Pankraz, die Gärtnerinnen und der optimale Film

Mit vollem Bierernst hat kürzlich eine britische Medienprofessorin der Universität Bristol das Mischungsverhältnis der Strategien und Ingredienzien für "den optimalen Film" errechnet. Indem sie viele erfolgreiche Filme der Vergangenheit wie "Titanic" oder "Vom Winde verweht" immer wieder in ihre Einzelbestandteile zerlegte und analysierte, will sie zu einem "Prozentschlüssel" durchgestoßen sein, von dem man annehmen dürfe, daß er allgemein gültig sei und von Produzenten wie Regisseuren künftig als "Handlungsmodell" angewendet werden könne.

Die "story", die Erzählung, also das, worum es eigentlich geht, trägt demnach nur mit zehn Prozent zum Gelingen des Ganzen bei; ausschlaggebend auch bei ambitiösen Streifen ist die "action", das Zappeln und gegenseitige Wehtun der Schauspieler, das Fuchteln mit dem Revolver, die Handkantenschläge, das In-die-Luft-Jagen von Autos und Häusern. Dieser "action", sagt die Wissenschaftlerin, müssen in jedem Falle 31 Prozent der Spielzeit und der für die Entstehung des Werks aufgebotenen Geistesenergie vorbehalten sein.

Weitere Daten: 17 Prozent "comedy", also Scherze, Jux und Tollerei, auch wenn es um schrecklichste Dinge geht; 13 Prozent "Gut gegen Böse"; 10 Prozent Spezialeffekte, 8 Prozent Musik. Die restlichen 11 Prozent verteilen sich auf weniger wichtige, in sich variable Aufwendungen wie Schnittechnik, Farbgebung, Attraktivität und Können der Schauspieler, Landschaftsbilder usw.

Wohlgemerkt, es ist bei dieser Auflistung nicht (oder nicht allein) der Erfolg an den Kinokassen zugrunde gelegt, es geht nicht um eine Gebrauchsanweisung zur Verfertigung von populären Publikumsknüllern. Deshalb ja beispielsweise die gering bemessene Rolle der Schauspieler.

Nein, es geht der Professorin um Wichtigeres. Angepeilt ist das filmische Meisterwerk an sich und überhaupt, von dem die Massen ebenso eingenommen sind wie die professionellen Filmkritiker, das einen Ehrenplatz in den Archiven zugewiesen bekommt und später in den Nachtprogrammen immer wieder gesendet wird und an dem die Studenten in den Filmakademien lernen, wie man es richtig macht.

Voreiliger Spott ist nicht angebracht. Die Verfertigung eines Kunstwerks aus der Retorte ist ein alter Wunschtraum nicht nur von Ästhetikern. Weshalb, so wurde schon von Aristoteles und anderen praktischen Leuten in der Antike gefragt, soll es nicht möglich sein, ein optimales Kunstwerk aus seinen einzelnen Bestandteilen zusammenzubauen, und weshalb sollen die Bestandteile nicht genau quantifiziert und im Stil einer mathematischen Formel miteinander in Verbindung gebracht werden?

Das war ja später auch das Ideal von Michelangelo und Leonardo da Vinci. Und gilt die Mathematik nicht auch heute noch gerade bei den feinsten, nachdenklichsten Geistern als Elixier der Vollkommenheit, in dem sich Handwerkertum und Genialität, Logik und Intuition zu wunderbarer Ehe vereinigt haben?

Besonders bei Kunstwerken, die als Gemeinschaftsarbeit, im "Teamwork", entstehen, wo zudem – wie im Film – mit hohen Investitionen gerechnet werden muß, wo es dauernd auch um Geld und alle möglichen "kunstfremden" Kalkulationen geht, kann man sich die Berücksichtigung vorgegebener, mathematisch formalisierter Modelle gut vorstellen, ja, es ist eigentlich gar nicht möglich, sie sich nicht vorzustellen. Der Regisseur mag noch so genial sein – einfach aus dem Bauch heraus operieren kann er nicht, er ist in erster Linie ein kaltblütiger Rechenkünstler, der in jeder Schaffensphase mit mehreren Unbekannten, die nur teilweise in seiner Gewalt stehen, operieren muß. Und so wie ihm geht es den meisten im Team.

Dennoch, Pankraz zögert nicht, die Prozentberechnung für den "optimalen Film" aus der Universität Bristol als kompletten Unsinn abzuheften, bestenfalls als einen doch nicht ganz ernst gemeinten "university joke" der höheren Gattung. Und das liegt weniger an der Mathematisierung als an dem Mißverständnis, daß die Summe der Einzelteile identisch sei mit dem vollendeten Ganzen, daß also das Ganze genau soviel sei wie seine Einzelteile und kein Gran mehr.

So etwas stimmt schon in der simplen Technik nicht, ein ganzes Auto ist immer mehr als seine Einzelteile. In der Kunst (und der "optimale Film" ist in jedem Fall Kunst) verhält es sich so, daß erst vom Ganzen her die Einzelteile (die "Prozentanteile") ihre Rechtfertigung und ihren eventuellen Glanz erhalten. Mag sein, ein Film enthält punktgenau 31 Prozent "action", 8 Prozent Musik und 13 Prozent "Gut gegen Böse" – wenn die "Chemie" nicht stimmt, wenn nichts zusammenpaßt und das Ganze in keiner Richtung irgendeinen Sinn ergibt, helfen auch die schönsten Einzelheiten nichts, wirken nur peinlich.

Unzählige Filme (und nicht nur Filme) scheitern an dieser Klippe. Es gibt in ihnen, loben die Kritiker etwa, "eindrucksvolle Einzeleinstellungen", "starke Gesichter", das Gute siegt am Ende irgendwie. Doch unterm Strich bleibt nichts als Verdrießlichkeit, der Streifen verschwindet so schnell wie möglich aus den Kinos, und die Eleven lernen daraus später lediglich, wie man es nicht machen soll.

Der Sprung von der Summe der Einzelheiten zum wahren Ganzen ist nicht in Prozenten auszudrücken, und er ist wohl auch nicht zu berechnen, auch vom genialsten, gewitztesten Mathematiker nicht. "Mögt ihr Stück für Stück bewitzeln, / Doch das Ganze zieht euch an", singen die Gärtnerinnen beim Karneval im zweiten Teil des "Faust". Sie kennen aus ihren Gärten den Unterschied am besten. Ihre Rosen bestehen aus soundsovielen Blättern, und jedes einzelne dieser Blätter ist so gut wie nichts. Aber der Schönheit der Rosen tut das keinen Abbruch, auch wenn man nicht weiß, woher diese Schönheit kommt und wohin sie geht.

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