Ewiges Kräftespiel

Igby Slocumb (Kieran Culkin) ist ein verärgerter und sarkastischer 17jähriger Schüler, rebellierend gegen die verlogene amerikanische Wohlstandswelt, in die er hineingeboren wurde. Sein Vater Jason (Bill Pullman) hat sich durch schizophrene Anfälle langsam aus dem Leben in seine ganz eigene Welt zurückgezogen, dämmert schließlich in einer Anstalt vor sich hin. Mutter Mimi (Susan Sarandon) zeigt sich ihren beiden Söhnen gegenüber nur als distanzierte, selbstbezogene und tablettenabhängige Frau, die mittels rigider Vorschriften ein Familienregiment zu führen gedenkt. Igbys Bruder Oliver (Ryan Philippe) übt sich als „young republican“ in materialistischer Weltanschauung. Dies ist die Ausgangsbasis für Igbys Entschluß, ein besseres Leben außerhalb seiner Familie zu suchen. Mit Hilfe der Kreditkarte seiner Mutter flüchtet er aus der „Midwest military academy“, in die er gesteckt worden war, beginnt eigenständig eine Reise nach New York, quartiert sich bei der Geliebten Rachel (Amanda Peet) seines reichen Patenonkels (Jeff Goldblum) ein und lernt die ein paar Jahre ältere Sookie Sapperstein (Claire Danes) kennen. Igby verliebt sich in das unkonventionelle Mädchen und möchte mir ihr zusammen fortziehen. Doch dann erscheint sein Bruder auf der Bildfläche und bittet ihn zurückzukommen. Die Mutter liege im Sterben. „Igby“ ist eine Tragikomödie um das ewige Thema des Erwachsenwerdens. Komisch und bewegend in einem thematisiert der Film das Kräftespiel der Abstoßung und Rebellion gegen die eigene Herkunft auf der einen sowie der Anziehung und Bindung gegenüber dem Elternhaus auf der anderen Seite. Igby stellt dabei einen jungen Mann dar, der zahlreiche unbehandelte Wunden, das Aufbegehren und das Verlangen in sich trägt, aber keinen Weg findet, all dies verständlich auszudrücken. So führt erst der Weg über die Destruktion zu einer neuen Stufe inneren Friedens. Dieser Erkenntnis- und Selbstfindungsprozeß wurde auch schon in früherenFilmen behandelt, man denke an Mike Nichols‘ „The Graduate“ (dt. „Die Reifeprüfung“) von 1967, und beinhaltet immer wieder zahlreiche tragische Momente. Dazu gehört die Einsicht in die lebenslange Mutterbindung, trotz allen angestauten Grolls und Hasses, da Igby seine Mutter für die Selbstzerstörung des Vaters verantwortlich macht. Dazu gehört auch die Erkenntnis in die Abgründe, über denen die Erwachsenen stets jonglieren, was er an der Drogensucht und dem fortschreitenden Verfall Rachels sehen muß. Und dazu gehört das Verstehen der eigenen Begrenztheit, was ihm am Scheitern seiner Beziehung zu Sookie, die ihn von sich weist und eine Affäre mit seinem älteren Bruder anfängt, auf brutale Weise deutlich wird. Ursprünglich als Novelle geplant, arbeitete Autor und Regisseur Burr Steers zwei Jahre an der Ausarbeitung des Drehbuchs. Heraus kam ein stark dialoglastiges und zum Teil verspielt-langatmiges Spielfilmdebüt, das den Zuschauer größtenteils in der Rolle des unbeteiligten Betrachters verharren läßt. Dennoch gelingt es Burr Steers in entscheidenden Momenten immer wieder, Passagen darzustellen, in denen er die unsichtbare Wand der Distanz durchbricht und seelisch zu berühren vermag.

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