Gipfel der Enttäuschung

Im Ursprung ist Kafka, die seit 2001 erscheinende „Zeitschrift für Mitteleuropa“, eine rot-grüne Kopfgeburt. Im Vorfeld hatte Kulturstaatsminister Michael Naumann den Vertriebenenverbänden die Kulturzuschüsse gestrichen, was die Einstellung bzw. Schrumpfung mehrerer ihrer Einrichtungen und Zeitschriften zufolge hatte. An ihre Stelle sollte Kafka als eine europäisch ausgerichtete Zeitschrift treten, mit einem internationalen Mitarbeiterstamm, in mehreren Sprachen (polnisch, ungarisch, tschechisch/slowakisch, deutsch) herausgegeben und gratis verteilt. Die Hefte erscheinen vierteljährlich unter dem Dach des Goethe-Instituts. Viel gelobt zwar, kann Kafka auf eigenen Beinen genausowenig stehen wie ehedem die eingestellten Vertriebenenpublikationen. Im Sommer wurde den Beziehern mitgeteilt, daß künftig ein Betrag von 15 Euro erhoben wird. Angesichts von Umfang, Aufmachung und Druckqualität war das nicht übermäßig viel, dennoch muß das Echo ernüchternd gewesen sein. Im nächsten Heft wurde mitgeteilt, daß die Gratislieferung weiterginge. Inzwischen hatte Rot-Grün ja auch die Bundestagswahl gewonnen. Für die Vertriebenenorganisationen bedeutete das Wahlergebnis umgekehrt den Gipfel der Enttäuschung. Schließlich hatte Edmund Stoiber angekündigt, Naumanns Streichungen schrittweise wieder zurückzunehmen. Mit den Wahlen vom 22. September haben sich alle Hoffnungen erledigt, man könne zum Vor-Naumann-Zustand zurückkehren. Prompt teilt der Deutsche Ostdienst (DOD), das Organ des Bundes der Vertriebenen (der noch immer in Bonn sitzt), vielen seiner Freiabonnenten mit, daß der kostenlose Bezug mit Jahresschluß endet. Seine Verbreitung wird also weiter zurückgehen. Ist das ein Verlust? Kaum. Auch die kürzliche Umstellung vom Zehntage- zum Monatsrhythmus hat nichts am Charakter desDOD als ein autistisches Verlautbarungsorgan geändert. So ist die Lage. Nehmen wir also mit Kafka vorlieb und messen das Journal an seinen eigenen Ansprüchen. Im Editorial der ersten Nummer waren als Aufgaben genannt worden: die „Denkgefangenschaft der Vergangenheit“ aufzubrechen, Mitteleuropa „als geistigen Standort wieder ins Bewußtsein“ zu rücken, ein „Forum (für) Dialoge“ zu bieten. Sämtliche Hefte folgen demselben Muster. Ein zentrales Thema wird vorgegeben und von den Autoren aus unterschiedlichen nationalen Blickwinkeln variiert. Das Ergebnis ist interessant, wenn das Thema hinreichend konkret und tragfähig ist. Das trifft zum Beispiel auf das Heft Nr. 3, „Brüche. Zäsuren“, zu, in dem anhand der Jahre 1956, 1968, 1980/91 (Solidarnozc) und 1989 die Entwicklung der Oppositionsbewegung im ehemaligen „sozialistischen Lager“ vorgestellt wird. Hier fügen sich die Ereignisse zu einem Mosaik zusammen und erscheint der „Mitteleuropa“-Begriff lebendig. Unverständlich ist nur, daß der Ost-Berliner Aufstand vom 17. Juni 1953 keine Erwähnung gefunden hat. Andere Hefte wirken lediglich bemüht. Die siebte Nummer war dem Bildungsthema gewidmet. Eine längst vergessene Berliner SPD-Bildungspolitikerin ließ sich über die Pisa-Studie aus, und ein McKinsey-Berater kam zu dem Ergebnis, daß man bis ins hohe Alter werde lernen müssen! Mitteleuropa verfehlt, möchte man ausrufen. Die größte Leistung von Kafka liegt – aus der Sicht deutscher Leser – darin, daß hier Autoren aus mittelosteuropäischen Ländern vertreten sind, die im hiesigen Kultur- und Literaturbetrieb – wenn überhaupt – eine unverdiente Nischen-Existenz fristen. Die lesenswerten Kafka-Texte stammen vor allem von ausländischen Autoren, stellvertretend seien die polnischen Schriftsteller Stefan Chwin und Andrzej Stasiuk genannt. Aber wie verhält es sich mit dem Aufbrechen der „Denkgefangenschaft“ und dem „Dialog“? Themen gäbe es genug. Nehmen wir nur die Diskussion um den den bevorstehenden EU-Beitritt Tschechiens und die Benes-Dekrete. Prag ist eine Herzstadt Europas, eine Verweigerung der EU-Mitgliedschaft ist praktisch undenkbar. Andererseits bedeutet es für die europäische Rechtsgemeinschaft einen Schlag mit unabsehbaren Folgen, wenn der tschechischen Seite ein politisch begründeter Dispens von elementaren Rechtsprinzipien erteilt wird. Wie hält man diesen Widerspruch aus? Ein grenzüberschreitender Dialog darüber wäre nötig, findet aber in Kafka nicht statt. Oder: Die kleinen baltischen Länder werden von der EU aufgefordert, den russischen Einwohnern volle Gleichberechtigung zu gewähren. Von Brüssel aus ist das leicht ausgesprochen. Doch wie ist die psychologische Situation der Esten, Litauer, Letten, die 50 Jahre lang einer kommunistischen Fremdherschaft unterworfen wurden und die russischen Zuwanderer als Angehörige der Kolonialmacht empfinden mußten? Rußland hat bis heute nicht um Entschuldigung für Besatzung, Deportationen und Massenmord gebeten, geschweige denn Wiedergutmachung geleistet. Kafka schweigt sich aus. Die Beispiele zeigen: Echte Konflikte werden weitgehend ausgespart. Als Grund darf man wohl auch eingebaute ideologische Bremsen vermuten. Das Thema „Heimat“ muß in Kafka (Heft 2) natürlich „Fremde Heimat“ heißen. Es kann, wie die rumäniendeutsche Schriftstellerin Hertha Müller in einem bewegenden Aufsatz zeigt, sehr tiefe, persönliche Erfahrungen geben, die nahelegen, sich auf geographisch verortete Heimatgefühle nicht mehr einzulassen. Dagegen ließen sich freilich Uwe Johnsons „Jahrestage“ anführen. Doch man diskutiert nicht auf dem Niveau von Uwe Johnson, sondern auf dem von Richard Herzinger, der sich den Bezug auf den Heimat-Begriff erwartungsgemäß nur aus den „Irrungen und Wirrungen deutscher Bewußtseinsgeschichte“, aus „vorpolitischer Stammeskultur“ und als „Emblem des Antimodernismus“ vorstellen kann. Immerhin, solche schrillen Töne wirken im internationalen Kontext von Kafka nur noch lächerlich. Die schwächsten Beiträge kommen aus Deutschland, was daran liegt, daß die meisten Autoren sich die Beschäftigung mit mitteleuropäischen Themen nur als Fortsetzung deutscher „Vergangenheitsbewältigung“ vorstellen können. Natürlich gibt es auch publizistische Glanzstücke, so von Helga Hirsch über die politischen, moralischen und geistigen Metamorphosen eines Mannes aus Ostpolen, den es nach dem Zweiten Weltkrieg in die deutschen Ostgebiete verschlägt, oder von Ulla Lachauer über die Gulag-Stadt Karaganda, doch das sind Ausnahmen So breitet Michael Wildt vom Reemtsma-Institut sich mit einem Aufsatz über das Führungscorps des Reichssicherheitshauptamtes aus, und die Berliner Journalistin Renee Zucker singt ein Loblied über den „Nürnberger Lernprozeß“ 1946 (beides im „Bildungs“-Heft). Frau Zucker ist sich nicht bewußt, daß sie sich auf ein rechtshistorisch und -philosophisch vermintes Gelände begibt. Die von Stalin mitvollzogene vierte Teilung Polens, die russische Annexion der baltischen Länder, der nördlichen Bukowina und Bessarabiens, der Angriff auf Finnland, die Deportation und Dezimierung ganzer Volksgruppen durch Stalin, die Verbrechen an der ostdeutschen Zivilbevölkerung durch die Rote Armee – alles mittelosteuropäische Themen nebenbei – fielen theoretisch (Stéphane Courtois hat das im „Schwarzbuch des Kommunismus“ nochmals dargelegt) ebenfalls unter das Statut des Tribunals. Doch eben nur theoretisch. Was lernt man aus dieser Kluft zwischen Theorie und Praxis für Mitteleuropa? In Kafka: Nichts! Man findet Artikel à la Wildt und Zucker in jedem beliebigen Presseorgan. Warum auch noch an dieser Stelle? Das Drei-Monats-Intervall und das konzeptionelle Korsett der einzelnen Numern machen echte Debatten und Dialoge schon objektiv fast unmöglich. Im Ergebnis stehen die Aufsätze oft nur unverbunden nebeneinander. Oder ist der Mitteleuropa-Begriff in Wahrheit einfach zu schwammig, zu wenig fundiert? Geographische Begriffe wie Schlesien, Pommern, Ostpreußen usw. kommen übrigens in Kafka nicht mehr vor. Aber das ist wohl ein erwünschter Nebeneffekt der Übung. „Kafka“. Zeitschrift für Mitteleuropa. Bezug: Inter Nationes. Vertrieb. Kennedyallee 91-103, 53175 Bonn. Das Jahresabonnement kostet 15 Euro.

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