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Deutsche Debattenkultur – Erster Teil

Wie wird man als Schreiberling schnell berühmt? Man nehme sich jemand bereits Berühmtes und pöble diesen coram publico kräftig an. Nicht unbedingt höflich, aber manchmal durchaus wirkungsvoll. Viele haben das schon getan. Friedrich Nietzsche beispielsweise, als er David Strauß veralberte. Ein rechtschaffener Denker, denn er las sich Nietzsches Spötteleien mit Ernst durch. Da er wenig später starb, soll übrigens Nietzsche lange ein schlechtes Gewissen gequält haben.

Ein anderes Berufsrisiko ist bei dieser Methode allerdings wesentlich höher. Oder hat jemand schon etwas von Christian Klotz gehört? Das war ein aufstrebender Literaturkritiker, der meinte, Gotthold Ephraim Lessing einen „unverzeihlichen Fehler“ nachweisen zu können. Nun, der unverzeihliche Fehler von Klotz selbst war es zweifellos, sich mit Lessing anzulegen. Dieser machte sich nämlich den Spaß, die intellektuelle Dürftigkeit der Kritik gründlich bloßzulegen. Um dann zu dem Schluß zu kommen:

„Wenn einem Unwahrheiten andichten, und diesen angedichteten Unwahrheiten die allertrivialsten Dinge entgegensetzen, einen widerlegen heißt, so versteht sich in der Welt niemand besser auf das Widerlegen, als Herr Klotz.“ Nun, es bringt unsere Zeit der Anti-Aufklärung mit sich, daß es viele würdige Kandidaten für die Nachfolge des Klotzes gibt. Ein besonders vielversprechendes Talent wollte sich jüngst an dem Schriftsteller Michael Klonovsky abarbeiten. Ein Einstieg in die deutsche Debattenkultur von heute.

Wie die meisten Menschen dürfte auch Klonovsky von Christoph Giesa bisher nichts gewußt haben. Doch Giesa kennt Klonovsky, oder glaubt ihn zumindest durch dessen Aphorismen kennengelernt zu haben. Offensichtlich hat sich da im Laufe der Zeit so einiges angestaut. Anläßlich einer Titelgeschichte des Focus über den Islam, die Klonovsky kürzlich verfasste, sah Giesa jedenfalls seinen Tag gekommen. „Zeit für eine Krisensitzung, denn offensichtlich weiß die Chefredaktion nicht, wer da für sie schreibt.“

Giesa will nun aufklären. „In der Focus-Spitze hat man entweder keine Ahnung, wen man da beschäftigt. Oder – und das ist ob der folgenden Beispiele fast undenkbar, – man weiß es, und lässt ihn trotzdem gewähren.“ Was folgte, war nicht etwa eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Klonovskys eher nüchternem Text, dem man deutlich die besorgte Redaktionskonferenz nachmerkte, sondern „eine Sammlung übelster Zitate“, die Giesa „den Atem haben stocken lassen“.

Typus Meutenfeigling und Bratenriecher

Den Leser läßt eher die gehässige Kommentierung der Zitate den Atem stocken, oder zumindest etwas ratlos zurück. Offen bleibt die Frage, ob Giesa tatsächlich so begriffsstutzig ist, selbst einfachste Sinnzuordnungen der Zitate nicht zu erkennen, um sich dann als neuer Klotz über Dinge zu empören, die dort nicht stehen? Oder ob Giesa den eifrigen Einfaltspinsel nur mimt, um besser Empörung heucheln zu können? Klonovsky selbst ist so höflich und nimmt in seiner Entgegnung offensichtlich letzteres an.

„Dieser Typus Meutenfeigling und Bratenriecher wechselt verläßlich die Seiten, wenn es soweit ist; er trug das Blau- und Braunhemd mit derselben Selbstverständlichkeit, wie er auf das Bonner Grundgesetz zu schwören fingiert oder einen Turban aufsetzen wird, sollte es jemals opportun sein.“ Heuchelei bedarf aber schon einer gewissen intellektuellen Entwicklung als Voraussetzung. Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, das Moment der Täuschung und so weiter.

Das alles sind aber komplexe geistige Vorgänge. Man sollte daher nicht voreilig ausschließen, hinter den Vorwürfen verberge sich nicht rechtschaffene Dummheit. Wer weiß, vielleicht glaubt Giesa wirklich, die Focus-Redaktion besitze keinen Internet-Zugang und habe nur auf ihn und seine aufklärenden Worte gewartet. Wobei freilich auch nach der Zitaten-Kollage weiterhin unklar bleibt, was er Klonovsky konkret vorwirft, außer seinen Atemrhythmus durcheinandergebracht zu haben.

Interessant wird die Posse erst jetzt. Denn Giesa hat geantwortet. Diesmal nicht mit einer Zitaten-Collage, sondern einem längeren und in gewissen Sinne durchaus lesenswerten Text, weshalb zumindest formal die Grundlagen einer Debatte gegeben sind. Als „Mann mit Zukunft“ bezeichnete Thorsten Hinz an dieser Stelle Giesa und verortete ihn als Prototypen kommender Zeiten. Um diesen Typus zu verstehen ist Giesas Versuch einer Entgegnung so aufschlußreich, daß man sich ihn doch genauer anschauen sollte.

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