Das schlechte Gewissen der Weißen

West-Australien, 1931. Konsequent und mit aller Härte verfolgt der für die australischen Ureinwohner zuständige Chief Protector Mr. Neville (Kenneth Branagh) die Rassenpolitik seiner Regierung. Zu ihren Zielen gehört es, routinemäßig alle Mischlingskinder von ihren Müttern zu trennen, um sie in speziellen Lagern und Heimen zu englisch sprechenden Dienstboten, Hausangestellten oder Farmarbeitern umzuerziehen: den Stellungen, die ihnen die Gesellschaft als einzig angemessen zuweist. Doch je heller die Hautfarbe der Kinder ist, desto besser ist auch die Schulbildung, die man ihnen gewährt. Opfer dieser Politik werden eines Tages auch die vierzehnjährige Molly Craig (Everlyn Sampi), ihre jüngere Schwester Daisy (Tianna Sansbury) und ihre Cousine Gracie (Laura Monaghan). Gewaltsam trennt man sie von ihren Müttern und verschleppt sie in das weit entfernte und von der Außenwelt abgeschnittene Camp Moore River. Von hier erscheint eine Flucht aussichtslos, zumal der eingeborene Spurenleser Moodoo (David Gulpilil) alle Ausreißer zuverlässig wieder einfängt und ins Lager zurückbringt, wo sie dann hart bestraft werden. Dennoch beschließt Molly, krank vor Heimweh und Sehnsucht nach ihrer Mutter, mit Daisy und Gracie aus dem Lager zu fliehen. Aber die einzige Orientierung, die die Mädchen in der endlosen Weite des australischen Kontinents haben, ist ein Zaun, der als Schutz der Farmen vor Kaninchen das ganze Land durchzieht – auch bekannt als No. 1 Rabbit-Proof Fence. Doch zunächst müssen sie den Zaun erst einmal finden, und dann ist ihnen auch der berüchtigte Fährtenleser Moodoo dicht auf den Fersen. Und während in Sydney Chief Protector Neville ihre Flucht mit Hilfe der Polizei generalstabsmäßig zu beenden gedenkt, trennen immer noch 2.000 Kilometer die Mädchen von ihrem Zuhause … „Long Walk Home“ basiert auf den Memoiren von Doris Pilkington Garimara, der Tochter von Molly Craig. Durch ihr Buch wurde die Praxis der Wegnahme von Mischlingskindern von seiten der Regierung – die immerhin noch bis 1970 angewendet wurde – einer breiten Öffentlichkeit bekannt, die sich damit vorher kaum auseinandergesetzt hatte. Selbst die Tochter der Autorin mußte dieses Schicksal noch erleiden, ihre Mutter hat das Mädchen nie wiedergesehen. In Literatur, Film und Presse des Landes spielt das schlechte Gewissen der weißen Bevölkerung gegenüber den fast ausgerotteten Ureinwohnern, die seit 50.000 Jahren auf dem australischen Kontinent leben und deren wenige Nachkommen heute in der Regel in öden Reservaten ein erbärmliches Dasein fristen, eine immer stärkere Rolle. Während jahrzehntelang mit der Verdrängung der alten Schuldkomplexe eine totale Negierung jeder eigenständigen Eingeborenenkultur einherging, hat besonders in der jüngeren Generation inzwischen ein intensiveres Interesse an den Traditionen und Problemen der schwarzen Bevölkerung viel an Information vermittelt, aber gleichzeitig auch unverheilte Wunden aufgerissen. Gleich mehrere Filme befassen sich mit diesem Themenkreis, und Phillip Noyce‘ „Long Walk Home“ ist für die Australier ein Beitrag dazu, zwischen den sich selbst isolierenden und aus Unwissen und Schuldgefühl sich skeptisch gebenden Weißen und der fremdartigen Welt der Schwarzen, die auch heute noch in Stammesverbänden leben, zu vermitteln. Noyce, der mit der Verfilmung des Graham Greene-Stoffes „Der stille Amerikaner“ (2002) auf verschiedenen Filmfestspielen große Erfolge feiern konnte, beweist auch hier seine Neigung zum suggestiven, atmosphärischen Detail. Der halluzinatorisch-mesmerische Rhythmus des Films, der durch die Musik Peter Gabriels kongenial begleitet wird, führt dazu, daß der Zuschauer schon bald aufhört, mit dem Verstand Fakten zu addieren, sondern allmählich beginnt, die Tragödie der drei Mädchen mit dem Herzen zu fühlen. Ungemein beklemmend sind die Szenen, wenn die Kinder sich am Ende ihrer Kräfte durch die Wüste schleppen, und bewegend, wenn Mutter und Großmutter die Mädchen endlich in ihre Arme schließen, während die Angst langsam aus ihren Gesichtern weicht und Hoffnung und Glück Platz macht. Noyce erzählt seine Geschichte mit einem bedächtigen epischen Atem, der ein realistisches Zeitgefühl aufkommen läßt und die Tragik des Ausgangs um so wirksamer macht, je ruhiger sich ihre Entwicklung fortsetzt. Dabei ist er ein großer Inszenator von Details, die ganz konkrete Realität bezeichnen. In der Beschreibung von Menschen enthält er sich jedes Pathos und jeder Sentimentalität, so daß der Zuschauer durch die Glaubwürdigkeit der Gefühle an allen Wandlungen ihres Schicksals Anteil nehmen muß. Noyce zeigt den Chief Protector Mr. Neville – der von den Eingeborenen bezeichnenderweise „Mr.Devil“ genannt wird – als selbstbewußten und pragmatischen, aber völlig humorlosen Mann, der sich sehr wohl der Tatsache bewußt ist, daß die von ihm angeordneten Maßnahmen Familien zerreißen, der aber gleichwohl der festen Überzeugung ist, für seine „Schützlinge“ etwas Gutes zu tun. Branagh spielt diese differenzierteste und interessanteste Figur des Films mit unterkühlter Souveränität, die in jeder Geste ahnen läßt, wie rabiat die australischen Ureinwohner von den zudringlichen Einwanderern überrollt wurden. Doch selbst in Nevilles ohnmächtiger Wut über die gelungene Flucht der Mädchen spiegelt sich sowohl die bittere Erfahrung als auch der rücksichtslose Ehrgeiz eines zum Instruments der Unmenschlichkeit gewordenen Bürokraten. „Long Walk Home“ ist der beeindruckende Film eines Moralisten, der manchem Zuschauer zunächst fremd und hermetisch vorkommen mag, den er wahrscheinlich als Ergebnis modisch-aufklärerischer Strömungen deuten wird, die auch vor dem fünften Kontinent nicht haltgemacht haben. Aus der sozio-kulturellen Perspektive Australiens sieht der Film freilich sehr viel konkreter aus. Aber auch die empfindsame Regie und die überzeugenden Darsteller tragen zur Eindringlichkeit des Films bei, die es unmöglich macht, sich der Auseinandersetzung zu entziehen. Foto: Daisy und Molly werden gewaltsam von ihrer Mutter getrennt

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