Schweinfurter Eifer

„Wenn man lange genug lebt“, hat Ernst Jünger mal irgendwo gesagt, „erlebt man alles und das Gegenteil.“ Wahrscheinlich hat er dabei nicht speziell den Umgang mit der jüngeren deutschen Geschichte im Blick gehabt, sondern eher die stete Umwertung der Dinge. Sie konfrontierte den Soldaten von 1914, der wie so viele andere ambitioniert, opferbereit und voll Idealismus in den Krieg gezogen war, Anfang der 1970er Jahre mit der „Anfrage eines Pennälers, was ich zum gegen mich erhobenen ‘Vorwurf des Heroismus’ zu sagen hätte“. Jünger ließ das lieber unkommentiert.

Dennoch trifft der Satz über das widersprüchliche Erleben auf das eigene Erfahrungsbild als Berufshistoriker zu. Da trifft man zum Beispiel die Kollegen, die an prominenter Stelle erklären, man „renne mit seinem Ansatz, die Ereignisse des Jahres 1939 nicht nur als nationalsozialistische Aggression zu sehen, offene Türen ein“. Da sind andere Kollegen, die dann kaum weniger öffentlichkeitswirksam meinen, „es sei die Mitverantwortung anderer Staaten längst nachgewiesen“. Schließlich waren da auch patzige Doktorandinnen der Politikwissenschaft und Zeitgeschichte, die sich empörten, wie jemand darauf kommen könne, hier so zu tun, als sei die Alleinschuldthese für das Jahr 1939 noch irgendwie akademisch satisfaktionsfähig und müsse widerlegt werden. Das sei doch alles kalter Kaffee, und man bringe nichts Neues.

Die zustimmenden Kollegen, die vorgehaltene Hand und das eingeschaltete Mikrofon

Dann gibt es Kollegen, die lebhaft zustimmen und sowohl die Notwendigkeit der Forschung als auch den Rang der erbrachten Leistung anerkennen, manche öffentlich, manche lieber privat. Des weiteren gibt es die Kollegen, die beides zwar anerkennen, aber moralische Bedenken äußern und sich fragen, ob diese Darstellung nicht dann doch um ein paar Ecken einen Nationalismus fördern könnte, den sie eigentlich nicht wollen.

Aber dann ist da eben auch die Kollegen-Prominenz, die bei jedem runden oder eckigen Gedenktag bereitwillig ins Mikrofon plappert, an der deutschen Alleinverantwortung für den Zweiten Weltkrieg gäbe es keinen Zweifel, und eine wissenschaftliche Kontroverse darüber habe es nie gegeben und könne es auch gar nicht geben. Letzteres ist insofern wichtig, als diese Formel dann bei eben diesen Gedenktagen gern von politisierenden Personen aufgegriffen wird und eigentlich den gedanklichen Hintergrund für sämtliche Verlautbarungen liefert, die in dieser Sache im letzten Jahrzehnt von deutschen Staats- und Regierungschefs zu hören waren.

Eine typisch bundesdeutsche Fragestellung

Mit dieser merkwürdigen Mischung aus Desinteresse, Anerkennung und Kritik lebt man derzeit, beschäftigt man sich wissenschaftlich mit der Erforschung internationaler Politik der Weltkriegsära. Von alldem bekommt die Öffentlichkeit normalerweise wenig mit. Nun soll der Historiker Stefan Scheil aber am nächsten Wochenende in Schweinfurt als Anerkennung den Historikerpreis der Kronauer-Stiftung erhalten. Das, so meinte ein „Bündnis“ von SPD, DGB, Linkspartei, Ver.di usw., ginge nun gar nicht. So probt man in Schweinfurt denn den Aufstand. Weil es einen besseren Eindruck macht, hat man sich unterstützende Kompetenz von außen eingeladen. Einen entsprechenden Aufruf hat die ganze SPD-Fraktion des bayerischen Landtags nebst so manchem Veteranen unterschrieben – und es tritt mal wieder ein Kollege auf.

Daher kommt denn nun Professor Wolfgang Benz am Montag in Schweinfurt im Rahmen einer Gegenveranstaltung an gleicher Stelle zu Wort. Irgendwie soll der frühere Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung dort erläutern, was Geschichtsrevisionismus sei und wem er nütze. Das ist eine heutzutage typisch bundesdeutsche Fragestellung, die schon im Ansatz das Problem vermeidet, ob dies oder jenes eigentlich wahr sei (Hat denn nun z. B. der polnische Botschafter am Vormittag des 31. August 1939 gesagt, er müsse sich nicht für deutsche Verhandlungsangebote interessieren, weil er sicher sei, daß die polnischen Truppen im Konfliktfall bald auf Berlin marschieren? Und wie läßt sich das – falls wahr – mit den gängigen Überfallthesen der bundesdeutschen Politik vereinbaren?).

Flammende Aufrufe, wirre Reden und eine Beförderung zum Professor

Man muß kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß dieses und jedwedes andere störende Detail am Montag keine Rolle spielen werden. Um den Selbstbestätigungshunger von Personen zu bedienen, die sich „Schweinfurt ist weltoffen“ auf die Fahne geschrieben haben und Miene machen, jedem kräftig zu Leibe zu rücken, der zur Zeitgeschichte etwas anderes als sie äußert, bedarf es eines anderen Programms. Gesprächsweise äußerte Kollege Benz im Vorfeld sinngemäß, man solle sich nicht so haben. Andere kämen eben zu anderen Meinungen. Das könne laut geäußert werden, und überhaupt sei dies dann insgesamt schließlich Demokratie.

Kann sein; könnte sein. Aber ist es eigentlich Demokratie, wenn die versammelte SPD-Prominenz Bayerns einen flammenden Aufruf gegen eine Person herausgibt, in dem noch nicht einmal deren Name richtig geschrieben ist? Ist es Demokratie, wenn sich der protestantische Dekan der Stadt diesem Aufruf anschließt, den Namen wenigstens richtig schreibt, aber dafür wirre Reden über die Publikationen des Betreffenden führt und ihn schließlich zum Professor befördert, der er nicht ist? Ist es eigentlich Demokratie, wenn dümmliche Ausführungen über den Inhalt der beklagten Bücher deutlich erkennen lassen, daß keiner der Eiferer sie je gelesen hat? Ist es Demokratie, wenn Narren meinen, sie könnten eine Verbindung zwischen ein paar Fachbüchern und dem Nationalsozialistischen Untergrund ziehen?

Dreißig Druckseiten und sechzig Minuten freie Rede

Man hatte sich unter Demokratie eigentlich etwas anderes vorgestellt, als den Zwang zu Lippenbekenntnissen über die neuere Zeitgeschichte, von denen jeder halbwegs Informierte wissen kann, daß sie nicht zutreffen. Man hatte sich auch etwas anderes vorgestellt, als die heute übliche, laute Empörung schon bei der Feststellung offenkundiger Tatsachen, wie sie etwa auch Erika Steinbach für den vollkommen zutreffenden Satz entgegenschlug, sie könne „auch nichts dafür, daß Polen zuerst mobilisiert habe“.

Demokratie könnte tatsächlich versuchen, den in der Sache zu widerlegen, den sie mit so viel Eifer angreift. Nun wäre das nicht möglich, so behaupten wir einfach mal nach fast zwanzig Jahren Beschäftigung mit diesen Fragen. Immerhin könnte man darüber eine akademische Kontroverse führen. Für das öffentliche Geschichtsbild gilt das nicht. Es ist nicht zu verteidigen. So wie die Dinge inzwischen liegen, reichen dreißig Druckseiten und sechzig Minuten freie Rede, um von dem, was man bei der SPD in Bayern für „unsere Geschichte“ hält, nur noch einen Schutthaufen übrig zu lassen. Vielleicht ahnt man das dort sogar – und fürchtet, schließlich ebenfalls mal das Gegenteil zu erleben.

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