Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Bilder eines Unruhestifters

Bilder wie „Das Gerücht“ oder die Titelillustration zu Ernst Niekischs Schrift „Hitler – ein deutsches Verhängnis“ sind ins Allgemeinbewußtsein übergegangen, sind dem Betrachter von häufigen Begegnungen in Zeitungen, Kalendern und Büchern bekannt. Die meisten jedoch verbinden wenig mit dem Schöpfer der Bilder, oft stößt sein Name bei Nennung auf ahnungsloses Achselzucken. Die Rede ist von A. Paul Weber. Der eigentlich auf Militaria spezialisierte Verlag E.S. Mittler & Sohn, in den 1920er Jahren der erste Verlag Ernst Jüngers, hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, erstmalig Leben und Werk A. Paul Webers in einer opulenten, mustergültig gearbeiteten und ausgestatteten, großformatigen Monographie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die beiden Autoren sind ausgewiesene Kenner der Materie, die A. Paul Weber-Experten schlechthin: Klaus J. Dorsch, der seit vielen Jahren das in Ratzeburg angesiedelte A. Paul Weber-Museum leitet, und Helmut Schumacher, der 2. Vorsitzende der Weber-Gesellschaft. Beide haben zahlreiche Publikationen über Weber veröffentlicht, darunter die Werkverzeichnisse. Andreas Paul Weber wurde am 1. November 1893 als jüngstes von vier Kindern des Eisenbahnassistenten Robert Weber und seiner Frau Marie im thüringischen Arnstadt geboren. Als „Wandervogel“ war ihm Natur und Heimat von frühauf vertraut. Daß Weber sich in den 1950er Jahren, als in der Politik die Umweltzerstörung noch überhaupt keine Rolle spielte, in Lithographien den verschmutzten Flüssen, den schädlichen Einflüssen der chemischen Industrie usw. zuwandte, rührt auch aus dieser frühen Wandervogel-Verbundenheit und der bündischen Sozialisation Webers. In Erfurt besuchte Weber die Handwerker- und Kunstgewerbeschule, halb freiwillig, halb erzwungen brach er Anfang 1913 das Studium ab. Fortan schlug er sich als Werbezeichner durch. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete Weber sich sofort als Kriegsfreiwilliger; er tat zunächst Dienst bei den Eisenbahnpionieren in Ostpreußen und war dann als Kriegszeichner bei der „Zeitung der 10. Armee“. Aus dieser Zeit stammen Webers erste Buchillustrationen für den Gedichtband „Requiem“ von Paul Lingens. Nach dem Krieg arbeitete Weber für den Verleger Axel Matthes, der wie Weber der Jugendbewegung entstammte, stattete Jugendherbergen des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbands und später Alfred C. Toepfers aus und stieß schließlich Ende der 1920er Jahre auf die nationalrevolutionären Zirkel um Ernst Jünger und Ernst Niekisch. Weber illustrierte Zeitschriften wie den Vormarsch oder Niekischs legendären Widerstand. Die Begegnung mit Niekisch darf durchaus als eine für Weber entscheidende bezeichnet werden. Weber spitzte seine Satiren zu bissigster Entlarvung der innerdeutschen Irrwege zu. Die für den Widerstand-Verlag entstehenden Zeichnungen begründeten A. Paul Webers nachhaltigen Ruhm. Am bekanntesten wurde wohl die Titelzeichnung zu Niekischs Schrift „Hitler – ein deutsches Verhängnis“ von 1931. Im Widerstand-Verlag erschien 1935 auch die erste Weber-Monographie, verfaßt von dem Philosophen Hugo Fischer (dem „Magister“ der Tagebücher Ernst Jüngers), die 1940 verboten und eingezogen wurde. 1937 wurde Weber im Zuge der Verhaftungswelle gegen den Widerstandskreis festgenommen; fast ein halbes Jahr saß er in Hamburg-Fuhlsbüttel und in Nürnberg in Haft, bis er ohne Prozeß entlassen wurde. Immerhin durfte er in der Zelle zeichnen. Mit dem etwa 50 Motive umfassenden Zyklus „Britische Bilder“, der sich kritisch mit der Geschichte, der Politik und den sozialen Zuständen im Commonwealth auseinandersetzte, gelang Weber der Durchbruch über die nationalrevolutionären Zirkel und den Widerstandskreis hinaus. Hatte er die Blätter zunächst aus eigenem Antrieb begonnen, mündete seine Arbeit alsbald in einen offiziellen Auftrag. 1940 erschienen die „Britischen Bilder“ im Nibelungen Verlag. 1941 war Weber abermals als Kriegszeichner an der Front: diesmal in der Ukraine. Nach dem Krieg hielt er sich mit Kleinaufträgen über Wasser. Zusammen mit seinem Sohn Christian druckte er schließlich seine Lithographien selbst. Weite Verbreitung finden seine Buchillustrationen zum „Simplizissimus“ von Grimmelshausen und „Der Blick vom Turm“ des jüdischen Schriftstellers Günter Anders. Etliche größere Ausstellungen werden Weber gewidmet, 1970 erhält er das Bundesverdienstkreuz, was nicht ohne Ironie zu sehen ist, hatte Weber doch zehn Jahre zuvor die Verleihung des Ordens an „Bücklinge“ mit bissigem Spott gegeißelt. Mit der öffentlichen Anerkennung treten für gewöhnlich auch Neider und Mißgünstlinge auf den Plan, so verwunderte es nicht, daß die untadeligen „Britischen Blätter“, wie die Autoren süffisant schreiben, „von Zeit zu Zeit ’neu entdeckt'“ wurden und Weber den üblichen Anfeindungen ausgesetzt war. A. Paul Weber starb 1980, wenige Tage nach seinem 87. Geburtstag. Wie wenige andere hat er das 20. Jahrhundert mit seinem kritischen Auge und seiner gespitzten Zeichenfeder begleitet. Scharfe Zeitkritik, bissige Satire und abgründige Entlarvung von Irrwegen zeichnen seine Werke aus. Zu Recht schreiben die Autoren, daß sich an Webers Bildern die Geister scheiden: „Einem Künstler kann nichts Besseres passieren.“ Peter Rühmkorf: „Dieser [A. Paul Weber] zog es vor, der Unruhestifter zu bleiben, als der er Ruhm und Anfeindung reichlich geerntet hatte.“ Einer der unschätzbaren Vorzüge des Bandes ist seine Materialfülle; die Autoren konnten aus dem Vollen schöpfen. So vereint diese ausgezeichnete Biographie eine exzellente Aufbereitung fundierter Kenntnis der Materie mit drucktechnisch brillanter Wiedergabe der Abbildungen – und ist dadurch gleichermaßen Lesegenuß wie Augenschmaus. „Das große Fest“ (auch: „…am laufenden Band“), Lithographie 1960: „Lesegenuß und Augenschmaus“ „Rückgrat raus!“, Lithographie 1951; „Hitler – ein deutsches Verhängnis“, Federzeichnung 1931 „Das Ende vom Lied: Der Sumpf“, Federzeichnung 1933; „Der Staatsfeind“, Lithographie 1956 Helmut Schumacher/Klaus J. Dorsch: A. Paul Weber. Leben und Werk in Texten und Bildern. E.S. Mittler & Sohn, Hamburg, Berlin, Bonn 2003, 352 Seiten, 356 s/w und 17 Farb-Abb., geb., 68 Euro

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