Vorhang auf für Kaisers Wochenrückblick Foto: picture alliance/imageBROKER / JF-Montage
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JuLis, Dieter Nuhr, Giffey

Kaisers royaler Wochenrückblick

Im Jahre 1971 wurde die rheinhessische Ortsgemeinde Blödesheim, auf vielfachen Wunsch der Einwohner, umbenannt in Hochborn. 2001 versuchte Entertainer Stefan Raab in seiner damaligen Kult-Comedy-Show „TV total“ mittels einer natürlich nicht ganz ernst gemeinten Kampagne, die dort ansässige Bevölkerung dazu zu bewegen, nicht länger mit dieser Lüge zu leben und die Umbenennung rückgängig zu machen.

Komischerweise konnte der gelernte Metzger mit der Ukulele, der als Komponist einst mit Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest gewann, trotz eines wohlformulierten Werbeliedes und Zeilen wie, „wo ist die Luft noch frisch und nett? In Blödesheim, in Blödesheim. Wo geht der Bruder noch mit der Schwester ins Bett? In Blödesheim, in Blödesheim“, die Menschen nicht dazu bewegen, zum traditionellen Ortsnamen zurückzukehren.

Neues Blödesheim liegt bei der FDP

Trotzdem gibt es im Jahr 2020 jetzt sowas wie ein neues Blödesheim. Nämlich ein politisches. Zu verorten ist dieser (gemäß des Urteils von Stefan Raab) Hort der Blödheit und der Inzucht im Hoheitsgebiet der Dekadenz. Dort wo die Wir-kennen-kein-echtes-Problem-Kinder zuhause sind, dem offensten und offenbar grenzdebilsten Ort auf der parteipolitischen Landkarte: der Jugendorganisation der FDP. 

Die JuLis haben in dieser Woche auf Twitter ihre Forderung nach einer Straffreiheit von Inzest bekräftigt. „An alle, die glauben, wir würden zurückrudern oder uns schämen, weil wir den Paragraph 173StGb (Beischlaf mit Verwandten) abschaffen wollen: Das ist unsere Position, und wir finden sie richtig“, schrieben die Jungliberalen auf ihrem offiziellen Social-Media-Account, um dann in einem zwölfteiligen Strang zu erklären, warum sie das Recht auf innerfamiliären Geschlechtsverkehr für ein erstrebenswertes politisches Ziel halten.

Digitales Erbrechen im Netz

Außer bei ein paar Grünen und einigen der degeneriertesten Angehörigen der Generation Pornhub stießen die jungen Liberalen mit ihrer Forderung, trotz aller vermeintlichen Erklärungen, auf wenig Gegenliebe bei ihren digitalen Brüdern und Schwestern. Dafür auf umso breitflächigeres Erbrechen. Sogar weite Teile der #EheFuerAlle -Fraktion zeigten sich empört.

Aus gutem Grund. Hatten sie doch einst unter größtem Protest die Annahme von Annegret Kramp-Karrenbauer, daß die Öffnung der Ehe für Homosexuelle auch Türöffner für die Legalisierung von Vielehen und Inzucht sein könne, als völlig abwegig von sich gewiesen. Wenn man die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre als Maßstab nehmen kann, und in der Regel kann man das leider, dürfte es nun nur noch eine Frage der Zeit sein, bis aus dem lagerübergreifenden Kopfschütteln zunächst immer größer werdende Gleichgültigkeit und dann irgendwann allgemeine Zustimmung wird.

Dieter Nuhr outet sich erneut als Ketzer

Auch Dieter Nuhr löste in dieser Woche mal wieder einen Shitstorm aus. Einmal mehr hatte der Kabarettist sich als moderner Ketzer geoutet, weil er einen der aktuell fundamentalsten Glaubensgrundsätze auf die Schippe nahm, indem er einen der modernen Säulenheiligen kritisierte. Nachdem er in der Vergangenheit bereits an den Weltuntergangspredigten der Greta Thunberg zweifelte, hat er sich diesmal bei einem seiner TV-Auftritte eines der heiligen Bücher gegen den Rassismus vorgeknöpft – in diesem Fall aus der Feder der Autorin Alice Hasters.

Die ist zwar beim breiten Fernsehpublikum bei weitem nicht so bekannt wie die schwedische Madonna des Klimaschutzes; ihre Anhänger sind dafür aber umso fanatischer. Daß Nuhr ihr Werk „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen“, oder zumindest dessen Titel als „klassischen Rassismus“ und eine „Form der Scheinintellektualität“ bezeichnete und die Verfasserin eine „arrogante Linke“ nannte, brachte bei Twitter viele auf die Palme. Vor allem viele linke Scheinintellektuelle.

Ein Fehler spielt den Kritikern in die Hände

Daß er sich dabei auch einen Versprecher leistete und behauptete, das Buch sei „in den USA ein riesen Renner“ gewesen, statt, wie er es laut eigenen Angaben eigentlich vorhatte, von dem großen Erfolg solcher Bücher in den Vereinigten Staaten im allgemeinen zu sprechen, spielte der aufgebrachten Meute natürlich voll in die Hände. Der alte weiße Mann, so die völlig unrassistische Unterstellung, habe nur auf Grund ihrer Hautfarbe angenommen, daß Hasters Amerikanerin sei. Damit war die Auseinandersetzung mit Nuhrs Kritik dann auch weitgehend beendet.

Das Label „alter weißer Mann“ kann man eben nicht so leicht ablegen, wie einen vermeintlich unrechtmäßig erworbenen Doktortitel. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat nach langer Diskussion erklärt, künftig auf das Führen ihres Doktortitels zu verzichten. Zur Ausübung eines politischen Amtes ist ein solcher ja zum Glück auch nicht notwendig. Deshalb will die SPD-Politikerin auch ohne jegliche akademische Zierden natürlich weiterhin Familienministerin bleiben und Berliner Landeschefin ihrer Partei werden.

Bei zweiterem wäre der Anschein eines höheren Bildungsgrades vermutlich sowieso eher Ballast gewesen. Auch Giffey selbst sagt, sie sei „nicht abhängig von diesem Titel“. Vom Ministergehalt und allen sonstigen mit ihren Ämtern verbundenen Bezügen natürlich schon. In sofern kann man der Politikerin zum „freiwilligen Verzicht“ auf ihre Doktorwürde nur gratulieren. 

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