Gutmenschen mögen „Kiezdeutsch“

Gutmenschen mögen „Kiezdeutsch“. Sie meinen, daß es für die Sprachverlierer doch schöner wäre, wenn man deren Stammeldeutsch zum eigenständigen Dialekt erheben würde. Freilich ist es bequemer, falsches Deutsch zur neuen Regel zu erheben, als bestehende Regeln einzuhalten. Typisch gutmenschlich ist es, Hürden so weit senken zu wollen, daß es auch die Schwächsten darüber schaffen. Das gilt dann auch für die Sprache.

Dabei vergessen die Gutmenschen, daß Sprache nicht nur einen Sender, sondern in der Regel auch einen oder mehrere Empfänger hat. Selbstgespräche sind nämlich eher selten. Wer mit sich selbst spricht oder für sich selbst schreibt, braucht natürlich auf keine Regeln zu achten. Wer aber von anderen verstanden werden möchte, sollte sich einer verständlichen, möglichst differenzierten Sprache befleißigen. Zwangsläufig entstehen dadurch Hürden, die gemeistert werden wollen. Leistung, Anstrengung, Sprachbildung sind gefragt. Wem hingegen alles hinterhergetragen wird, der muß auch auf Erfolgserlebnisse verzichten.

Kritiker unerwünscht

Doch vielen Bildungseinrichtungen geht es leider nicht darum, das Bildungsniveau zu heben. Statt dessen beobachten sie fasziniert den Niedergang der Sprachkultur. So zeichnete jetzt die Hamburger Körber-Stiftung eine entsprechende Dissertation mit dem „Deutschen Studienpreis“ aus. Die Arbeit der Soziolinguistin Diana Marossek von der Technischen Universität Berlin trägt den folgenden Titel: „Gehst du Bahnhof oder bist du mit Auto? Wie aus einem sozialen Stil Berliner Umgangssprache wird“.

Körber-Stiftung? Da war doch etwas? Richtig, vor zwei Jahren lud sie einen „Kiezdeutsch“-Kritiker von einer Podiumsdiskussion aus: „Es war sehr fair von Ihnen, dass Sie uns im Vorfeld über Ihre kritische Haltung zu den Thesen von Frau Professor Wiese informiert haben. Ich muss Ihnen jetzt leider mitteilen, dass wir unter diesen Umständen auf Ihre Teilnahme verzichten möchten.“ Kritik an der Kiezdeutsch-Erfinderin Heike Wiese war nicht erwünscht.

Gutes Deutsch ist eine Bildungsfrage

Marosseks Arbeit indes ist aufschlußreich. Obwohl sie es nicht ausspricht, widerlegt sie zumindest indirekt die These, „Kiezdeutsch“ sei ein neuer, deutschlandweiter urbaner Dialekt. Statt dessen scheint sich das vor allem von Heike Wiese beschriebene Stammeldeutsch am deutlichsten als Pidgin-Regiolekt in Berlin auszuprägen. Marossek erkennt nämlich einen Zusammenhang zwischen der Neigung des Berlinischen zum Wörterverschlucken („auf Arbeit sein“) einerseits, und der Tatsache andererseits, daß die türkische Sprache keine Artikel und Präpositionen kennt.

Auch wird klar, daß gutes Deutsch eine Bildungsfrage ist. Stammeldeutsch wird nämlich laut Marossek vorwiegend an Haupt- und Realschulen in westlichen Stadtteilen Berlins gesprochen. Daneben macht sie für die Ausbreitung des falschen Deutschs die Medien verantwortlich. Sie meint: „Das in den Medien vermittelte Bild des Jugendlichen aus dem Migrationsmilieu, der cool und laut ist und eine gewisse Gesetzlosigkeit verkörpert, ist ein attraktives Bild für Jugendliche deutscher Herkunft in ihrer Selbstfindungsphase.“ Wann geben die Medien endlich wieder dem vorbildlichen Deutsch Vorrang?

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