Lindenbaum

Das Lied steht an fünfter Stelle, kein Volkslied, nein, und was an dem variierten Strophenlied in idyllisierenden Chorbearbeitungen nach Volkslied klingt, das hat mit der Schubertschen „Lindenbaum“-Vertonung nicht mehr gemein als die Melodie der ersten und letzten Strophe. Zuvörderst die Klavierstimme bringt Erinnerungsbilder von besänftigendem Lufthauch herauf, von kalten Winden, die dem Wanderer ins Angesicht blasen, und die Sehnsucht nach Ruhe unter dem Lindenbaum, und sie erst grundieren das Lied mit jener Todessehnsucht, welche, löst man die Melodie aus dem Lied und das Lied aus dem Zyklus heraus, verlorengeht wie die beschworene Heimat, die erst als verlorene erkannt wird. Der Baßbariton Hans Hotter hält die „Mutter aller Baumlieder deutscher Romantik“ – so ein Kalauer des Musikschriftstellers Oscar Bie – durch alle Strophen in stetigem Fluß, wie auch Erik Werba am Klavier die einkomponierten Momente des Innehaltens lieber zu früh aufgibt, als ein Stocken des Liedflusses zu riskieren. Ohne weiteres verfügt Hotter über die Stimmgewalt zu großem Ausbruch, und in zwei Liedern aus „Schwanengesang“ – „Die Stadt“ und „Der Doppelgänger“ nach Gedichten Heinrich Heines -, die zum Verstörendsten gehören, was der todkranke, von Syphillis zerfressene Schubert komponiert, und zum Verstörendsten, was Hotter je für die Schallplatte eingesungen hat, setzt der bald Siebzigjährige die ihm verbliebenen stimmlichen Mittel auch rückhaltlos ein. Er tut dies im Dienste einer Wahrhaftigkeit, über welche hier weniger die vergängliche Fähigkeit zu Sostenuto-Singen als vielmehr die Persönlichkeit des Sängers entscheidet. Nicht ganz so vorbehaltlos mag die Zustimmung zu Hotters späten Interpretationen der Lieder von Wolf, Strauss, Loewe und Brahms ausfallen, vorgelegt in einer Edition mit leider nur allzu knapper Auswahl aus bereits Veröffentlichtem, verkaufsfördernd ergänzt durch einiges bisher Unveröffentlichte, darunter ein kleiner Querschnitt durch Hotters Opernrepertoire in Aufnahmen aus den frühen Vierzigern (Deutsche Grammophon 474 006-2). Im Dezember 1961, in seiner großen Zeit, nähert sich Hotter der „Winterreise“ mit geradezu noblem Ton, sacht, sacht und meist sotto voce, als könnte unnötige Emphase und übermäßiges Zergliedern der Texte die Wahrheit der Lieder beschädigen oder gar zerstören. Das geht einigemal zu Lasten der Artikulation, doch die Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten, welche Schubert vertont und dem Verleger Haslinger für einen Gulden das Stück hat ablassen müssen, sie bleiben allemal in Hotters Liedkunst aufgehoben. Hans Hotter ist die Schubertsche Todeslandschaft, die er zu durchwandern hat, noch durchaus eine ganz wirkliche, die Natur weniger Gleichnis denn real sinnlicher Gegenstand innermenschlichen Naturgefühls. Kein zerrissener Charakter, wie er in modernen Interpretationen von Dietrich Fischer-Dieskau bis Matthias Görne vorkommt, sondern ein aufrechter Kämpe wird getrieben und gefällt von unsichtbaren Kräften, die er nicht in sich selbst verorten kann. Ohnehin stehen Lindenbaum und Weltesche nicht weit auseinander und klafft zwischen dem Wanderer Schuberts und dem anderen Wanderer, bevor er Wanderer wird, kein Abgrund, den der einflußreichste und wohl lyrischste Wotan der Operngeschichte nicht überbrücken könnte. Den Beschluß der Edition bildet „Wotans Abschied“ ganz ohne Feuerzauber, denn die erstveröffentlichte Aufnahme von 1942, eine der frühesten Aufnahmen, die Hotter gemacht hat, schließt mit den absteigenden Akkorden der Holzbläser und Streicher zu Wotans Kuß, der Brünnhilde in Schlaf versenkt: Hier findst du deine Ruh!

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