Pankraz, O. v. Miller und der Weg vom E- zum Meisterwerk

Dieser Tage gehen in München die Feiern zum hundertsten Jahrestag der Gründung des "Deutschen Museums" los, des ersten und größten Technik-Museums Deutschlands. Oskar von Miller, einer der frühen Direktoren der AEG und ein großer, fast genialer Pionier der Elektrifizierung, hat die Gründung seinerzeit angeregt, und es berührt heute eigentümlich und irgendwie rührend, in seinem Gründungssaufruf zu lesen, daß in dem neuen Museum endlich einmal und exklusiv "Meisterwerke der Naturwissenschaft und Technik" ausgestellt werden sollten.

Bis dato war der Begriff des Meisterwerks genuin künstlerischen und literarischen Hervorbringungen vorbehalten gewesen. Dagegen begehrte Miller regelrecht auf. Er stammte aus einer alten, berühmten Erzgießer-Familie, und er sah nicht ein, warum immer nur Gemälde oder Theaterstücke als Meisterwerke tituliert wurden und nicht auch beispielsweise jene mächtigen, für die damalige Zeit absolut sensationellen Elektro-Kraftwerke, wie sie von ihm, Miller, überall im Lande errichtet wurden.

Bewirkt hat Miller mit seinem Aufbegehren wenig. Sein Deutsches Museum wie auch die anderen Technik-Museen, die seither in vielen Städten eröffnet wurden, sind interessant, lehrreich und unterhaltsam, aber "Meisterwerke" sucht das Publikum darin nicht.

Jede Andachtsgeste fehlt. Als "verehrter Meister" werden nach wie vor Künstler, Dichter oder Dirigenten angeredet, nicht aber Physiker, Computerspezialisten oder AEG-Direktoren.

Publikumsmagneten im Deutschen Museum oder an vergleichbaren Stätten, etwa im Luzerner Verkehrshaus, sind historische Luxusautos oder alte Lokomotiven in rasanter Stromlinienform. Man bewundert daran das schwungvolle, "echt künstlerische" Design und weniger das, was unter der Haube liegt und weshalb die Objekte eigentlich ausgestellt sind: den "technischen Fortschritt", den sie repräsentieren. In der Technik ist das Neuere stets der Feind des Neuen und setzt dieses außer Kurs. Die geniale Lösung von einst gerinnt nicht etwa zum Meisterwerk, sondern schrumpft zur bloßen Fußnote der Technikgeschichte.

Realer Held der Technik ist der Erfinder, nicht der Meister. Dieser, der Meister, gewinnt seinen Rang gerade nicht dadurch, daß er etwas erfindet oder auch nur findet, sondern indem er durchaus Bekanntes, von lang her Überkommenes bewahrt, hegt und pflegt, es allenfalls vorsichtig perfektioniert – und es an die junge Generation in makelloser Solidität weitergibt. "Meister", "Maitre", "Master" usw.: alle diese Wörter kommen vom lateinischen "Magister" her, welcher den Lehrer bezeichnet, den Bewahrer und Vermittler der Tradition, dessen "Meisterwerk" eben aus der Bewahrung und makellosen Vermittlung entsteht.

In Asien, vor allem bei Konfuzius und den japanischen Zen-Meistern, bildet sich diese Lage noch resoluter ab als in Europa. Dort ist der Meister, der chinesische "Sensi", der japanische "Meisako", von der Wortbedeutung her identisch mit dem "Älteren"; sein Meisterwerk ergibt sich potentiell bereits aus dem Ältersein, und der wahre Weise oder Zen-Meister zeigt sich, indem er den natürlichen Rang und die eminente Lebensnützlichkeit des Älterseins für die Gesellschaft und für jeden einzelnen mit voller Präzision lehrt und vordemonstriert.

Darin liegt natürlich die Gefahr der sozialen Versteinerung, des Mandarinentums. Bei den berühmten Meistersingern der deutschen Renaissance nahm das streckenweise richtig komische Formen an, wie jeder Opernbesucher bei Richard Wagner erleben kann. Sogenannte "Merker" wachten darüber, daß alle "Neuen Töne" sich streng in die vorgegebenen Regeln einfügten, was zu grotesken Disproportionen und lächerlichem Schwulst führte. Immerhin, zum "wahren Meister" stieg man nur auf, wenn man mit wirklich neuen Tönen aufwartete, mit Tönen, die so süß oder gewaltig oder beides zugleich waren, daß die Gemeinde der Sänger aufjauchzte und auch der verbissenste Merker in der Seele getroffen war und Gnade (in sämtlichen Sinnen des Wortes) vor Recht ergehen ließ.

Wahre Meisterwerke entstehen immer im Übersteigen des Vorgegebenen, aber sie beweisen ihre Meisterschaft in erster und auch noch in zweiter Linie allein durch den Respekt, den sie der Tradition zollen. Das Neue im Meisterwerk rechtfertigt sich nicht sui generis, nicht dadurch, daß es einfach neu ist, sondern indem es vorhandene Räume erweitert und mit zusätzlichen Farben füllt. Es zerstört nicht, sondern bereichert, manchmal mit einer Intensität, die das Vorhandene allmählich verblassen läßt und in Duft und Erinnerung auflöst.

Was ein künstlerisches oder literarisches Meisterwerk von einem Elektrizitätswerk à la Oskar von Miller unterscheidet, liegt genau in diesem speziellen Verhältnis zur Erinnerung. Die Erinnerung, die ein modernes Elektrizitätswerk an eine überholte Energiequelle früherer Zeiten weckt, etwa an ein Mühlrad am rauschenden Bach oder an eine von Eseln oder Kamelen gezogene Schöpfkelle, mag mancherlei romantische, idyllische Assoziationen hervorrufen, im Letzten stiftet sie Gleichgültigkeit. Das Mühlrad am Bach und die Esels-Schöpfkelle gehen uns nichts mehr an, betreffen uns nicht mehr. Bei den Erinnerungen der künstlerischen Meisterwerke ist das dagegen anders.

Sie verknüpfen Vergangenheit und Gegenwart (und Zukunft) mit unzerreißbaren und höchst wahrnehmbaren Banden, und nur so kann der Mensch leben, überleben, als Mensch überleben. Viele künstlerische und literarische Neuschöpfungen wissen das leider nicht mehr, und deshalb sind sie (allerbestenfalls) nur E-Werke, spenden, mag sein, ein bißchen Energie, ohne daß der Konsument aber wüßte, was er damit anfangen soll. Dann lieber auf ins Deutsche Museum, wo die wahren E-Werke ausgestellt sind!

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