Joachim Kuhs

 

So gehen die Deutschen – Erster Teil

Sport, der die Massen begeistert, ist immer auch politisch. Welcher Funktionär mag schon der Versuchung widerstehen, auf dieser Bühne nicht seinen Interessen eine Stimme zu geben? Also gilt das auch für den Fußball. Wenn die Spieler auf den Platz laufen, so spielen sie eben nicht nur für sich, sondern in ihrem Spiel fühlt sich die Masse derjenigen widerspiegelt, die sich ihnen zugehörig fühlen. Ihr Geschick, ihr Kampfesmut und ihr Sieg, oder auch ihre Niederlage, es ist das Wohl und Wehe dieser Masse selbst, die sich durch dieses Erleben als Gemeinschaft erfühlen kann.

Deutlich wird dies, wenn nicht die Mannschaften von Fußballvereinen, sondern die Auswahl der Nationen aufeinander treffen. Menschen, die häufig noch nicht einmal wissen, wer gerade amtierender Meister ist, verfolgen auf einmal gebannt jedes Spiel. Es wird gebrüllt, geweint, vor Wut, Trauer oder Freude: Kurzum, die ganze Breite nationaler Gefühle bricht sich Bahn. Durchaus archaische Instinkte sind es, die hier machtvoll angesprochen werden, laufen unsere Krieger auf das Feld, ihre Kräfte mit der Blüte anderer Nationen zu messen.

Der schlimmste aller denkbaren Fälle

So machtvoll ist dieses Erleben, so stark, so unwiderstehlich in seiner Gewalt, daß sogar bei den Deutschen ein nationaler Pathos aufflammt, wie er bei diesem Volk sonst unmöglich wäre. Betroffen, ja geradezu persönlich beleidigt mußten all diejenigen, die sonst in der Kriminalisierung dieses Nationalgefühls ihr Auskommen finden, gewahr werden, wie der schlimmste aller denkbaren Fälle eintraf. Nicht einfach ein Sieg, sondern ein Triumph, wie sich zur Freude des Auslands doch noch die begabteste Mannschaft in einem durch Härte gekennzeichneten Turnier durchsetzte.

Wie mit diesem Schock umgehen? Wie verarbeitet man es, daß hier junge Männer durch Geschick und Kampfesmut einen Gegner niederrangen, der vor allen Augen seinem Ruf der Brutalität wieder bestätigte? Dieses alte Bild der Helden und Drachentöter, was kann man ihm entgegensetzen? Nun, man deutet sich die Verhältnisse zurecht. Es seien „nicht große Männer, die Geschichte schreiben, sondern Prozesse und Strukturen“, nörgelte die taz nach dem Sieg. Stattdessen hätten Investitionen in den Nachwuchs „multikulturelle Früchte“ getragen.

Ist Multikulturalismus ein Vorteil?

Gut, lassen wir dem taz-Autor den Glauben, Geschichte werde von „Prozessen und Strukturen“ geschrieben und nicht von großen Männern. Lassen wir ihm den Glauben an die „Prozesse und Strukturen“ der Bundesrepublik, die denen Argentiniens überlegen seien: „Gewonnen hat das Land mit der längeren demokratischen Tradition.“ Doch das mit den „multikulturellen Früchten“ ist dann doch eine zu arge ideologische Kopfgeburt, als daß wir sie so stehen lassen können. Wenn die taz schon die Rassenkarte spielt, dann schauen wir uns den empirischen Befund einmal an.

Der multikulturelle Pluralismus in der Mannschaft hält sich doch in Grenzen. Von den Leistungsträgern hat Jerome Boateng einen Vater aus Ghana und Sami Khedira einen aus Tunesien. Inwieweit dadurch das Gefüge der Mannschaft wesentlich verändert und „die Nationalmannschaft vielerorts für ihre multikulturellen Wurzeln gefeiert“ werde, bleibt daher Geheimnis der taz. Auch ist nicht zu erkennen, wieso das einen Vorteil bringen sollte. Jedenfalls nicht, wenn man sich die Gegner der Deutschen im Turnier betrachtet.

Am eigenen Maßstab gescheitert

Wer die deutsche Nationalmannschaft an die Grenzen einer Niederlage brachte, das war Ghana. Boatengs Halbbruder Kevin-Prince spielte hier, das war es hier aber auch schon mit der bunten Vielfalt. Ebenso Algerien und Argentinien – alles Mannschaften, die sich eher durch eine hohe Homogenität ihrer Teile auszeichneten. Anders dagegen Frankreich, das schied aber eher unspektakulär aus dem Turnier aus. Und was die multikulturellste aller multikulturellen Fußballmannschaften betrifft, nämlich Brasilien, darüber schweigen wir hier.

Will man daher die Spiele als Maßstab nehmen, wie es die taz macht, dann ist es der Ideologie des Multikulturalismus eher abträglich. Denn dann müßte der Schluß lauten: Homogenität ist Stärke, Heterogenität ist Schwäche. Das eine führt zu Geschlossenheit und hebt den einzelnen zu einer Höhe, auf die er alleine nie gekommen ist. Das andere führt zu Vereinzelung und Schwächung des einzelnen, wie der Gemeinschaft, deren Teil er ist. Nicht, daß dieses meine Schlußfolgerung ist. Aber von denjenigen, die gerne „Prozesse und Strukturen“ sehen wollen. Wenn sie ehrlich wären.

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