Joachim Kuhs

 

Pankraz, W. Sofsky und der Mut in der Demokratie

Eine lange Jeremiade über den Verlust des Mutes in der Demokratie hat Wolfgang Sofsky in der Neuen Zürcher Zeitung angestimmt. Sofsky, Soziologe in Göttingen und bekannt geworden durch eindrucksvolle Beschreibungen politischer Gewalt- und Terrorpraktiken, hält den Mut zwar für eine schöne Tugend, die in alten Zeiten sogar als sogenannte Kardinaltugend gleich hinter Glaube, Liebe, Hoffnung rangierte, sieht sie aber heute, zumindest hierzulande, auf dem Aussterbeetat.

Rennfahrer, Bergsteiger, Abenteuerurlauber und manchmal auch Feuerwehrleute müssen mutig sein, sagt Sofsky. Mut und Tapferkeit seien "etwas für Dummköpfe und Draufgänger, nicht für skeptische Bürger … Sie sind längst außer Kurs gesetzt. Feigheit schändet nicht mehr, sondern beweist angeblich Besonnenheit ….Gegenüber Despotien haben Demokratien eben einen unschätzbaren Vorteil. Widerspruch kostet niemandes Freiheit und Widerstand niemandem das Leben. Physischer Mut ist dem Ausnahmezustand, dem Krieg vorbehalten."

Daß sich Herr Sofsky da nur nicht täuscht. Was heißt denn überhaupt "physischer" Mut? "Physischen" Mut, sofern man darunter eine allein aus dem Bauch kommende, spontane und unbewußte Regung versteht, gibt es gar nicht. Nicht der Mut ist das Primäre und Kreatürliche, sondern die Angst, die Bedenklichkeit, die Schadenabschätzung. Mut entsteht immer erst dann, wenn man in völliger Geistesgegenwart das Risiko der eigenen Gefährdung abschätzt und es mit dem für notwendig und richtig Erkannten verrechnet. Wer dann, trotz hohen und höchsten Risikos, für das Richtige einsteht und eventuell fatale Folgen klaglos auf sich nimmt, ist wahrhaft mutig.

Das gilt für Diktaturen wie Demokratien, für Friedens- wie Kriegszustände. Sofsky hätte sich seiner Schullektüre erinnern sollen: "De Bello Gallico", siebtes Buch. Da spricht der große Heerführer Julius Cäsar Klartext. Nicht derjenige, der sich aus jugendlicher Keckheit oder in blinder Wut in den Tod stürzt, ist der beste Soldat, sondern einzig derjenige, der die Gefahr genau erkennt und trotzdem standhält. Nicht im Angriff, sondern in der Verteidigung, im kaltblütigen Standhalten zeigt sich der wahre Mut, im Krieg wie im Frieden.

Wahrer Mut ist immer Tapferkeit, "fortitudo", belehrter Trieb, klug gemachte Physis. Sind die jungen palästinensischen Selbstmordattentäter mutig? Wohl "nur" insoweit, als sie den kreatürlichen Lebenserhaltungstrieb, der jedem Menschen innewohnt, durchaus tapfer unterdrücken. Ob sie aber zur vollen Risikoabschätzung fähig sind, daran muß man zweifeln. Von Geburt an genährter Haß, Begeisterung ob eines vermeintlichen "Gotteskriegertums" und die Paradiesesverheißungen ihrer Theologen hindern sie wohl daran, in den Rang von wirklichen Standhaltern aufzusteigen.

Es gibt ein feines Büchlein des jüngst verstorbenen Josef Pieper, "Vom Sinn der Tapferkeit", dessen Quintessenz lautet: "Die Tapferkeit darf sich selbst nicht trauen!" Echte Tapferkeit setzt eine ständige kritische und selbstkritische Einschätzung der Dinge voraus, sowohl derer, die man riskiert, als auch derer, die man durch den Einsatz zu bewahren oder zu gewinnen hofft. Tapferkeit muß zum guten Teil regelrecht erlernt werden, und es muß ein gesellschaftliches Milieu vorhanden sein, das wenigstens ansatzweise vernünftige Anleitungen für den naturkecken, "physisch" mutigen Jüngling bereithält. "Wahre Tapferkeit gedeiht nur bei gebildeten Völkern", schrieb schon Hegel in seiner Rechtsphilosophie.

Zählt die heutige BRD mit ihren mittlerweile erreichten niedrigen Pisa-Standards und ihrer spezifischen "Diskurs-Demokratie" noch zu den gebildeten Völkern? Hat der Mut also hier noch eine Chance? Wer die Jeremiade von Wolfgang Sofsky in der NZZ liest, kommt darüber ins Grübeln. Mut, konstatiert der Mann ganz richtig, ist eine Angelegenheit des Handelns, doch just das Handeln werde dem Volk durch seine politische Klasse planmäßig ausgetrieben.

Alles werde zerredet, unzählige Gremien neutralisierten sich gegenseitig, ein "Entscheidungsträger" verstecke sich hinter dem anderen. "Von Ministern und Präsidenten wird zwar fortwährend ‚Mut zu unpopulären Entscheidungen‘ gefordert, aber wenn die selbstverständliche Erfüllung der Amtspflichten bereits als Beweis politischer Courage gilt, ist der Verfall der Tugend längst besiegelt … Der wöchentliche Blick auf die jüngsten Umfragedaten verhindert jede Entscheidung gegen die jeweilige Stimmungslage."

Die "Stimmungslage" hinwiederum, so eine berühmte Äußerung des Bundeskanzlers Schröder, werde heute in Deutschland nicht von qualifizierten Weisheitsräten erzeugt, sondern "von der Bild-Zeitung und der Glotze". Allein diese Instanzen habe der moderne Politiker noch zu fürchten. Die Schlange beißt sich in den Schwanz: Das Volk und die populären Medien, die ihm angeblich aufs Maul schauen, richten sich nach den "Entscheidungsträgern", diese jedoch orientieren sich "an Bild und Glotze". Alles verharrt im "Diskurs", der immer wesenloser und uninspirierter wird, und der Mut zum Handeln bleibt auf der Strecke.

Wo aber bleiben die Träger des Muts, die nach wie vor Mutigen und Tapferen? Nun, sie haben alle Hände voll damit zu tun, ihre Position überhaupt noch erkennbar zu markieren. Mag sein, es gibt hier und da noch Institutionen, wo man sie – freilich unter zunehmender Androhung von Gewalt, da sollte sich Wolfgang Sofsky keinen Illusionen hingeben – Widerspruch formulieren läßt, gewisse Wissenschaftsräume, Redaktionen, Gesprächskreise. Das Handeln ist ihnen aber verwehrt. Weil die Feigen nicht handeln wollen, dürfen die Mutigen nicht handeln, dafür ist bei uns gesorgt. So bleibt zur Zeit wirklich nur noch das Standhalten.

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