Der Vater aller Dinge

Sein Buch „Die neuen Kriege“ (2002) beschließt Herfried Münkler mit einem pessimistischen Ausblick auf den drohenden Irak-Krieg. Sollten sich die USA zum Angriff entschließen, so würde das „dem jetzigen Völkerrecht den Todesstoß versetzen“ – dies eine weitere dramatische Zäsur im politischen Gestaltwandel der Gegenwart. Als dessen zentrale Strukturmerkmale nennt Münkler die Entstaatlichung und Privatisierung von Gewalt, deren Asymmetrisierung und Diffusion, schließlich die Autonomisierung des Krieges: Bewaffneter Konfliktaustrag wird nicht mehr gehandhabt von freien Akteuren, sondern hat sich gleichsam makrosubjektiv verselbstständigt. Dieser Verfallsanalyse kontrastiert der klassische Staat als auratisches Gegenmodell. Erstaunt nimmt der Leser wahr, wie unmittelbar solche Überlegungen sich in den Bahnen Carl Schmitts bewegen, der in weltpolitischer Schwellenlage nun zusehends als der Referenzautor erscheint, kein „Ideologe für die Rechten“, sondern der „jüngste Klassiker des politischen Denkens“ (B. Willms). Sein „Begriff des Politischen“ reflektiert den Staatszerfall seines Jahrhunderts und mit ihm ein ganzes System von Bestimmungen und Unterscheidungen, welche die europäische Staatenwelt zwischen 1648 und 1914 geprägt haben, ein System, das vor allem die „Hegung des Krieges“ erreicht hatte. Dies staatliche Gewalt- und Definitionsmonopol wird in der Moderne von innen wie außen erodiert, der depotenzierte Staat kann seinen Bürgern nicht mehr effektiv Schutz und Weltkontur garantieren. So wird das Politische diffus, frei flottierend und situationsabhängig; sein Kriterium kann nur mehr ein formales sein, ein Indikator für Assoziation und Dissoziation, eben Freund und Feind. Man muß also vom Konflikt her denken, weil er die große Herausforderung darstellt, nicht vom Konsens und der Normalität aus. Existentiell unausweichlich wird der Konflikt zumal im Krieg, dem Ausnahmezustand zur normalen Ordnung. Ihm, dem schrecklichen „Vater aller Dinge“, widmete sich die 3. Winterakademie des Instituts für Staatspolitik in Thüringen vom 28. Februar bis 2. März. Acht Vorträge waren unterschiedlichen Aspekten des Themas gewidmet, so den anthropologischen Grundlagen von Aggression und Konflikt, einer historischen Phänomenologie der Kriegsformen, den Theoretikern Carl Schmitt und Martin van Creveld, dem Cyberwar, der Ästhetik des Krieges, Coppolas „Apokalypse now“ und dem Luftkrieg über Deutschland. „Krieg – Nur eine Erfindung?“ fragte Karlheinz Weißmann, eine These M. Meads vom Krieg als „künstlichem“, somit „pädagogisierbarem“ Sozialkonstrukt kritisch aufgreifend. Bleibt auch die Suche nach einem „Urkrieg“ im dunkeln, muß der skeptische Anthropologe doch von einer generellen Aggressionsbereitschaft ausgehen, darf den „Naturzustand“ nicht ideal projizieren, sondern hat mit seiner schlimmsten Variante, dem „Krieg aller gegen alle“, zu rechnen. Von da aus entwickelte Weißmann ein Spektrum vier typischer Positionen, die vom „absoluten Pazifismus“ bis zu dessen Gegenteil reichen. Zu Recht reklamiert er die beiden mittleren, verantwortungsethischen Optionen („relativ bellizistisch/pazifistisch“) als die einzig „politischen“. Fatal allerdings, daß in der aktuellen Kriegsentgrenzung und -rebarbarisierung Bellizismen Auftrieb erhalten, denen ein Diskurs prinzipieller Kriegsächtung kein Paroli bieten kann. Der Krieg wird kaum verschwinden, desto mehr verschwinden freilich kulturell bedeutsame Tugenden des soldatischen Ethos wie Mut, Opferbereitschaft, Gemeinwohlorientierung. Das erzeugt eine Inkongruenz von postheroischer Mentalität westlicher Industriegesellschaften und faktisch andauernder Konfliktrealität. Dag Krienens universalhistorischer Vortrag „Der klassische, der moderne und der postmoderne Krieg – Von der Deprivatisierung zur Reprivatisierung kollektiver Gewalt“ versteht den Kriegszweck als „Aneignung oder Verteidigung von Ressourcen“ und Macht als „Metaressource“ und Letztkriterium. Gegenüber dem anarchischen Charakter des feudalistischen Fehdewesens und dem frühneuzeitlichen Geschäftszweig der Söldnerei arbeitete Krienen den fürstlichen Absolutismus als Paradigma gelungener Gewaltregulierung heraus. Durch rationale Zentralisation, effektive Bürokratisierung, Bindung des Gewaltmonopols, Entpolitisierung der Gesellschaft und stehendes Heer vermochte er den politischen Raum zu strukturieren und als souveränes politisches Subjekt jetzt exklusiv über das jus belli zu entscheiden. Dieser umfassende Disziplinierungs- und Verrechtlichungsvorgang pazifizierte die Gesellschaft, machte den Krieg zu einer kalkulierbaren Größe, einer letzten Konfliktentscheidung inter pares und fokussierte das zwischenstaatliche Gewaltpotential auf den militärischen Entscheidungskampf trainierter Berufssoldaten in der Schlacht. Diese Tradition geht mit 1914 zu Ende, findet jedoch einen Nachhall im System des Kalten Krieges nach 1945. Von ihr unterscheiden sich phänomenologisch nicht nur die postmodern diffusen, asymmetrischen Kriegsformen der Gegenwart, sondern bereits der durch besondere Totalisierung ausgezeichnete moderne Krieg. Im 20. Jahrhundert bricht das Militär aus der „Welt der Arsenale“ aus und gestaltet nun umfassende „Kriegsmaschinen“. „Die Fähigkeit zur Kriegführung schließt sich (…) kurz mit der Fähigkeit des technisch-industriellen Systems selbst, alle möglichen physikalischen, chemischen und biologischen Wirkungen und Effekte in den Dienst zu nehmen. Im modernen Kriege werden diese nun (…) zum Zwecke der Vernichtung gebraucht.“ Der kriegerische Gehalt der Ökonomie und die Durchrüstung des Krieges bis hin zu den aberwitzigen Satellitenprogrammen der USA münden so in eine „totale Mobilmachung“, von den Materialschlachten bis zur Kriegsrhetorik heutiger Beschleuniger und Rekordfetischisten. Diese Hyperrealität verdampft Raum und Zeit im herkömmlich anthropomorphen Sinn und erzeugt eine Abfolge des „totalen Raums“, dessen historisch erste Vernichtungsgestalt Ernst Jünger erlebt und benannt hat. Weitere „Masken“ des monströsen Kriegsgottes sind etwa der totale Luftkrieg, Dschungelkrieg und virtueller High-Tech-Krieg, denen weitere Referate gewidmet waren. Auf großes Interesse stießen die Thesen des seit Monaten diskutierten Werks „Der Brand“ von Jörg Friedrich. Als bahnbrechend erscheint vor allem seine neue Sichtweise, eine ebenso sensible wie analytisch scharfsinnige phänomenologische Tiefenschau von Menschen, Dingen, Orten, Situationen, deren Subtilität eine philosophische Qualität freisetzt. Der Bombenkrieg mit seiner Zivilvernichtung zeigt einen typischen Totalisierungsaspekt des nachklassischen Krieges, eine tödliche Nivellierung und „dunkle Folie, die über die deutschen Städte gezogen“ wurde. Er entwickelte eine „Logik des Terrors“ und „neuartige Organisation der Gewalt“, die alle Beteiligten in sich zog. Den bedeutendsten Kriegsfilm aller Zeiten dreht Ford Coppola mit „Apokalypse now“ (1979). Er gehört in die Reihe der Vietnam-Filme, verzichtet gleichwohl auf dokumentarische Nähe zugunsten einer extremen Kunstform. Nach Einführung Ulrich Fröschles in die vielschichtigen „Intertextualitätskonstellationen“ des Films am Beispiel des „Walkürenritts“ wurde das Meisterwerk selbst noch einmal gezeigt. „Apokalypse now“ schildert die Initiationsreise des Leutnant Willard ins „Herz der Finsternis“, wo er einen Auftrag auszuführen hat. Die Logik der Erzählung wurzelt dabei in einer symbolischen Geographie, die zwei gegenläufige kosmologische Diagramme in einer identischen Struktur – einem konzentrischen Kreisschema – verschränkt. So ergibt sich die Interferenz zweier genuin verschiedener Schöpfungsmythen, die jedoch modern-existentialistisch umgedeutet werden, denn wo wäre in dieser eschatologischen Chiffre die Stelle Gottes? Dessen logischen Ort hat Colonel Kurtz besetzt, eine rätselhafte Figur „jenseits von Gut und Böse“, der – halb Weiser, halb nihilistischer Übermensch – die Paradoxie des Seins erleidet, schließlich einen archaischen Opfertod stirbt. Frank Lissons Vortrag zur Ästhetik des Krieges suchte den Impuls der „Grenzerfahrung“ historisch zu verorten und seine künstlerischen Verarbeitungsformen darzustellen. Vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint der Krieg als Projektionsfläche zivilisationskritischer Visionen von Weisheit, Tiefe, Ursprung, Schönheit, Rausch und Ekstase, Eros und Vernichtung gedient zu haben. Kenntlich wird dahinter die archetypische Sehnsucht nach dem Heiligen und der Aufhebung des Profanen. Auf die großen Fragen kamen noch einmal Oberst Klaus Hammel und Erich Vad zurück. Hammel präsentierte in seinem Vortrag den israelischen Militärschriftsteller und Kriegstheoretiker Martin van Creveld mit dessen Positionen und Begriffen zur Transformation von Staat und Krieg als Weiterführung Schmittscher Analysen. Vad nahm die Gelegenheit wahr, bei seiner Reflexion über „Friedenssicherung und Geopolitik im Denken Carl Schmitts“ diesen dem überwiegend jungen Publikum als anhaltend brisante Problemperspektive vorzustellen, als „Seismograph der politischen Wirklichkeit“. Die sei in den letzten Jahrzehnten in der BRD aus der Perspektive eines außenpolitisch coupierten Pseudoidealismus wahrgenommen worden, der sich der Nischenexistenz der Nachkriegszeit verdankte, die bundesdeutsche Generallinie aus „einzigartiger Schuld“ und allgemeinem Wohlstand. Dagegen stelle Schmitts Realismus die richtigen Fragen und eröffne einen substantiellen Zugang zur internationalen Politik, auch heute noch.

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