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„Ich verbrenne an meinem Fieberschaum“

Der breiten Öffentlichkeit gilt er zu meist als Prototyp des exzentrischen und genialen Künstlers, der sich alle Freiheiten herausnimmt, von denen der Normalbürger nur zu träumen wagt, der seinen Arbeitskollegen das Requisitenschwert über die Helme zieht, seinen Regisseur, dem er einen Großteil seines Ruhmes verdankt, am Schlawittchen packt, seine Fans als Jesusdarsteller von der Bühne prügelt und zwischendurch die neunhundertachtundsiebzigste Frau flachlegt: Klaus Kinski, der ewig Fiebernde, Lodernde und Schäumende, immer wild nach irgendeinem Erdbeermund. Daß es daneben auch einen anderen Kinski, einen sanften und sensiblen, bislang völlig unbekannten Lyriker gab, sucht die anläßlich seines 75. Geburts- und zehnten Todestages 2001 bei Eichborn erschienene Ausgabe seiner verschollenen und erst 1999 in einem Münchner Auktionshaus aufgetauchten Jugendgedichte nahezulegen: Schon das Titelfoto, auf dem Kinski als Fürst Myschkin in der Balletpantomime Der Idiot (1952) zu sehen ist, zeigt einen scheuen, „keuschen“, unendlich verträumten Kinski im weißen Gehrock mit einer Blume in den Händen. Der von Kinski ursprünglich nur für einen der drei in dem Band publizierten Gedichtzyklen gewählte Titel „Fieber. Tagebuch eines Aussätzigen“ verrät jedoch sehr unzweideutig, wie der Dichter Kinski gesehen werden wollte. Gefiebert wird in dem Buch wohl nicht zu knapp: „Ich verbrenne an meinem Fieberschaum / und mein Maul ist von Leidenschaft zerfetzt / wie der Unterleib eines verfolgten Tieres. / Ich bin ein Neugeborener mit Asche an den Hüften -/ meine Mutter hat mich an der Nabelschnur / hochgeschleudert wie einen Hammer / und mitten in den aufgekratzten Arsch der Sonne!“ Trotz des Fiebers gelingen dem aufgekratzten Lyriker sehr originelle Reime: „bezahlen“ reimt sich auf „Milchglasschalen“, „Würdenträger“ auf „Schornsteinfeger“, „Fenstern“ auf „Lachgespenstern“ und, sehr beliebt, „pissen“ reimt sich etwa auf „durchgerissen“ oder „Tragekissen“. Sprachbegabt war der junge Kinski zweifellos, davon legen die in einem Pariser Hotel in Begleitung von Thomas Harlan, dem Sohn des Regisseurs Veit Harlan, und einer jungen Norwegerin 1953 in nur zwei Wochen entstandenen „Fieber“-Gedichte ein beredtes Zeugnis ab, nur – irgendwie glaubt man, dieses geballte und immer in derselben Temperatur kochende Gebräu von Eiterblasen, Kot, Phosphor, Müttern, Nonnen und Huren, „Madenbergen“, „Latrinenkäfern“, „Modderfischen“ und „Jesusfratzen“ schon zu kennen: von Kinskis Lieblingsdichter Villon und seinem frühexpressionistischen Übersetzer Paul Zech, von Gottfried Benn, Georg Heym, Georg Trakl und anderen, die vierzig Jahre und länger vor Kinski ihren Welt- und Lebensekel in Verse gossen. Kinskis Originalität liegt in der Bildhaftigkeit des Einzelnen, aus dem sich das Ganze zu beliebigen Wort- und Schimpfkaskaden zusammenreiht, nicht in diesem Ganzen selbst und seiner Komposition und schon gar nicht in der von vielerlei Künstlereitelkeit vor und nach ihm beschworenen Emphase von Fieber, Rausch und Leidenschaft, die auch durch das verquollene Vorwort von Harlan nicht glaubhafter wird. Kinskis Gedichte sind so genial wie er als Schauspieler war, es sind Gedichte eines genialen Schauspielers, der auch einen genialen Dichter spielen konnte – aber eben nur spielen. Klaus Kinski: Fieber. Tagebuch eines Aussätzigen. Hg. von Peter Geyer mit einem Vorwort von Thomas Harlan. Eichborn Verlag Frankfurt am Main. 128 Seiten, 25,90 Euro

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