Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Ringen um das geistige Zentrum

Innerhalb von nur 24 Stunden hat die Leipziger Universität in der vergangenen Woche nahezu ihr komplettes Leitungsgremium verloren: Am Donnerstag legte zunächst der Rektor der Universität, Volker Bigl, sein Amt nieder. Nur ein Tag später folgten ihm die drei Prorektoren Monika Krüger, Helmut Papp und Franz Häuser. Anlaß für diese Entscheidungen war ein Beschluß der sächsischen Landesregierung, der den derzeitigen Höhepunkt einer langwierigen und schwierigen Auseinandersetzung markiert. Vordergründig geht es um die Umsetzung des momentan wichtigsten Bauvorhabens der Alma Mater, die ihr Hauptgebäude im Innenstadtbereich neu gestalten möchte. Bis zum Jahr 2009, in dem die Leipziger Universität ihr sechshundertjähriges Bestehen feiern kann, sollen die zentralen Komplexe nicht nur für die wissenschaftlichen Anforderungen der Zukunft ausreichend ausgerüstet sein, sondern zugleich einen deutlich höheren Repräsentationswert erhalten. Zu diesem Zweck soll ein neues „geistiges Zentrum“ der Universität – eine für Feste und Feierlichkeiten würdige und auch in ihrer äußeren Gestaltung herausragende Aula – entstehen. Bislang fehlte der Universität eine solche Räumlichkeit. Die Ursache dafür liegt in der DDR-Vergangenheit. Bis zum Frühjahr 1968 befand sich auf der Südseite des heutigen Hauptgebäudes der Leipziger Universität ein sakraler Bau. Die Paulinerkirche war der verbliebene Rest einer alten Klosteranlage, deren Ursprünge auf das 13. Jahrhundert verweisen. Seit 1543 wurde diese Kirche nicht nur als religiöse Einrichtung, sondern auch als offizielle Aula der benachbarten Universität genutzt. Wie durch ein Wunder überlebte sie auch die Jahre 1943 bis 1945 nahezu unbeschädigt. In der Folgezeit notdürftig repariert, gab es bis Anfang der fünfziger Jahre zunächst Pläne für eine Generalsanierung des Bauwerkes. Doch im Zuge des sich verschärfenden Kirchenkampfes trug sich die SED-Führung unter dem in Leipzig geborenen Staats- und Parteichef Ulbricht zunehmend mit dem Gedanken, das Gotteshaus abzureißen, um Platz für einen sozialistischen Umbau der Innenstadt zu schaffen. Obwohl selbst Mitglieder der örtlichen Stadtverwaltung vor dem kulturellen Verlust sowie den politischen Folgen eines solchen Schrittes warnten, fiel die Kirche im Frühjahr 1968 trotz zahlreicher Bürgerproteste den Planungen Ulbrichts zum Opfer. Paulinerverein engagiert sich für den Wiederaufbau Seit den Wendejahren 1989/90 gibt es Vorschläge für den Wiederaufbau des markanten Bauwerkes. Besonders intensiv setzt sich dafür der 1992 gegründete Paulinerverein e.V. ein. Deren Initiatoren und Unterstützer gingen allerdings zu diesem Zeitpunkt von dem Grundsatz aus, daß ein solches Vorhaben nur im Einklang mit möglichen eigenen Umbauschritten der Universität bewerkstelligt werden könne und suchten den aktiven Kontakt zu deren Leitung. Ende 1992 wurde das Projekt – nachdem sich die Voraussetzungen für die Umsetzung als ungünstig erwiesen hatten und es zudem nicht gelungen war, die von der Stadt Leipzig und vom Land Sachsen geforderte finanzielle Sicherheit durch ein geregeltes Spendenaufkommen glaubwürdig zu belegen – zunächst auf Eis gelegt. Die Zeit für den Wiederaufbau des Gotteshauses schien allerdings in dem Moment zu schlagen, als Ende der neunziger Jahre die Pläne der Universitätsleitung, bis 2009 einen Neubau ihres Hauptgebäudes vorzunehmen, konkretere Gestalt annahmen. Inzwischen hatte der Paulinerverein den Nobelpreisträger Günter Blobel zum Vorsitzenden gewonnen – eine Persönlichkeit, die sich bereits erfolgreich für den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden eingesetzt hatte. Blobel konnte aufgrund seiner guten Kontakte in kurzer Zeit 26 weitere amerikanische und europäische Nobelpreisträger für die Unterstützung seines Vorhabens gewinnen. Gleichfalls wurden Verbindungen zum Vatikan, zur Leipziger CDU und DSU sowie zur Dresdener Landesregierung geknüpft, die die Position des Vereins in der Öffentlichkeit erheblich stärkten. Doch die hohen Erwartungen wurden schnell enttäuscht. In Gesprächen zwischen dem Leipziger Bürgermeister, der Universität und dem Paulinerverein konnte im Hinblick auf einen möglichen Wiederaufbau keine Einigung erzielt werden. Stadt und Universität waren zwar bereit, am ehemaligen Standort der Kirche durch eine besondere Gestaltung des neuen Gebäudekomplexes an das abgerissene Bauwerk zu erinnern. Die Möglichkeit eines originalgetreuen Wiederaufbaus kam in den Planungen indes nicht vor. Unter dieser Maßgabe formulierte die Universitätsleitung ihre Vorgaben für einen Architekturwettbewerb, mit dessen Hilfe ein Siegerentwurf für ein neues Hauptgebäude gekürt und anschließend umgesetzt werden sollte. Der Vorsitzende des Paulinervereines, Blobel, bezeichnete diesen Beschluß „in dem der Wiederaufbau der Paulinerkirche ausdrücklich negiert“ wurde, als „eine nationale Schande“, Sanktionierung der „Kulturbarbarei Ulbrichts“ sowie als Mißachtung „des heroischen Widerstandes vieler Leipziger, die gegen dieses Verbrechen kämpften“. Dennoch wurde im Frühjahr 2002 der Vorschlag der Architekten Martin Behet und Roland Bonzio von der Universitätsleitung prämiert, der keine Wiederherstellung des Gotteshauses vorsah. Dieser Entwurf, den auch die Stadt Leipzig unterstützte, wurde nun zur abschließenden Genehmigung der Regierung des Freistaates zugesendet. Diese Bestätigung war notwendig, da der Baugrund neben der Universität auch dem Land gehört, so daß dieser als Bauträger auftritt, sowie wegen des erheblichen Anteils von Landesmitteln an der Finanzierung des Neubaus. Nach Umfragen nimmt die Zahl der Gegner zu Die Notwendigkeit dieser Absicherung – die gleichfalls von Mitgliedern der universitären Gremien bestritten wurde – ließ jedoch zugleich bei den Befürwortern des Wiederaufbaus der Paulinerkirche die Hoffnungen wachsen, da die Leitung der Leipziger Universität zwar auf ein von der Landesregierung gegebenes Versprechen auf Planungssicherheit für den Neubau verweisen konnte, zugleich jedoch bekannt war, daß der sächsische Kultusminister Rößler (CDU) ein fester Unterstützer der Pläne des Paulinervereines ist. So mußte die Entscheidung des Dresdener Kabinetts Klarheit bringen, die für den 28. Januar angekündigt war. Tatsächlich wurde an diesem Tag ein Beschluß gegen das von der Leipziger Universitätsleitung prämierte Modell und für den originalgetreuen Wiederaufbau der Paulinerkirche gefaßt. Dieser sieht vor, daß die dazu notwendige Fläche am Augustusplatz zunächst freigehalten, das heißt in die Planung des neuen Komplexes nicht einbezogen werden soll. Sollte die Universität diese Fläche jedoch dringend benötigen, so wird ihr von seiten der Regierung ein Ersatzgrundstück des Landes ohne zusätzliche Kosten zugesichert. Als Grundlage der Entscheidung dienen Berechnungen von Bauexperten, die ergeben hätten, daß sich die Kosten „mit oder ohne Freihalten der Fläche für den Wiederaufbau der Universitätskirche“ nur unwesentlich voneinander unterschieden. So sei bei der Freihaltung des Platzes nur mit „geringfügigen Mehrkosten von etwa vier Millionen Euro“ das heißt einer Gesamtsumme von 124,8 gegenüber 120,4 Millionen Euro zu rechnen. Dieser Entschluß des sächsischen Kabinetts wurde vom Paulinerverein sowie der Leipziger CDU und DSU freudig begrüßt, während er bei Universitätsleitung und Studentenschaft harsche Proteste auslöste. Rektor Bigl sah in ihm einen „Affront“, der eine Mißachtung des nach der Wiedervereinigung „erkämpften Rechtes auf Selbstverwaltung der Universität“ darstelle. Die Universität sei keine „nachgeschaltete Behörde“, sondern eine „jahrhundertealte Wissenschaftseinrichtung“, deren Beschlüsse die Staatsregierung nicht einfach „aushebeln“ könne. Aus Protest gegen den „Bruch von schriftlichen Vereinbarungen seitens der Staatsregierung“ verkündete Bigl den Rücktritt von seinem Rektorenamt. Unterstützung für diese Haltung erhielt die Uni-Leitung von zahlreichen studentischen Interessenvertretern sowie durch die den Leipziger Oberbürgermeister stellende SPD, die eine politische Einflußnahme der Dresdener CDU-Regierung für ihre Leipziger Parteifreunde mutmaßte. Grüne und PDS schlossen sich dieser Auffassung an. Die Leipziger Bürger scheinen derzeit die Argumente der Universitätsleitung und der Stadtverwaltung ebenfalls weitaus mehr zu überzeugen, sofern man von den Ergebnissen neuester telefonischer Umfragen der Leipziger Volkszeitung ausgeht. Nach der Bekanntgabe der Kabinettsentscheidung sank der Anteil der Fürsprecher eines Wiederaufbaus der Kirche von 39 (Oktober 2002) auf 25 Prozent (29. Januar), stieg allerdings bis zum Wochenende (31. Januar) wieder leicht auf 31 Prozent an; während derjenige der Gegner am 29. Januar beachtliche 75 Prozent (Oktober 2002: 56 Prozent) erreichte, und sich bis zum 31. Januar mit 66 Prozent nur unwesentlich veränderte. Im Juli 2001 hatten sich noch 52 Prozent der Befragten für und nur 48 Prozent gegen den Wiedererrichtung des Gotteshauses ausgesprochen. Dieses Stimmungsbild schlägt sich auch in vielen veröffentlichten Leserzuschriften der letzten Tage nieder. Dabei fällt allerdings die große Anzahl derjenigen auf, die den Rücktritt des sich seit seinem Amtsantritt im Jahr 1997 großer Popularität erfreuenden Uni-Rektors bedauern, ohne sich pauschal gegen einen Wiederaufbau auszusprechen; eine Position, die auch der Landesvorsitzende der sächsischen FDP, Volker Zastrow, vertritt. Bei den Umfragen dürfte diese Klientel jedoch ihrem Unmut durch eine pauschale Ablehnung Luft verschafft haben. Insgesamt sind Meinungsäußerungen, die auf eine grundsätzliche Ablehnung aller kirchlichen Einrichtungen zielen, eher selten zu finden. Häufig wird dagegen eine Verletzung der universitären Autonomie durch die Landesregierung beklagt. Aber auch die Sorge um hohe Kosten in einer wirtschaftlich schwierigen Lage und die Frage nach der aktuellen Notwendigkeit des Kirchenneubaus spielen bei der öffentlichen Diskussion eine große Rolle. Gerne wird von den Skeptikern auch das Argument der unterschiedlichen historischen Traditionen der Bürgerstadt Leipzig und der Residenzstadt Dresden bemüht. Dieser Personenkreis glaubt in der Entscheidung des sächsischen Kabinetts den Versuch einer gezielten Bevormundung zu erkennen; ein Bestreben, welches durch die Regenten des Landes schon häufiger unternommen worden sei. Nutzungsmöglichkeiten müssen geprüft werden Am interessantesten ist die Position der Vertreter der Evangelischen und Katholischen Studentengemeinde an der Leipziger Universität, da sie von einem Wiederaufbau der Kirche wohl am meisten profitieren würden. Dennoch beurteilt die Mehrheit ihrer Mitglieder die Entscheidung der Landesregierung ebenfalls eher skeptisch, da sich nach ihrer Auffassung das Kabinett zu einseitig orientiert habe. Dem Paulinerverein werfen sie vor, sich nur für eine Wiedererrichtung auszusprechen, die wichtige Frage nach den Nutzungsmöglichkeiten eines neuen Gotteshauses jedoch zu ignorieren. Zwar könnten sich beide Studentengruppen im Falle der Paulinerkirche eine ökumenische Nutzung unter der Trägerschaft der Universität vorstellen, die dessen Zukunft auf absehbare Zeit sichere. Doch in einer Zeit, in der zahlreiche Leipziger Gotteshäuser dringend einer Renovierung bedürften, die Gemeinden sich teilweise fast nur aus Personen über 60 Jahre zusammensetzen und bereits Kirchen wegen ihrer katastrophalen finanziellen Ausstattung zu nicht-religiösen Veranstaltungen vermietet würden, müsse die Frage nach dem grundsätzlichen Bedarf einer kritischen Prüfung unterzogen werden. In der aktuellen Situation bleibt zunächst nur zu hoffen, daß die derzeitige Aufregung über die Entscheidung der sächsischen Landesregierung möglichst schnell zugunsten einer nüchternen, differenzierten Betrachtung weicht. Der Wiederaufbau der Paulinerkirche stellt zweifellos eine große Chance für die Stadt Leipzig dar, die diese nicht ungenutzt verstreichen lassen sollte. Gleichwohl wird ein solcher Schritt nur dann vom Erfolg gekrönt sein können, wenn die verhärteten Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern aufgebrochen werden können. Dazu ist es notwendig, die Argumente beider Parteien ernster als bisher zu nehmen. Somit warten auf Blobel und seinen Paulinerverein auch in Zukunft große und schwere Aufgaben, die nur auf der Basis einer Verständigung mit den universitären Gremien nachhaltig gelöst werden können. Hauptgebäude der Universität Leipzig (2002): Die Installation aus Stahl über dem Karl-Marx-Relief soll in ihrer Form an die am 30. Mai 1968 auf Geheiß von SED-Chef Walter Ulbricht gesprengte Paulinerkirche erinnern Paulinerverein: Bürgerinitiative zum Wiederaufbau von Universitätskirche und Augusteum in Leipzig e.V., Grassistr. 12, 04107 Leipzig, Tel.: 03 41 / 9 78 22 79, Fax 03 41 / 9 78 22 65, E-Post: kontakt@paulinerverein.de , Internet: www.paulinerverein.de .

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