Chefideologe wollte er nie sein

„Die alte Rechte ist tot. Sie hat es wohl verdient.“ Mit dieser berühmt gewordenen Kriegserklärung Alain de Benoists an die „alte“ Rechte hatte der französische Philosoph und Publizist 1985 ein Gefühl auf den Punkt gebracht, das auch junge Rechte in Deutschland bis heute umtreibt. Benoist ist ein Phänomen, für dessen Wirkung es in Deutschland keine Parallele gibt. Als einer der wenigen rechten Denker der Gegenwart kann er seit Jahrzehnten für sich beanspruchen, weit über die Grenzen seines Landes hinaus auf das Denken einer jungen Generation nicht nur in ganz Europa Einfluß zu nehmen. Im Gegensatz gerade zu den südeuropäischen Ländern wie Italien und Spanien, aber auch zu Flandern und Argentinien und nicht zuletzt zu Frankreich selbst, wo seine Ideen von einer Denkschule in toto mit dem ganzen Programm übernommen wurden, hat es in Deutschland mit wenigen Ausnahmen fast immer eine stark selektive Rezeption seines Gedankenguts gegeben. Doch auch hier hat sich das Bild mittlerweile etwas gewandelt: Aus einem kleinen Kern ist inzwischen eine breitere Basis geworden. Auch wenn einige publizistische Vorhaben wie das des Figaro Magazine äußerlich gescheitert sind, sind doch die Wirkungen bis in linke Kreise hinein größer geworden. Viele, gerade Linke, geben heute zu, daß viele von Benoists Analysen von vor zehn Jahren inzwischen eingetroffen sind, sie selber aber geirrt haben. Insbesondere in Italien ist der geistige Einfluß Benoists auch in etablierten akademischen Kreisen ausgesprochen hoch. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den Regimen ihrer Satellitenstaaten fanden die Ideen der von Benoist inspirierten Nouvelle Droite (Neuen Rechten) in den meisten dieser Länder, insbesondere in Rumänien, Polen, Ungarn, vor allem aber in Rußland ein vielfältiges Echo – freilich bisweilen in Mischformen, die in Frankreich wiederum großes Unbehagen auslösten. An Versuchen in der Politik, Alain de Benoist auch als Chefideologen vor den eigenen Karren zu spannen, hat es, insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren, nicht gefehlt. So wollte etwa der französische Innenminister Michel Poniatowski (1974-77) Benoist für Valéry Giscard d’Estaings UDF gewinnen, was von ebensowenig Erfolg gekrönt war wie die entsprechenden Angebote aus dem Front National um Jean-Marie Le Pen. Auch Überlegungen nach dem Tode Francos 1975, Benoist für eine programmatische Mitarbeit an der konservativen Alianza Popular unter Parteichef Fraga Iribarne (aus der sich später der Partido Popular des heutigen Ministerpräsidenten José María Aznar entwickelte) und an einem Neuanfang einzuspannen, schlugen fehl. Ein „Chefideologe à la carte“, bei dem man sich ein paar nette Kleinigkeiten zur weltanschaulichen Garnitur aussuchte, das konnte und wollte er nicht sein. Die vielfältigen Formen der Rezeption der Nouvelle Droite und der Ideen Alain de Benoists in Europa sind bislang noch wenig untersucht. Das gilt auch für seine Wirkung auf die deutsche „Neue Rechte“. Bis zum Schicksalsjahr der Nouvelle Droite in Frankreich, 1979, konnte von einer durchgängigen Aufnahme dieser Ideen in Deutschland keine Rede sein. Ein Indiz dafür ist auch die Tatsache, daß Armin Mohler bereits 1977 unmittelbar nach Erscheinen des berühmten Werks „Vu de droite“ (Von rechts gesehen) eine lange Besprechung in Criticón lieferte, das Buch selbst aber erst 1983/84 in zwei Bänden unter dem Titel „Aus rechter Sicht“ in deutscher Sprache erschien. Vorher hatte es schon Übersetzungen ins Italienische und ins Portugiesische gegeben. Bereits ein Jahr nach Erscheinen war es mit dem Grand Prix de l’Essai der Académie Française ausgezeichnet worden. Frühe Anknüpfungspunkte zwischen Benoist und Deutschland ergaben sich vor allem mit Henning Eichberg sowie dem Kreis um die Zeitschrift Junges Forum. Doch auch der geistig stets wache Armin Mohler, der zwischen 1953 und 1961 Pariser Korrespondent mehrerer großer deutschsprachiger Zeitungen war, spielte bei diesen frühen Beziehungen eine zentrale Rolle. Alain de Benoist mochte die geistige Kapazität gewesen sein, die – ausgestattet mit der intellektuellen Fähigkeit, die verschiedensten Themenbereiche zu umfassen – Mohler sich für die Rechte in Deutschland gewünscht hätte und die diesseits des Rheins so schmerzlich spürbar fehlte. Die geistige Verwandtschaft, die Mohler mit Benoist fühlte, gründete auf der Ablehnung universalistischer Ideen, jener „All-Gemeinheiten“, die Mohler zeit seines Lebens so sehr bekämpfte. Benoist hatte mit seinem Buch „Kulturrevolution von rechts“ (1985) und seiner Adaption der Theorie zur Erringung einer kulturellen Hegemonie des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci besonders in Deutschland bei jungen Rechten eine große und bis heute spürbare Wirkung erzielt. Wohl auch deshalb, weil sie zur Zeit den einzig nennenswerten Ausweg aufzeigt, außerhalb ständiger Neugründungen von Splitterparteien dennoch politisch sinnvoll, eben im vorpolitischen Raum, tätig zu sein. Gegenwärtig sind es die US-Amerikaner, die die Richtigkeit dieser These vorexerzieren, indem sie global, insbesondere aber in Südasien und Lateinamerika als erste Bedingung ihrer Freundschaft den unbeschränkten Zugang für ihre Kulturprodukte einfordern, wohlwissend, daß ein Land zunächst kulturell „kompatibel“ gemacht werden muß, bevor es reif ist für den Massenkonsum eines möglichst breiten Spektrums amerikanischer Produkte. Die gegenwärtige weltpolitische Lage verdeutlicht, daß der westliche Liberalismus amerikanischer Prägung über ein Jahrzehnt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der einzige Repräsentant der Moderne geblieben ist. Der Liberalismus gründet auf Werten und moralischen Ressourcen, die er nicht aus sich selbst heraus erzeugen kann, das heißt, wie der deutsche Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde betonte, er „lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“. In den jüngsten Schriften Benoists spürt man sein Gefühl, in Zeiten zwischen Moderne und Postmoderne zu leben. Nichts ist entschieden, die alten unverrückbaren Sicherheiten wanken und ändern sich ständig. Die Dinge brodeln und gären im Untergrund, ohne daß sich äußerlich viel bewegte. Eine Schnelligkeit ohne Richtung, eine Hektik ohne Ziel: Die Moderne führt letzte Abwehrkämpfe für ihr universales Weltbild. Die alten Sicherheiten, auch das feste System von Rechts und Links verlieren zusehends an Aussagekraft. Wofür stehen sogenannte Linke und sogenannte Rechte heute noch? Man hat manchmal das Gefühl – und das nicht nur in Frankreich -, sie stünden eigentlich für ein und dasselbe. Für einen globalen Kapitalismus, der durch die Pseudokontrolle einer Weltzivilgesellschaft aus Nichtregierungsorganisationen und internationalen Spitzengewerkschaftern vorgeblich im Zaum gehalten werden soll. Eine „positive Globalisierung“, wie Außenminister Fischer dies vor kurzem in einer viel zu wenig beachteten Rede an der amerikanischen Universität Princeton formulierte, die die alten linken Ideale des Internationalismus ebenso befriedigt wie das Bedürfnis der amerikanischen Neokonservativen nach Bekämpfung des globalen Terrorismus. Was ist daran noch links, was ist daran noch rechts? Ist es, intellektuell betrachtet, überhaupt noch politisch zu verorten? Diese Fragen haben Benoist immer wieder umgetrieben, und er hat entschieden dazu Position bezogen. Die gegenwärtigen Zustände, das wird in den neuesten Schriften Benoists deutlich, lassen sich oft nur negativ formulieren. Das Schwanken zwischen der Moderne und ihrem Totalitätsanspruch und der Postmoderne mit ihrer Wertunsicherheit zeichnet die gegenwärtige Lage aus. Ein solches Interregnum, wie Mohler es genannt hätte, gibt aber auch die Chance, Dinge neu zu formulieren. Die Frage stellt sich seit dem 11. September 2001 mit immer größerer Klarheit, ob nicht dieses Interregnum sich langsam zugunsten eines Jahrhunderts des amerikanischen Imperiums dem Ende zuneigt. Sollte dies geschehen, dann würden die Ideen Benoists und der Nouvelle Droite eine Aktualität erhalten, die sie zu einem international ernstzunehmenden Gegner dieser unilateralen Form der Globalisierung und ihrer weltzivilgesellschaftlichen Helfershelfer machen könnte. Die Aktualität der Ideen Alain de Benoist hat gerade erst begonnen. Mit seinem Verständnis gerade auch für die deutsche Kultur und Geschichte ist er ein Glücksfall für die junge deutsche Rechte. Alain de Benoist: Am 11. Dezember 1943 in Saint-Symphorien (Indre-et-Loire) geboren, studierte Benoist Verfassungsrecht an der Juristischen Fakultät von Paris sowie Philosophie, Soziologie und Religionsgeschichte an der Sorbonne. Seit 1962 arbeitete er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Er war unter anderem Mitarbeiter des „Figaro“-Magazins (1977-1992), der Radiosendung „Panorama“ (1980-1992) und des Magazins „Hebdo“ (1991-1999). Heute ist er Herausgeber der Zeitschrift „Eléments“ (seit 1973) sowie Chefredakteur der Zeitschriften „Nouvelle Ecole“ (seit 1969) und „Krisis“ (seit 1988). Er hat über 40 Bücher veröffentlicht, darunter zuletzt in deutscher Sprache „Aufstand der Kulturen“ (1999/2003), „Schöne vernetzte Welt“ (2001), „Die Wurzeln des Hasses“ (2002) und „Die Schlacht um den Irak“ (2003). Benoist lebt in Paris.

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