Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ein Leben ist übergenug

Nein, es war kein leichtes Leben, das man der Schriftstellerin Anna Seghers (1900-1983) in der DDR gestattete. Obwohl zur Staatsikone erhoben, mit der man auch im Ausland renommierte, und als Präsidentin des Schriftstellerverbandes im weitesten Sinne Angehörige der Nomenklatura, war für sie Selbstbestimmung nur in engen Grenzen möglich. Als sie 1947 aus dem mexikanischen Exil nach Berlin zurückkehrte – immerhin weltbekannt durch den Roman „Das siebte Kreuz“ und seine Verfilmung mit Spencer Tracy -, fühlte sie sich in einer „Eiszeit“ angekommen. Ihren Wohnsitz in West-Berlin gab sie erst im Sommer 1950 nach massivem Druck auf, wenige Monate später auch ihre mexikanische Staatsbürgerschaft. Erhofft hatte sie sich eine Existenz vergleichbar der Brechts, der in Ost-Berlin sein Theater bekam, aber zeitlebens österreichischer Staatsbürger blieb und seine Verlagsrechte und Konten im Westen hatte. Im Gegensatz zu ihm war sie SED-Mitglied und damit der Parteidisziplin unterworfen. Ihre Briefe wurden geöffnet, sie wurde bespitzelt, wobei sich Klaus Gysi, der nach der Verhaftung Walter Jankas Leiter des Aufbau-Verlags wurde, hervortat. „Ich denke ‚Ein Leben ist übergenug'“, schrieb Seghers kurz nach ihrem 75. Geburtstag an eine Freundin. Neben Erschöpfung war sie von Enttäuschung und Resignation erfüllt. Diese Einzelheiten sind nachzulesen im zweiten Band der Seghers-Biographie, den die Literaturwissenschaftlerin Christiane Zehl Romero drei Jahre nach dem ersten Buch vorgelegt hat. Die Biographie wird auf lange Zeit maßgeblich bleiben, denn außer in die Archive konnte die Autorin mit Erlaubnis der Familie auch in die Stasi-und Kaderakten und in die private Korrespondenz Einsicht nehmen. Seghers, aus einem großbürgerlichen jüdischen Elternhaus in Mainz stammend – die Eltern wurden nach 1933 ausgeplündert, die Mutter 1943 umgebracht -, wollte sich die DDR zur Heimat machen, doch der welterfahrenen, polyglotten Frau, die ursprünglich den Sozialismus für gelebte Poesie gehalten hatte, blieb der spießig-bürokratische Staat fremd. Selbst Christa Wolf, mit der sie eine Art Mutter-Tochter-Verhältnis verband, war ihr „ein bißchen zu prosaisch, wie viele der Menschen hier“. Sie blieb einsam. Aufgrund ihres Alters und ihrer Zwitterstellung im staatlichen Kulturbetrieb war sie auch von den informellen Kreisen ausgeschlossen, die kritischen Autoren Zusammenhalt und Austauch boten. Ihre Isolation wurde ihr vollends im November 1976 bewußt, als sie nicht zu der Schriftstellerrunde geladen wurde, die einen öffentlichen Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung formulierte. Im hohen Alter nannte sie Frankreich, Skandinavien, Lateinamerika und das heimatliche Mainz als die Regionen, denen sie sich am meisten verbunden fühlte, nicht die DDR. Sie schrieb weiterhin Romane und Erzählungen, darunter auch Perlen deutschsprachiger Prosa, aber keines der Werke erreichte mehr den Rang ihrer besten Frühwerke. Um so mehr kann die Biographin sich auf persönliche und kulturpolitische Aspekte konzentrieren. Seghers war von 1950 bis 1978 Präsidentin des Schriftstellerverbandes und nahm nominell eine Schlüsselstellung ein. Aber eben nur nominell. Um den Verband zu einer eigenständigen Organisation zu formen, fehlten alle Voraussetzungen. Sie verstand ihre Aufgabe im Vermitteln und Beschwichtigen, wenn die SED-Kulturfeldwebel sich Kampagnen und Repressalien ausdachten. Wie gering ihr Einfluß tatsächlich war, mußte sie 1957 feststellen, als ihre Interventionen bei Ulbricht zugunsten des Verlagsleiters Janka unerhört blieben. Man fragt sich, warum sie sich der Politik viel stärker verweigerte und ihre Reden von subalternen Funktionären redigieren ließ. Ihr Festhalten am einmal gefaßten kommunistischen Glauben, die Selbstverleugnung und das Pflichtbewußtsein sind heute kaum noch nachvollziehbar. Erst 1978, als sie schwer erkrankte, entsprach die SED-Führung ihrem Wunsch nach dem Rückzug aus dem Amt. Der zweite Band ist atmosphärisch weniger dicht als der erste, obwohl – oder weil? – der thematisierte Lebensabschnitt gründlich dokumentiert ist, viel gründlicher als ihre Jugend-, Studenten- und Exilzeit. Vielleicht liegt es daran, daß Zehl Romero, die vor allem in den USA lehrt, sich für die Einzelheiten der DDR-Kulturpolitik nicht wirklich interessiert. Daß diese sich innerhalb einer Biographie packend darstellen lassen, hat zuletzt Jörg Magenau in seiner Christa-Wolf-Biographie gezeigt. Zehl Romeros Seghers-Porträt ist von Sympathie getragen. Hinter der Staatsikone, die zu Lebzeiten stets enigmatisch wirkte, hat sie einen Menschen mit einem reichen, schweren und traurigen Leben sichtbar gemacht.

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