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Ein trüber, stumpfer Spiegel

Kalauer hin, Kalauer her: Man fragt sich schon, wo die Hamburger Illustrierte mit ihrem letzten Aufwärmen des syrischen Bürgerkrieges eigentlich hin will. Sicher, die Spiegel-Redaktion wirft jede Woche mindestens ein längeres Stück zu dem Thema aus, doch sind die – man werfe einen Blick ins Archiv – ziemlich klar auf Linie gebracht. Vorrangig um Flüchtlinge geht es, und natürlich auch um all die schöne Demokratie, wie sie sein sollte.

Nun hat die Politik-Redakteurin Raniah Salloum angesichts der syrischen Präsidentenwahlen, beziehungsweise der Berichterstattung darüber, ein rabulistisches Textkonglomerat zusammengetippt, das nicht so wirklich Hand und Fuß hat. Man fühlt sich ein wenig an die literarische Technik des cut-up erinnert, die William Burroughs („Naked Lunch“) perfektionierte und bei der Textfragmente willkürlich zusammengestückelt werden, um (post-) modernes Chaos und Zerfall in die schriftstellerische Gestaltung einzubeziehen.

Die Hauptstoßrichtung der affektierten Anklage-Absätze von Frau Salloum soll wohl etwa dahingehend interpretiert werden, daß „der Westen“ sich was schämen solle, „Syrien“ (womit selbstredend nicht die derzeitige, legitime Regierung gemeint ist) so im Stich gelassen zu haben. Nun, sowas kann man ja mal schreiben; „den Westen“ wird der Sermon nicht viel jucken. Interessant allerdings ist, daß das unbestrittene Leiden der syrischen Zivilbevölkerung sowie die immerhin herausgearbeiteten weitreichenden Folgen (primär des Bürgerkriegs als Spielwiese für militante Dschihadisten aus aller Herren Länder) „das Versagen unserer Generation“ sein soll – Raniah Salloum ist Jahrgang 1984, und damit ist ihre Generation auch die meine.

Syrien und seine politisch-polemische Nutzbarkeit

Ich persönlich kann mich nicht erinnern, in Syrien irgendjemanden oder -etwas vernachlässigt zu haben. Was die Dame wohl einzufügen vergaß (Oder wurde es gar bei SpOn herausredigiert? Onlineredaktionen richten manchmal schlimme Dinge mit noch so schönen Stücken an!), ist das Präfix „Journalisten-“ vor „Generation“. Als die Lage in der Krisenregion Syrien eskalierte und sich endlich auch die bundesrepublikanischen Bohème-Blätter zu interessieren begannen, war es übergreifend gerade der Redaktionsnachwuchs, der zur Vermittlung des „Dies und das ist jetzt folgendermaßen zu denken“ vorgeschickt wurde.

Der Einsatz chemischer Waffen im Bürgerkrieg? Blockmeinung allerorten, in Druckerzeugnissen, deren Netzpräsenzen, in Blogs und bei Twitter – zu Kriegsverbrechen übrigens, die noch immer ähnlich ungeklärt sind wie die Morde auf dem Maidan, über die aber auch offenbar jeder Tastatur-Schmierfink bedeutend mehr weiß als die maßgeblichen supranationalen Organisationen. Die Verleihung des letztjährigen Friedensnobelpreises an die OPCW, maßgeblich motiviert durch ihre ach so guten Absichten in Syrien, die ein dreiviertel Jahr später nachweislich noch immer nicht die erwarteten Resultate gezeitigt haben?

Ja, „der Westen“ hat sich in und um Syrien weiß Gott nicht mit Ruhm bekleckert. Das ist aber insbesondere der (be)schreibenden Zunft und ihren parteipolitischen Allianzen anzulasten, die das Thema, das Leid und das Land nach dem Aufbrauchen seiner politisch-polemischen Nutzbarkeit sofort haben fallenlassen und wie die Heuschrecken gen Ukraine weitergezogen sind – natürlich nur virtuell. Und ja, man darf, kann und sollte sich schämen; die Spiegel-Redaktion wäre ein guter Ort, um damit anzufangen.

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