Barrikaden im Tempel

Der Vorwurf kam schon 1882 auf: mit dem „Parsifal“ wolle er eine „neue Religion“ gründen. Er geht natürlich ins Leere – aber was ist wirklich dran an am Verhältnis zwischen Wagner und der Religion, Wagner und der Theologie? Inzwischen ist auch das schriftstellerische Werk des Gesamtkunstwerklers so gut erschlossen, daß sich in den letzten Jahren die Lichtungen zwischen Werk und Prosa, zwischen Libretto und Aufsatz merklich geschlossen haben. Allein es ist auch eine Eigenschaft von Wagners ästhetischer Weltanschauung, von seinen philosophierenden, politisierenden Einwürfen, daß sie die verschiedensten Lesarten ermöglichen. Wenn sich der Theologe und Priester Peter Hofmann nun mit „Richard Wagners politischer Theologie“ befaßt, betritt er kein Neuland, doch es ist durchweg spannend, eine sehr eigene, eben wagnerische Theologie in Wagners Werk und Denken verankert zu sehen. Als dramatische Idee, so die Grundthese, durchzieht sie sein ganzes Schaffen. Bereits die in den berüchtigten Spätschriften erläuterte Idee der „Regeneration“ findet als „Ur-Konstellation“ Eingang in Wagners erstes Opernfragment „Die Hochzeit“. Goethes „Faust“, den Wagner mehrfach vertonte, wird zum Achsenpunkt auch für Wagners theologisches Denken, wenn sich „Gott“ auf „Spott“ reimt. Schon der Holländer weiß ein garstig Lied davon zu singen. Von hier zum „Tannhäuser“ ist es nicht mehr weit. Wagner „erbt von Goethe die komplexe Anlage des ‚Faust‘-Schlusses“: mit solchen faszinierenden Schlüssen erfindet Hofmann noch einmal das Gesamtkunstwerk des Wagnerschen Werks von neuem. In der Tat fallen ja theologische Probleme bei Wagner unmittelbar ins Auge: das der Iphigenie verwandte Selbstopfer Brünnhildes, der „Gott“ Lohengrin, der Mythos vom göttlichen Kind (Gottfried, Siegfried, Parsifal). Es ist, so die theologische Theorie, die Frage nach der Möglichkeit von Offenbarung und Erlösung, die Wagners Werk wie ein roter Faden durchzieht: über die merkwürdigen republikanischen Texte der Revolutionszeit, die gleichzeitige „Ring“-Konzeption und die permanente Beschäftigung mit der Figur Christi, die im „Ring“ wie im „Parsifal“ aufging. So sollte die Kunst den Gehalt der Religion retten. So sollte die Liebe „das Gesetz“ brechen, und so sollte die Musik zur „erlösendsten Kunst“ werden. Kein Zufall, daß schon in den „Meistersingern“ eine „utopische Liturgie“ zelebriert wird. Wagners Drama der Zukunft gestaltet, so Hofmanns Dramentheorie, „auch eine religiöse und rituelle Wirklichkeit, als der utopische Vor-Schein dessen, was sein kann oder sein soll“. Die Soteriologie, also die Lehre vom Erlösungswerk Christi, tritt an die Stelle des blanken Theismus. So entwirft Wagner schließlich eine Utopie des wahren Christentums, das in der Mitleidsethik des „Parsifal“ eine höchst persönliche Steigerung erfährt. Das „Bühnenweihfestspiel“ aber ist, so der Theologe, weder „Religion“ noch „Kunstreligion“, sondern zitiert – absolut utopisch – die revolutionäre „Erlösung“ von der Amtskirche, dem Staat, dem Egoismus. Die Barrikade steht schließlich mitten im Gralstempel. Daß diese „Theologie“ mit dem Kirchenchristentum der Gegenwart nichts zu schaffen hatte, liegt auf der Hand, ebenso die Tatsache, daß „Kunst“ mit diesem Konzept heillos überfordert ist. Wenn Hofmann Wagners eigene Herleitung von Beethovens 9. zum „Ring“ zitiert, spürt man indes die Hybris, die Wagners Denken bestimmte. Freilich hat Hofmanns faszinierende Deutung einen blinden Fleck: sie blendet jene vieldiskutierten Gedanken aus, die Wagner über das Judentum und „die Juden“ äußerte. Es ist sonderbar, wenn gerade die christologischen und – nach Wagners eigenen Worten – „racistischen“ Aspekte der Spätschrift „Erkenne dich selbst“ kaum diskutiert werden. Schön aber, daß Hofmann die Brüche markiert, die mitunter zwischen Musik und Drama verlaufen. Die Musikdramen sind eben doch mitunter mehr als komponierte Leitartikel zur Lage der Kunst. Freilich hat Hofmanns faszinierende Deutung, die das Scheitern der Kunst nicht ausblendet, einen Haken: Daß sich Wagners Kunst auch dem Ego eines egomanischen Künstlers verdankte, der sich im Selbstbildnis des Hans Sachs zum Heiligen Täufer stilisierte und unter „Mitleid“ etwas anderes verstand als die vorbehaltlose Menschenliebe – man ahnt es kaum. Fast scheint es, als sei der große Meister des Widerspruchs von Widersprüchen völlig frei gewesen, aber so ist es eben, wenn man über Wagner nachdenkt: der „ganze Wagner“ ist, glücklicherweise, schwer zu fassen. Peter Hofmann: Richard Wagner politische Theologie. Kunst zwischen Revolution und Religion. Schöningh Verlag, Paderborn 2003, 308 Seiten, geb., 39,80 Euro

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