Pankraz, Sibylle Tönnies und die Jagd auf den Zivilisten

Schon wieder einmal hat sich Sibylle Tönnies, soziologische Altlast in Bremen, mit einer hanebüchenen Wortmeldung auffällig gemacht. Vor anderthalb Jahren, anläßlich des Massenmordes an einem Erfurter Gymnasium, plädierte sie heftig für die sofortige Abschaffung des Abiturs und empfahl den Gymnasiasten, sie sollten sich modisch und intellektuell ein Vorbild nehmen an den Insassen amerikanischer Gefängnisse.

Jetzt stimmt sie (wiederum in der FAZ ) ein großes Klagelied an auf die "meisten" Opfer des Krieges, nämlich die "jungen Soldaten", die da in den Tod geschickt würden, ohne sich dagegen wehren zu können. Ihre Mütter weinten um sie, aber das sei der Gesellschaft völlig gleichgülig. Es sei ein Skandal.

In welcher Zeit lebt Tönnies eigentlich? Hat sie wirklich noch nicht gemerkt, daß die meisten, die eindeutig bevorzugten Opfer des modernen Krieges nicht die Soldaten, sondern die Zivilisten sind? Das betrifft bekanntlich jeden modernen Krieg, sowohl den mit voller technischer Gewalt und Überlegenheit geführten Krieg der Amerikaner als auch den Krieg der technischen Habenichtse, etwa der palästinensischen Selbstmord-Attentäter. Beide richten sich in erster Linie gegen Zivilisten. Mit wenig Übertreibung läßt sich sagen: Der sicherste Job in einem modernen Krieg – wenigstens auf der "westlichen" Seite – ist heute der des Soldaten.

Je moderner der Krieg geführt wird, um so mehr Zivilisten müssen sterben und um so sicherer sind die Soldaten. Das Hauptschwert der modernen Streitkräfte, die Bomber und die Marschflugkörper, sind für das soldatische Bedienungspersonal beinahe so etwas wie eine Lebensversicherung. Sie stehen an weit von Einschlägen entfernten Abschußrampen oder sitzen in Bomberkanzeln, die für feindliche Abwehr faktisch unerreichbar sind, und drücken auf Knöpfe. Und der Tod, der dadurch ausgestreut wird, trifft kaum feindliche Soldaten und schon gar nicht feindliche Strategen, er trifft Zivilisten, die sprichwörtlichen "Greise, Frauen und Kinder".

Bei den Selbstmord-Anschlägen der Palästinenser gibt der Kämpfer, der Attentäter, zwar auch das eigene Leben preis, doch in bezug auf die Opfer seines Angriffs setzt er von Anfang an und ohne jede verbale Bemäntelung auf Zivilisten. An bewaffnete Kräfte kommt er nicht heran, die sind sicher, und das gleiche gilt allermeistens auch für die Politiker. Aber die Kinder in den Schulbussen und Diskotheken, die Frauen auf den Wochemärkten und die Greise in den Straßencafés – die sitzen nicht in Panzern, die stecken nicht in Kampfanzügen, die haben keine Leibwachen. Und folglich werden sie getötet.

Kein Wort aus der neueren Semantik ist so heuchlerisch und irreführend wie das von den "Kollateralschäden", von den angeblich unbeabsichtigten kriegerischen Nebenwirkungen. Der Sinn des Krieges im einundzwanzigsten Jahrhundert liegt eindeutig im Umbringen von Zivilisten; Sieger ist, wer die meisten Zivilisten umgebracht hat. Der Skandal also, den Sibylle Tönnies so larmoyant moniert, liegt nicht im Opfer der jungen Soldaten, sondern im massenhaften Umbringen von Zivilisten. Fast sehnt man sich ja bei Betrachtung der vielen Fernsehbilder von getöteten Zivilisten und wehrlosen (nach oben wehrlosen) Städten, die in Flammen aufgehen, nach dem "fairen" Bodenkampf Haus um Haus und Mann gegen Mann, wo nun endlich auch einmal richtige Soldaten drankommen.

Die Monströsität des modernen Krieges, der sich gegen Zivilisten richtet, wird dadurch kaschiert, daß die Kriegsberichterstatter (die man längst nicht mehr "Frontberichterstatter" nennen kann, weil es eben auch keine Fronten mehr gibt) gleichmäßig von "Opfern" sprechen, ob nun Soldaten oder Zivilisten gemeint sind. "Es gab viele Opfer", heißt es routinemäßig. Dadurch wird der Begriff des "Opfers", der in früheren Zeiten einen Status der Herausgehobenheit meinte und sich exakt in diesem Sinne auch auf die Soldaten bezog, ausgehöhlt, relativiert und im Grunde vollständig eliminiert.

Wenn im Krieg buchstäblich jeder – und eben bevorzugt und gezielt der Zivilist – umgebracht wird, wenn es keine Front mehr gibt und es jederzeit jeden erwischen kann, ohne Warnung und vorhergehende "Kampfhandlung", dann gibt es keine "Opfer" mehr. Die feierlichen Zeremonien, Fahneneide, Belobigungen und Auszeichnungen, die nach wie vor das Soldatsein begleiten, verwandeln sich ins Sinnlose und dadurch ins Obszöne. Man sollte nicht mehr von "Krieg" sprechen, da es sich lediglich um eine hobelmäßige, momentan staatlich legalisierte Umbringerei und Kaputtmacherei handelt, für die das treffende Wort noch nicht gefunden ist.

Natürlich wurden auch in früheren Kriegen Zivilisten umgebracht; wahrscheinlich überstieg die Zahl der während eines Krieges oder als Folge davon umgekommenen Zivilisten meistens die Zahl der gefallenen Soldaten. Aber man unterschied damals in allen Lagen – selbst bei den Mongolenstürmen, im Dreißigjährigen Krieg oder bei der Eroberung Trojas – scharf zwischen Krieg qua Kampf Soldat gegen Soldat und anschließender oder parallel verlaufender Plünderung, Brandschatzung oder Weiberschändung.

Gar im gloriosen neunzehnten Jahrhundert wurde der Krieg in einmaliger Weise "eingehegt" und mit völkerrechtlichen Regeln umstellt, nicht zuletzt und sogar in erster Linie in Hinblick auf die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten, Soldaten und Zivilisten. Es war eine große Leistung Alt-Europas, eine seiner größten. Das zwanzigste Jahrhundert, das Jahrhundert der technisch hochgekitzelten Ideologien und Utopien, hat diese Leistung dann ruchloserweise wieder zurückgenommen, es kam zum U-Boot-Krieg, zum Bombenkrieg, zum Partisanenkrieg. Die Jagd auf den Zivilisten war eröffnet. Und sie wird immer gnadenloser.

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