Kein Rätsel von 1914 – ein Geständnis

Generalleutnant Sir Gerald Ellison war vor dem Ersten Weltkrieg einer der führenden britischen Köpfe der britischen Militärtheorie und -praxis. Er spielte eine wesentliche Rolle bei der Konzeption der britischen Militärstrategie, wie sie zwischen 1914 und 1918 umgesetzt wurde. Als engster Mitarbeiter des Kriegsministers Haldane hatte er 1906 in Berlin als dessen Begleiter die Grundsätze der deutschen Militärorganisation kennenlernen können.

Er verglich diese Grundsätze später in größter Hochachtung mit den eigenen und bezeichnete den deutschen „Schlieffenplan“ als ein wahres Äquivalent zu dem wesentlich weniger spektakulär ausgeführten britischen Plan, der schon seit 1904 Stück für Stück ausgeführt worden sei und mit der Auslieferung der deutschen Flotte im Jahr 1918 sein eigentliches Ziel tatsächlich erreichte.

Amateure wie ein Winston Churchill hatten zwischenzeitlich arg im Weg gestanden und hatten militärische Katastrophen wie die gescheiterte Landung britischer Truppen an den türkischen Meerengen zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer verursacht. Ellison rechnete in einem eigenen Buch später nach dem Krieg damit ab. Der Experte meldete sich zu Wort, dem Amateure seine Konzeption phasenweise verdorben hatten:

Plötzliche Kraftentwicklung

„Der letzte Krieg bot den Anblick von zwei bemerkenswerten Beispielen strategischer Pläne, die im Frieden ausgearbeitet und im Krieg mit logischer Konsequenz umgesetzt wurden.

Im Jahr 1905 legte Graf Schlieffen, der Chef des Berliner Generalstabs, die Grundlinien für einen deutschen Aktionsplan für den Fall eines Krieges gegen Rußland und Frankreich, die gemeinsam agieren würden. Seit diesem Jahr galt dieser Plan; und in den Folgejahren beherrschte er die deutsche Militärpolitik. Ohne sich um die Kosten zu kümmern, wurden strategische Eisenbahnlinien gebaut, wurden den vorhandenen Armeekorps neue hinzugefügt, und es wurden Geheimpläne ausgearbeitet, um in unglaublich kurzer Zeit eine große Zahl an Reservisten mobilisieren zu können.

Als Ergebnis sah die Welt im August 1914 eine plötzliche Kraftentwicklung, wie es sie nie zuvor gegeben hatte. Sogar der französische Generalstab wurde überrascht. Der gigantische Plan zur Einkreisung der französischen Armeen war beinahe erfolgreich. Sein Scheitern an der Marne bewies nur die innere Folgerichtigkeit des Plans. Der Angriff ging schnell zur Verteidigung über, und für beinah vier Jahre blieb das auf französischem Boden installierte Verteidigungssystem unerschüttert.

Britische Geschütze auf Deutschland gerichtet

Das andere herausragende Beispiel für strategischen Erfolg, basierend auf einem wohlkalkulierten Plan, wird durch ihre Maßnahmen vor dem Krieg von unserer eigenen Admiralität gegeben. Am Trafalgar Tag 1904 wurde Admiral John Fisher Erster Seelord, und sofort machte er sich einen Plan, auf dem unsere gesamte Marinepolitik seit dieser Zeit basierte.

In Lord Fishers eigenen Worten: „Seit den Tagen von Noah hat es keine solche Neuzuteilung strategischer Streitkräfte gegeben.“ Alle Schiffe, die weder kämpfen noch weglaufen konnten, wurden verschrottet; entlegene Garnisonen wurden auf ein Minimum reduziert; und um 1908 konnte man wahrheitsgemäß sagen, daß 88 Prozent der britischen Geschütze auf Deutschland gerichtet waren.

Die deutsche Hochseeflotte und ihre Häfen waren jetzt unser wichtigstes Operationsziel. Die verächtliche Übergabe der deutschen Marine war der krönende Triumph einer seit 1904 unbarmherzig und erbarmungslos durchgeführten Politik.“

Ahriman Verlag Der Kalte Krieg
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles