Joachim Kuhs

 

Ein Mann mit Zukunft

Wenn die Medien in schöner Regelmäßigkeit das Stasi-Thema wälzen, schalte ich genauso regelmäßig ab. Das bedeutet nicht, daß ich es auf die leichte Schulter nehme oder für historisch erledigt halte. Das Gegenteil ist der Fall. Mich stört nur, daß die Berichte und Enthüllungen auf die DDR beschränkt bleiben und die Spitzel-Schleimer-und-Denunzianten-Mentalität, die das öffentliche Leben heute überwuchert, unerwähnt bleibt.

Dabei liegt der Zusammenhang auf der Hand. Auf eben diese Mentalität hat die Staatssicherheit sich „bei ihrem außerordentlich engen Kontakt mit der Bevölkerung“ (Erich Mielke) gestützt. Das Unwesen der IMs (Informelle Mitarbeiter) war nichts weiter als die staatliche Institutionalisierung charakterlicher Minderwertigkeit.

Auf diesen Zusammenhang stieß ich wieder, als ich den Internet-Auftritt des geschätzten Kollegen Michael Klonovsky aufsuchte, der gerade im Focus eine Philippika zum Islam und Islamismus veröffentlicht und außerdem einen neuen Aphorismen-Band herausgebracht hat. Postwendend wurde er im Internet-Magazin The European von einem wachsamen Zeitgenossen attackiert. Die Anklage lautet auf – na was schon? – Islamophobie.

Anstandsdame der politischen Korrektheit

Der Focus müsse sich für den Artikel „in Grund und Boden schämen“, der mit „sauberem Journalismus“ nichts zu tun habe. Anschließend wurde unsere Anstandsdame der politischen Korrektheit direkt bösartig: Beim Focus habe „man entweder keine Ahnung, wen man da beschäftigt. Oder – und das ist ob der folgenden Beispiele fast undenkbar, – man weiß es, und läßt ihn trotzdem gewähren. Dann allerdings wäre das Magazin auf dem Weg, zur Hauspostille der Neuen Rechten zu werden“.

Das zielt auf die soziale Vernichtung des Autors. In der DDR kam es vor, daß plötzlich Spitzenfußballer in die Dritte Liga zurückgestuft wurden oder bekannte Schauspieler vom Bildschirm verschwanden, weil neidische Kollegen der Stasi gesteckt hatten, daß sie vom nächsten Einsatz im Westen nicht zurückkehren würden oder von der Parteilinie abwichen. Was damals heimlich geschah, läuft heute in aller Öffentlichkeit ab und gilt als Ausweis kritischer Debattenkultur.

Wie die meisten Diskursmeister bringt auch unsere Anstandsdame keine einzige Analyse, keine Aus- und Widerlegung des inkriminierten Textes bei, sondern reiht die Signalwörter aneinander, die erfahrungsgemäß die Hetzmeute mobilisieren. Klonovsky hat klare Worte für diesen „Meutenfeigling“ und „Bratenriecher“ gefunden und gönnt ihm im übrigen die Anonymität.

Prachtexemplar bundesrepublikanischer Charakterbildung

Unsere bösartige Anstandsdame ist nämlich ein Mann. Die Anonymität wäre in der Tat der angemessene Zustand für ihn, doch Christoph Giesa – so heißt er – ist das Gegenteil von öffentlichkeitsscheu. Mit großer Geste stellt der 34jährige sich den European-Lesern vor: „Giesa ist selbständiger Autor und Strategieberater. Zuvor arbeitete er für einen großen Handelskonzern in Hamburg, war Landesvorsitzender der Jungen Liberalen Rheinland-Pfalz und scheiterte 2004 knapp am Einzug ins Europaparlament usw.“

Ach ja, ein „Querdenker“ ist er auch noch. Dieses Prachtexemplar bundesrepublikanischer Bewußtseins-, Charakter- und Karrierebildung hat sich auch Klonovskys neues Aphorismen-Buch zur Brust genommen: „Ein weiteres wichtiges Thema scheint Klonovsky die Relativierung des Blickes auf die Zeit des Nationalsozialismus zu sein.

Auch dazu wieder einige Zitate, die mir den Atem haben stocken lassen … “ Genug. Erstens weiß Giesa viel zu wenig, um kompetent zu sein, zweitens hat er nichts zu sagen, und drittens kann er es nicht ausdrücken. Nun hat ein freier Autor es nicht leicht. Das sei ohne Häme festgestellt. Wahrscheinlich hofft er darauf, daß der Focus ihm Klonovskys Stelle anträgt, zumindest aber ihm eine freie Mitarbeit offeriert.

Drei allgemeine Anmerkungen noch:

Anschwärzer haben Hochkonjunktur, wenn die Kluft zwischen der herrschenden Ideologie und der Wirklichkeit offensichtlich wird. Die Institutionen sind dann bestrebt, eine Atmosphäre latenter Unsicherheit und Ausgrenzungsfurcht zu erzeugen, die die Menschen dazu bringt, sich gemäß den ideologischen Prämissen zu verhalten. In dieser Hinsicht nähert sich die Bundesrepublik der DDR immer mehr an.

Zweitens haben wir es mit einem Beispiel für den Strukturwandel der Öffentlichkeit zu tun, der die Hierarchie zwischen Medienproduzenten und -konusmenten weitgehend aufhebt. Das ist einerseits positiv: Journalisten, die sich als Propagandisten betätigen, können umgehend im elektronischen Kommentar als solche widerlegt werden. Andererseits breiten sich Niedertracht und Denunziationen ungehemmt aus, wenn die vermittelnden und steuernden Instanzen wegfallen und innere Maßstäbe – Fairneß! Anstand! Berufsethos! – nicht mehr vorhanden sind.

Diese Tendenz wird durch die laufende Massenakademisierung weiter verschärft. Vor allem die Absolventen der heruntergewirtschafteten Geisteswissenschaften werden feststellen, daß ihre inflationierten Abschlüsse gar nichts bedeuten. Viele werden in den Was-mit-Medien-Bereich drängen in der – nicht abwegigen – Überzeugung, daß eine stramme Gesinnung dort mehr zählt als Bildung, als hermeneutische und analytische Fähigkeiten. Im harten Konkurrenzkampf gilt dort die höchste Feind-Abschußquote.

Es gibt also keinen Grund, daran zu zweifeln, daß die „Meutenfeiglinge“ und „Bratenriecher“ die Männer (und Frauen) der Medien-Zukunft sind.

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