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Der gefährliche Mythos

Der Mythos vom „jüdischen Bolschewismus“ gehörte zu den zentralen Aussagen der nationalsozialistischen Weltanschauung und bestimmt deshalb bis heute das Verständnis dieses wichtigen Schlüsselbegriffs – eben nur mit umgekehrtem ideologischen Vorzeichen: Wollten die Nationalsozialisten mit der Verknüpfung von Judentum und Bolschewismus/Kommunismus eine spezifische Disposition der Juden in ihrem Verhältnis zu den christlich geprägten Völkern im allgemeinen, zum deutschen Volk im besonderen auf einen griffigen, emotional eingängigen Begriff bringen, so vermittelt die heutige Diskussion um diesen Begriff den Eindruck, als ob dieser Mythos seinen Ursprung allein in der nationalsozialistischen Ideologie habe. Weder die eine noch die andere Erklärung wird dem Problem gerecht, weil sich Mythen nun einmal nicht zu einer wissenschaftlich-rationalen Erklärung der Realitäten dieser Welt eignen. Sie können nur zu weiterer Ideologisierung und Emotionalisierung der öffentlichen Meinung beitragen. Man wird in diesem Zusammenhang nicht völlig an den Auseinandersetzungen um die Entmythologisierung des Neuen Testaments vorbeigehen können, die ihren Ausgang vor nunmehr 60 Jahren mit der Feststellung Rudolf Bultmanns begannen, daß mythisches und wissenschaftliches Denken für den modernen Menschen unvereinbar seien. Die Stichhaltigkeit dieser Aussage im Blick auf die Aussagen des Neuen Testaments bleibe einmal dahingestellt. Aber wenn schon von den progressiv-liberalen Vordenkern unseres Volkes dieser Standpunkt der Unvereinbarkeit von Mythos und Wissenschaft vertreten wird, und zwar nicht nur in Theologie und Kirche, dann sollte er endlich auch eine maßgebende Rolle in der Behandlung der zahlreichen historischen und ideologischen Mythen spielen, die uns das Verständnis entscheidender Motive und Bestimmungsfaktoren politischer und zeitgeschichtlicher Prozesse erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Mit der angezeigten Untersuchung zu diesem Thema des Bielefelder Historikers und Universitätsbibliothekars Johannes Rogalla von Bieberstein liegt ein wegweisender Beitrag für diese überfällige und deshalb notwendige Rückbesinnung auf einstmals selbstverständliche Grundzüge historischer und sozialwissenschaftlicher Forschung vor, die der heute vorherrschenden „metahistorischen-theologischen Position“ entgegenstehen. „Moralische Betroffenheit und globale Verurteilung ersetzen keine wissenschaftliche Analyse und schaffen keine Erkenntnis“, die wichtig ist, wenn man nicht nur eine feststehende ideologische Botschaft vermitteln möchte, sondern „wie es eigentlich gewesen ist.“ Nur so ist der verhängnisvollen Neigung zu wehren, aus den bekannten volkspädagogischen Gründen „alles wegzulassen, was der Botschaft nicht dienlich ist.“ Täuschungen dieser Art führen über kurz oder lang zu Enttäuschungen – und damit zur Entstehung neuer Mythen. Wenn ein Vergleich gestattet ist: Der verständliche Wunsch eines Patienten nach einer erfolgreichen Therapie darf den Arzt nicht von der Vornahme einer gründlichen Diagnose entbinden. Sie steht nicht im Widerspruch zu den Erwartungen der Therapie, sondern ist ihre unabdingbare Voraussetzung. Diagnosen orientieren sich jedoch an nachprüfbaren Fakten und Erfahrungen. In diesem Zusammenhang erinnert sich von Bieberstein an die Inschrift über dem Eingang der berühmten London School of Economics, an der er unter anderem bei Karl Popper – dem Begründer des sogenannten Kritischen Rationalismus – studierte: „Facts will make you free“. In diesem Sinne breitet von Bieberstein eine Fülle von sorgfältig belegten und kommentierten Fakten zum Thema aus, mit dem er sich seit seiner Dissertation über Verschwörungstheorien von 1776 bis 1945 ausführlich beschäftigt hat. Von herausragendem Wert sind dabei die Dokumente, die der Öffentlichkeit erst durch die Öffnung der Archive nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugänglich geworden sind. „Vieles was noch bis vor kurzem als ‚antikommunistisches Hirngespinst Kalter Krieger‘ abgetan werden konnte, kann nun mit Dokumenten belegt werden.“ Auf Grund dieser umfassenden Quellenlage läßt sich eindeutig belegen, daß der Mythos „jüdischer Bolschewismus“ seinen Ursprung keinesfalls in der nationalsozialistischen Weltanschauung hatte, sondern vornehmlich im zaristischen Rußland am Ende des 19. Jahrhunderts. In einem sehr viel stärkeren Maße als anderswo in Europa haben sich die Juden in Rußland auf Grund der rigiden gesellschaftlichen und politischen Zwangsmaßnahmen der Russifizierung und Christianisierung als „Enterbte der bürgerlichen Gesellschaft“ gefühlt und ihre Hoffnungen auf die verheißene klassenlose Gesellschaft des Kommunismus gesetzt. Insofern handelte es sich nicht um eine von den Juden nach Maßgabe der Verschwörungstheorien gesuchte, sondern um eine aus dem Schicksal der Juden in Rußland verständliche Einstellung. So erklärt sich auch der im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung deutlich überproportionale Anteil von Juden in der Kommunistischen Partei Rußlands, der mit jeder Stufe der Parteihierarchie anstieg und in den zentralen Entscheidungsgremien bei Ausbruch der Oktoberrevolution 1917 zwischen dreißig und fünfzig Prozent lag. Den Antisemiten in Rußland und in aller Welt waren derartige personelle Konstellationen ein „ausreichender Beweis, daß es sich bei dem Regime der Bolschewiki um eine ‚jüdische Macht’‚ beziehungsweise um ein ‚Sowjetjudäa’‚ handelt“ (v. Bieberstein). Dies um so mehr, als die Verbrechen der Bolschewisten während und nach der Oktoberrevolution nun „den Juden“ im Sinne einer Kollektivschuld angelastet wurden. Dabei wurde und wird noch immer vielfach übersehen, daß das religiöse Judentum wie jede andere Religion mit der gleichen revolutionären Konsequenz bekämpft wurde. Einen Eindruck von der Radikalität dieses Vernichtungskampfes vermittelt die Tatsache, daß von den 54.000 Kirchen im Jahre 1917 im Jahre 1941 in ganz Rußland noch 500 übriggeblieben waren, also knapp ein Prozent. Hunderttausende von Gläubigen aller Religionen waren harter Verfolgung ausgesetzt; viele von ihren verloren ihr Leben, darunter etwa 40.000 Priester. Der Mythos vom „jüdischen Bolschewismus“ verbreitete sich unter Hinweis auf die Entwicklung in Sowjetrußland und den kommunistischen Revolutionsversuchen in Mitteleuropa sehr schnell. Beachtlichen Anteil daran hatten unter anderem jüdische Persönlichkeiten und Organisationen, die an dem Engagement einer relativ kleinen Gruppe von Juden in den kommunistischen Parteien harte Kritik übten, teils aus grundsätzlichen, teils aus taktischen Überlegungen. In Ahnung kommender Entwicklungen eines „neuen und giftigen, ja mörderischen Antisemitismus“ auf Grund der Abwehrreaktionen der „bürgerlichen Gesellschaft“ gegen die kommunistischen Revolutionen hatte der jüdische Publizist Rappaport in seiner Schrift „Sozialismus, Revolution und Judenfrage“ bereits 1919 warnend festgestellt: „Die Juden tun nicht gut daran, sich bei der Revolution allzu viel in den Vordergrund zu stellen. Es ist zu befürchten, daß die bodenstämmige Bevölkerung (…) sich in bedrohlichen Formen gegen die Juden wenden wird.“ Für die rasche Verbreitung des auf diese Weise entstandenen Mythos vom „jüdischen Bolschewismus“ sorgte auch der amerikanische Auto-Industrielle Henry Ford mit seinem Buch „The International Jew“ (1920), das in kurzer Zeit in sechzehn Sprachen übersetzt und allein in den USA in einer Bestsellerauflage von 500.000 Exemplaren verbreitet wurde – vor allem in der Armee. Die nationalsozialistische Propaganda hat diesen Mythos also nicht selber geschaffen, sondern lediglich aufgegriffen und dann allerdings auf die Spitze getrieben. Rogallas Werk ist deshalb ein wichtiger Beitrag zum Verständnis der Entstehung, der Verbreitung und der Folgen eines geschichtsmächtigen Mythos – und damit die notwendigen Voraussetzungen einer wissenschaftlich und politisch dringend gebotenen Entmythologisierung unseres Geschichtsbildes. Johannes Rogalla von Bieberstein: Jüdischer Bolschewismus – Mythos und Realität. Edition Antaios, Dresden 2002, 312 Seiten, 29 Euro

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