Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Marionettenwechsel im Talktheater

Wäre Sandra Maischberger gern an Michel Friedmans Stelle gewesen? Was nicht ist, kann ja noch werden, hat man sich in der „Menschen bei Maischberger“-Redaktion wohl gedacht und eine kleine Justierung im Sendeplan vorgenommen. So hatte nun Herr Lucke anstelle von Herrn Sarrazin auf dem heißen Stuhl der ARD Platz genommen, und man ließ – gewiß auch mit Seitenhieben auf die Schweiz – das ranzige Süppchen der EU-internen Armutsmigration wieder köcheln.

Muß einen das nun wundern? Wohl kaum. Das Format der „politischen Talkshow“ hat nie einen Status erreicht, von dem es sich hätte herunterwirtschaften können. Seitdem vor nicht ganz 41 Jahren Dietmar Schönherr, der als Major McLane auf der „Orion“ eine deutlich bessere Figur machte, in der bundesdeutschen Palaver-Pioniersendung „Je später der Abend…“ seinen Zuschauern die sprichwörtlich gewordene Erklärung des Talk-Formats – „das Ganze ist also eine Rederei“ – daherstümperte, war die schnell alltägliche Selbsterniedrigung von allerlei Sonderlingen, Histrionikern und Exhibitionisten im Vormittagsprogramm besonders der Privatsender nur die eine Seite der schäbigen Gesprächsmedaille.

Auf der anderen Seite ließ sich dieses weitgehend aufwandslose Konzept in politischen Kontexten durch einfache Gästechoreographie und minimale Vorbereitung der Moderatoren zu einem hochwirksamen volkspädagogischen Instrument operationalisieren. Dabei sollte man sich als Zuschauer keineswegs darüber hinwegtäuschen lassen, daß die Steuerung derartiger Sendungen stets in der Hand der Moderatoren liegt – wie höflich-zurückhaltend, bisweilen blauäugig sie sich auch immer geben mögen. Der argumentative Kurs einer solchen Ausstrahlung steht im voraus fest und wird, so kontrovers das Thema auch anmuten mag, auch so durchgesetzt werden. Gerade ein Frank Plasberg ist, sieht und hört man aufmerksam hin, ein Meister der sanften Diskursbeschneidung, falls einer seiner Diskutanten doch einmal den abgesteckten Pfad verlassen sollte.

So schrecklich nett zueinander

Unvorhergesehenes passiert da wirklich nur alle Jubeljahre, auch, weil man hierzulande ja immer so schrecklich nett zueinander ist. Man erinnere sich an die geradezu einschläfernde Empörung Helmut Kohls, als Herbert Frahm seinen Schoßhund Heiner Geißler als „Goebbels-Hetzer“ bezeichnete: mehr Emotion darf dann aber wirklich nicht sein. Szenen wie in jener berüchtigten griechischen Politsendung, als zwischen einer kommunistischen Abgeordneten und dem Sprecher der neofaschistischen „Goldenen Morgenröte“ erst Wassergläser und dann die Fäuste flogen, sind und waren in Deutschland ebenso undenkbar wie der gelegentliche Angreifer aus dem Publikum, den vor allem amerikanische Talkrunden gelegentlich mal als Springteufel aus dem Hut zaubern. Wenn in unserer Variante der Telekratie doch mal derjenige, der eigentlich zur Einschüchterung der Zuschauermeute am Nasenring durchs Studio gezerrt werden soll, unverhofft triumphieren sollte – was scheinbar das letzte Mal kurz nach meinem fünften Geburtstag der Fall war –, dann sind alle ganz schrecklich betroffen, und man blendet zur Werbung über.

Anstelle der Werbung, weil ja um Geld nicht verlegen, setzen die ach so niveauvollen öffentlich-rechtlichen Kasperletheater heute die thematische Straßenumfrage sowie die Publikumsbefragung (modern via Facebook, versteht sich). Abgesehen davon, daß die vielleicht das einzige Bindeglied zwischen dem Geschehen im Sendehaus und dem realen Leben darstellen, wirken sie geradezu hypnotisch in zwei Richtungen: Dem Zuschauer wird suggeriert, man würde sich prinzipiell auch für seine Meinung interessieren, und das auserkorene schwarze Schaf unter den Talkgästen weiß, daß die nächste Verhörfrage des Moderators um so mehr Kraft entfalten wird, weil sie quasi demokratisch legitimiert ist. Ein schönes Beispiel hierfür bleibt der Umgang mit Thilo Sarrazin aufgrund seiner Berufung auf Goethe – wobei man natürlich irgendwo auch selbst schuld ist, vom heutigen Bildungssystem noch derartige Kärrnerarbeit zu erwarten. Das hätte mit der „Todesfuge“ genausowenig funktioniert.

Also, um kontextfrei Die Ärzte zu zitieren: „Laß die Leute reden und hör’ ihnen nicht zu!“ Wer sich all diese abgekarteten Planspiele der „Wir zeigen Euch jetzt mal wieder, worüber man wie reden darf und was passiert, wenn man sich nicht daran hält“-Riege freiwillig antut, der jammere nicht im nachhinein über seinen Blutdruck.

Lesen ist lehrreicher

Im übrigen ist natürlich klar, daß auch die öffentlich-rechtlichen Sender vor allem auf die Quote schielen und deshalb eben auch gern gelegentlich ein, zwei moderne Simulakren provozieren möchten. Dennoch besteht die schwache Hoffnung, daß noch ein Hauch des vielbeschworenen Bildungsauftrags erhalten geblieben ist – die Frage nach dem cui bono muß sich allerdings jeder selbst stellen. Im Zweifelsfall ist Lesen allemal lehrreicher. Vielleicht auch mal ein Parteiprogramm; schaden kann das nur den eigenen Gewißheiten.

 

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