Namen nennen oder nicht? Zweierlei Maß

Es ist jetzt acht Tage her, seitdem die in Barcelona gestartete Germanwings-Maschine in den französischen Alpen abgestürzt ist. Seitdem entbrannten nicht nur heftige Diskussionen über den schrecklichen Vorfall an sich, sondern auch über die Rolle der Medien bei Katastrophen wie dieser. Das führte mitunter zu kleinlichen Rechtfertigungsversuchen zahlreicher Chefredakteure gegenüber den Lesern. Haufenweise Kritik und einen Shitstorm nach dem anderen erntete die Bild-Zeitung. Als eine der ersten Zeitungen veröffentlichte sie Namen und unverpixeltes Foto des Copiloten, der vermutlich den Airbus absichtlich am Berg zerschellen ließ.

Wenn Leser, Fernsehpublikum, Menschen vor dem Computerbildschirm darüber entscheiden, was gedruckt und gesendet wird, kann man ruhig von einer fünften Gewalt sprechen. Nun ist es nicht ganz so weit: Chefredakteure großer Medien werden sich von ihren Lesern nichts diktieren lassen, auch wenn das manchmal bitter Not täte. Dennoch war im Rahmen der Flugzeugabsturz-Berichterstattung ein interessanter Mechanismus bemerkbar, der vermuten ließe, daß sich die großen Medien tatsächlich um ihre Leser sorgen.

So schrieb die Bild auf ihrer Facebookseite, nachdem allein unter einem Posting mehrere Tausend Kommentare standen, die allermeisten ein regelrechtes Bild-Bashing: „Wir halten es für legitim, die Hauptbeteiligten von historischen Ereignissen, in diesem Fall den Täter, beim Namen zu nennen. Der Amokläufer von Erfurt hieß Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Winnenden hieß Tim Kretschmer. Die Geiselgangster von Gladbeck hießen Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski. Geschichte wird von Menschen gemacht. Menschen haben Namen. Namen sind Geschichte“, rechtfertigten Bild-Chef Kai Diekmann und Bild-Online-Chef Julian Reichelt die Veröffentlichung des vollständigen Namens samt Foto des Copiloten.

Und schon ist er wieder da, der erhobene Zeigefinger

Da war es allerdings schon zu spät. Die Netzmeute hatte längst entschieden, daß das Foto und der vollständige Name des mutmaßlichen Massenmörders nicht veröffentlicht werden dürfe. Das führte sogar soweit, daß derzeit Meldungen von Zeitungshändlern im Netz kursieren, die damit prahlen, die Bild künftig nicht mehr verkaufen zu wollen. Auf der Gegenseite stand etwa Welt-Chef Jan-Eric Peters stellvertretend für all jene, die sich dazu entschieden, besagte Informationen über den Copiloten nicht zu publizieren. Schließlich seien Journalisten nicht „zwingend Zyniker“.

Er und diejenigen, die dem Urteil der Lesermasse folgten, wurden in den Kommentarspalten indes als journalistische Moralhelden gefeiert. Ein besonders mutiger unter ihnen, Heribert Prantl, Innenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, stellte gar vier Regeln auf, was ein Journalist „tun darf“ und „nicht tun darf“. Vielleicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis es „schreiben und nicht schreiben darf“ heißt?

Nun ist das Netz eine schnellebige Welt. Was heute tabu ist, kann morgen schon in aller Munde und auf aller Bildschirme sein. Während also die anonyme Masse die Veröffentlichung von Daten über den Copiloten des Germanwings-Flugzeuges für unangebracht, äußerst rücksichtslos und unsensibel hält, geht sie genau so gegen einen Mainzer Dachdecker vor, weil dieser ein 60 Jahre altes Firmenlogo mit einem dicklippigen schwarzen Mann mit großen Ohrringen verwendet und dazu auch noch Neger mit Nachnahmen heißt.

Dort verboten, hier gewollt

Die „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ sprach ihm die Kompetenz ab, einschätzen zu können, was rassistisch sei und was nicht. Eine Facebook-Gruppe mit über 3.200 Anhängern fordert in herrischem Ton: „Das Logo soll geändert werden, das ist unsere Forderung. Wenn das passiert, ist alles gut.“

Der Vergleich zwischen einem Flugzeugabsturz mit 150 Toten und einer Forderung nach der Änderung eines Firmenlogos würde bestimmt auf beiden Beinen hinken, wäre da nicht die Tatsache, daß einigen Schreibern und ihren Lesern der Kampf gegen Rassismus mindestens genauso wichtig ist wie eine Flugzeugkatastrophe.

 

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