Die Musen blieben fern

Da sich das Vereinzelte immer im Ganzen versteckt, kann eine Biographie eine ganze Epoche verständlich machen. Das Zeitalter der sogenannten Moderne kennzeichnet sich durch eine gehörige Beschleunigung des Informationsflusses. Geschehnisse spiegeln sich immer schneller im Bericht und gewinnen Einfluß auf weitere Verläufe. Neue Mittel treten in Erscheinung. Die „Illustrationsfotografie“ avancierte infolge millionenfacher Verbreitung in der um die Jahrhundertwende entstehenden illustrativen Presse zum einflußreichsten visuellen Massenmedium. Wie jede Zeit ihre eigenen Typen erscheinen läßt, entwickelt sich der Illustrationsfotograf als Verbildlicher zeitgeschichtlicher Ereignisse. Zu den herausragenden Pionieren der frühen deutschen Pressefotografie zählt Philipp Kester, dessen Werk das Münchner Fotomuseum derzeit eine Ausstellung widmet. Als literarisch gebildeter fotografischer Autodidakt griff er selbst zur Feder und hinterließ mit seinen Bildern eine subtile Zeitzeugenschaft seiner Epoche. 1873 in Oberfranken geboren, suchte Kester zunächst in Amerika sein Glück, als Tellerwäscher, Kellner und Journalist. 1904 entstanden seine ersten nachweisbaren Aufnahmen in Kalifornien. Nach Deutschland zurückgekehrt, waren Berlin und München die Orte seiner schriftstellerischen und fotografischen Arbeit. Mit seinen ungestellten Straßenaufnahmen dokumentierte er den Alltag des einfachen Volkes und steht damit in der Tradition der Genredarstellung des 19. Jahrhunderts. 1908 wurde die Münchner Illustrierte Zeitung gegründet, die sich schnell zu einem Markt für Presseaufnahmen entwickelte, den nur wenige ortsansässige Atelierfotografen belieferten. Bis zum Ersten Weltkrieg war Kester in München der einzige Illustrationsfotograf, der ausschließlich für die lokale und überregionale Presse arbeitete. Daneben trat er als Vermittler amerikanischer und britischer Agenturfotos auf dem deutschen Illustrationsmarkt auf. Der Weltkrieg sah ihn als Kriegfreiwilligen im Range eines Hauptmanns der Reserve. Zu Beginn der zwanziger Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt von seinen Alltagsaufnahmen auf die Dokumentation nationaler, rechter und monarchistischer Kräfte im Nachkriegs-München. 1924 wurde er Berichterstatter des Hitler-Prozesses. In dieser Zeit kam es zu einer geschäftlichen Zusammenarbeit mit Heinrich Hoffmann, dessen Hitleraufnahmen Kester an die deutsche und internationale Presse vermittelte. Diese Annäherung an die Parteikämpfe der Weimarer Republik endete seltsamerweise, als die Illustrationspresse ab etwa 1925 einen Aufschwung nahm. Nun stand die verlegerische Arbeit im Vordergrund. Neben der Vermarktung seines Archivbestands erweiterte er den Agenturbetrieb durch die Vermittlung von Porträtaufnahmen Münchner Atelierfotografen, unter anderem von Theodor Hilsdorf, dem Hausfotografen des Georgekreises. 1926 entstanden noch Aufnahmen, die die bäuerliche Arbeit und Gebräuche in Bayern festhielten. Um die Mitte der dreißiger Jahre legte er die Kamera für immer aus der Hand, nachdem er 1927 Geschäftsführer des im selben Jahr gegründeten Berufsverbandes „Das Lichtbild – Interessengemeinschaft der Berufslichtbildner“ geworden war. Seine Sprachkenntnisse brachte er im Zweiten Weltkrieg als Dolmetscher und Übersetzer im Range eines Oberstleutnants in der Münchner „Auslandsbriefstelle“ ein. Da er sich nach dem Krieg ohne Altersversorgung und Vermögen wiederfand, war er gezwungen, den Agenturbetrieb wieder aufzunehmen, wozu ihm sein stattliches Archiv dienlich wurde. 1958 starb Philipp Kester in München. Das 1988 vom Fotomuseum erworbene Philipp-Kester-Archiv umfaßt annähernd 15.000 Pressebildabzüge und Glasnegative. Damit ist es der umfangreichste Fotografennachlaß aus der Frühzeit der deutschen Pressefotografie. Eine der Hauptleistungen Kesters bleiben seine Künstlerporträts, die im Zeitraum zwischen 1905 und 1933 entstanden, fast ausnahmslos im häuslichen Ambiente der Dargestellten. Bis heute bekannt geblieben sind die Bilder von Thomas Mann, den er 1905 in kopfgestützter Pose mit Fernblick aufnahm. Porträtiert wurden unter anderem Käthe Kollwitz und Frank Wedekind 1906, Alfred Kerr und Wilhelm Busch 1907, Ricarda Huch 1912, Ludwig Thoma 1913, Alfred Kubin 1924 und Klabund 1925. In knapp bemessenem Zeitaufwand entstanden pro Sitzung drei bis fünf Aufnahmen. Kester arrangierte sie ohne Kunstlicht, meist konventionell, statisch, wenig originell und mit manchmal ungünstigem Hintergrund. Mit zeitgleichen Lichtbildern der Porträtisten Nicola Perscheid, Hugo Erfarth oder der Hilsdorf-Brüder können sie nicht mithalten. Die Ausstellung vermittelt daneben einen Einblick in die damalige Aufnahmetechnik. Kester benutzte eine Spreizen Klappkamera mit Schlitzverschluß und auswechselbaren Objektiven, seit ca. 1905 die bevorzugte Kamera vieler Pressefotografen, im Plattenformat 13×18 Zentimeter. Das Standardobjektiv 180 mm hatte eine geringe Lichtstärke von 1:6,3, die Glasnegative eine Empfindlichkeit von 8 ISO, was acht- bis 32fach unempfindlicher war als bei heutigen Filmen. Pro Motiv wurden nur wenige Aufnahmen geschossen, die belichteten Platten dann in mehreren Schalen entwickelt, fixiert, gewässert und getrocknet. Im Schnellkopier-Apparat wurden unmittelbar danach Kontaktabzüge entwickelt, pro Motiv im Schnitt 20, mitunter 50 Exemplare gleichzeitig, um möglichst viele Redaktionen zu beliefern. Da es auf lange Haltbarkeit nicht ankam, legte man die Bilder erst in Spiritus gelegt und trocknete sie über offener Flamme. Per Post, Eisenbahn und Kurier versandt, hinkte die Bildübermittlung an die Redaktionen der Nachrichtenübertragung durch Telegraphie und Telefon im Pressewesen weit hinterher. Selbst aktuellste Aufnahmen wurden mit mindestens einwöchiger Verspätung gedruckt. 250 Originalfotos und Neuabzüge Kesters werden in der Ausstellung zur Ansicht gebracht, darunter auch Aufnahmen von britischen und amerikanischen Pressebildagenturen, die Kester in Deutschland der illustrierten Presse unterhandelte. Die Präsentation stellt seine Fotografien in Zusammenhang zur Bildpresse und arbeitet Bezüge zur Zeitgeschichte heraus. An Kesters Laufbahn wird so gleichsam exemplarisch das Aufkommen der neuen Medien – als Beginn einer Entwicklung, die mittlerweile beim Internet angekommen ist – veranschaulicht. Die Musen blieben jedoch fern, wie sie jeden Massenbetrieb scheuen. Spitzenleistungen des Lichtbilds erbrachte Kester nicht, er blieb in der Komposition zu konventionell, in der Anmutung sachlich, und er mied den Bereich des Ästhetischen. Im Vergleich zu Aufnahmen Eugene Atgets spürt man die fehlende Passion, daß er die Fotografie nur als Broterwerb verstand. Seine Leistung bleibt die Dokumentation. Philipp Kester, „Straßenkehrerin in der Ludwigstraße“ (München 1905): Alltag des einfaches Volkes, Thomas Mann, fotografiert von Philipp Kester (München 1905) Die Ausstellung ist noch bis zum 23. November im Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum, St.-Jakobs-Platz 1, zu sehen. Der im Nicolai-Verlag erschienene Katalog mit 255 Seiten und 245 Abbildungen ist während der Ausstellung an der Museumskasse für 25 Euro erhältlich (Buchhandelspreis 39,90 Euro).

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