Wie Frau Schrod zu ihrem neuen Namen kam

„Und es begab sich zu der Zeit, daß ein Gebot ausging vom großmächtigen Kaiser Augustus“, wollte Frau Schröda gerade vorzulesen beginnen, als die Familie am Weihnachtsabend beisammen saß, aber ihr Töchterchen fand die Geschichte langweilig.

„Laß die ollen Kamellen, Mama“, sagte die kleine Lotte. „Wir haben in der Kita gerade Ernst Jandl gelesen; der ist viel cooler. ,Mann & frau in der welt des deutschen‘ hat der zum Beispiel gedichtet; da heißt es ,der tran‘ – ,die träne‘, ,der zahr‘ – ,die zähre‘, ,der mar‘ – ,die märe‘ oder ,der etud‘ – ,die etüde‘. Das zeigt, wie durch die Sprache willkürliche Geschlechterrollen konstruiert werden, hat unsere Erzieherin gesagt.“

„Ach, die Tante hat doch einen Knall“, meldete sich Papa Ole zu Wort, „die weiß doch gar nicht, ob sie einen Moos oder eine …“

„Papa, du bist böse!“ protestierte Lottchen, aber ihre Mutter lachte dreckig: „Du hast ja recht, Ole, meine Referentinnen im Familienministerium ticken genauso, aber man kann daraus einen Lahr für die nächste Bundestagswahl ziehen, hihi. Die Union muß moderner und gendersensibler auftreten, heißt es immer …“

„Wir sagen einfach das Gott“

„Gut, dann üben wir schon mal ein bißchen“, schlug der Vater schmunzelnd vor. „Wir können ja bei diesem alten Mar von Kaiser Augustus und dem Christkind mal anfangen. War das überhaupt ein Kaiser? Und wer sagt schon, daß Jesus der ,Sohn‘ Gottes war?“

„Hm“, überlegte die Ministerin, „Frau Jesa wäre etwas ungewohnt für unsere Wähler… Außerdem hatte der doch einen Bart…“

„Den hatte der Weihnachtsmann früher auch“, gab ihr Mann zu bedenken, „aber neulich beim X-Mas-Shopping in der Fußgängerzone wollte mir ein Weihnachtsgirl in einem rot-weißen Minirock irgendeinen Gutschein in die Hand drücken – die hatte keinen Bart und wirkte auch sonst ziemlich weiblich.“

„Alles Rollenklischees“, sagte Lotte mit wichtiger Miene. „In alten Kinderbüchern, die mittlerweile verboten sind, wollten sie uns den lieben Gott auch mit weißem Bart andrehen; dabei könnte er genauso gut eine Frau sein.“

„Wir sagen einfach das Gott“, entschied Frau Schröda voller Stolz über ihre kluge Idee, „dann sind wir im Wahlkampf immer auf der sicheren Seite.“

„Und wenn du mich weiterhin ärgerst…!“

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür.

„Das ist bestimmt der Weihnachtsmann!“ rief Lottchen und verbesserte sich sofort: „Äh, die Weihnachtsfrau.“

„Vielleicht auch wieder im Miniröckchen“, frohlockte der Vater.

Da ging die Tür auch schon auf, und die Schrödas wußten nicht, ob sie sich freuen oder erschrecken sollten. Der Weihnachtsmann sah sehr traditionell aus, trug einen roten Mantel, hatte einen dicken Sack in der einen und eine Rute in der anderen Hand. Die Augen in seinem weißbärtigen Gesicht blickten streng. „Ihr geht mir ziemlich auf den Keks mit Eurem Gerad und Gerede – ganz besonders das Kristin mit seinem Wahlkampfgeschwätz. Deshalb habe ich für dich einen neuen Namen als Geschenk in meinem Tut: Du heißt jetzt nicht mehr Frau Schröda, sondern Frau Schrod, und wenn du mich weiterhin ärgerst, mache ich dich noch zu einem Herrn Schrod – dann ist es mit deinem hochbezahlten Job als Frauen- und Familienministerin vorbei!“

Nach diesen Worten drohte der Weihnachtsmann noch einmal mit seiner Rute in den Raum, und so schnell er gekommen war, war er wieder verschwunden.

„Wegen solchem Kram haben wir keine Geschenke bekommen“

„Puh, da haben wir nochmal Glück gehabt“, sagte der Vater und wischte sich einige Schweißperlen von der Stirn.“

„Wegen solchem Kram haben wir keine Geschenke bekommen“, rief Lotte, und der Vater stimmte ihr zu: „Wenn du so weitermachst, Kristina, verlieren wir noch deinen Ministerposten! Wie willst du denn als Mann etwas werden in unserer Partei? Schau mich an, ich bin immer noch Staatssekretär!“

„Ich muß es wieder ausbaden“, jammerte die Ministerin. „Aber gut, Ihr habt recht: der Ministerposten ist am wichtigsten. Dann habe ich jetzt also einen neuen Namen.

Und so kam es, daß zu Weihnachten aus der Frau Schröda eine Frau Schrod wurde.

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