünglich war sogar geplant, die Veranstaltung am historischen Ort des Schöneberger Rathaus abzuhalten. Alle Vorbereitungen dafür waren schon getroffen: Der dortige PDS-Bezirksverordnete Gert Julius hatte einen Antrag auf kostenlose Nutzung eines Raumes gestellt, der auch bereits genehmigt worden war. Allerdings hatte er dabei jeden Hinweis über den Grund der Mietung vermieden, so daß von einer internen Parteiveranstaltung ausgegangen worden war. Doch eine der von der Eulenspiegel-Verlagsgruppe versendeten Einladungen geriet in die Hände des zuständigen Stadtrates und Generalsekretärs der Berliner CDU, Gerhard Lawrentz, der daraufhin die Genehmigung wegen „arglistiger Täuschung“ wieder zurückzog. So mußte Julius – wenn auch unter Protest – die Präsentation in die Räume der GBM verlegen. Tatsächlich hatte die verschickte Verlagswerbung keinen Zweifel am Charakter des Buches und der Veranstaltung gelassen: „Kundschafter im Westen“, das heißt MfS-Agenten in der Bundesrepublik waren nach Ansicht des zuständigen Edition Ost Verlages „Wissenschaftler, Politiker, Journalisten, Diplomaten, Verfassungsschützer und andere integere Staatsbürger, die sich irgendwann als Idealisten entschlossen, Interna der einen Seite an die andere weiterzugeben“, um den „Frieden in Mitteleuropa zu sichern“. Die Aufgabe der Podiumsteilnehmer bestand nunmehr lediglich darin, diese Thesen zu untermauern: Neben Wolf und Julius versuchten dies Gerd Schumann, Chef des Edition Ost-Verlages, der den MfS-Agenten bestätigte, auf streng „gesetzlicher Grundlage“ gearbeitet zu haben, und nach dessen Auffassung sich „niemand für eine IM-Tätigkeit schämen muß“ ; Werner Großmann, letzter Leiter der MfS-Auslandsspionage, der strikt jeden Verdacht von sich wies, auf die „Vernichtung der Bundesrepublik und ihrer Gesellschaftsordnung“ hingearbeitet zu haben; Gotthold Schramm, Herausgeber der Neuerscheinung, der die „menschliche Größe und Würde“ der „Kundschafter“ beschwor, sowie die beiden Agenten Johanna Olbricht (alias „Sonja Lüneburg“) und Dieter W. Feuerstein. Diese sahen – wie es auch Wolf und Großmann im Vorwort des Buches ausdrücken – „in der DDR eine Alternative zur restaurativen Entwicklung in der BRD“ und wollten „mit ihrem Einsatz persönlich zur Erhaltung des Friedens und zur Bewahrung und Festigung einer sozialistischen Entwicklung in der DDR beitragen“. Bereits vor Beginn der Veranstaltung hatten einige Vertreter von DDR-Opferorganisationen, darunter des Bundes der Stalinistisch Verfolgten (BSV), vor den GBM-Räumen gegen die Propagierung solcher Thesen und die daraus resultierende Verharmlosung einer der Hauptstützen des SED-Regimes demonstriert. Auf Schildern erinnerten sie an die Entführung von Dr. Walter Linse durch gekaufte West-Berliner Agenten des MfS im Sommer 1952, der anschließend in die damalige Sowjetunion verbracht und kurz darauf hingerichtet wurde. Sehr bedenklich stimmte, daß trotz der Vielzahl der anwesenden Journalisten im Anschluß an die Buchpräsentation kaum kritische Fragen gestellt wurden. Einige beließen es bei einem verhaltenen Kopfschütteln. Auf diesem Wege dürften sich bei Wolf und seine Mitstreitern die Hoffnungen, „auch nach unserem Tode präsent und existent zu sein“, keineswegs verkleinert haben. K. Eichner/G. Schramm (Hrsg.): Kundschafter im Westen. Warum Menschen in der BRD für die DDR arbeiteten. 380 Seiten, geb., ca. 17,50 Euro. Das Buch erscheint voraussichtlich Mitte September.

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