Vom Funktionär – Erster Teil

Max Weber war es, der für die Zukunft den Schrecken einer sämtliche Lebensbereiche umfassenden Bürokratie an die Wand malte. Ein „stählernes Gehäuse“ nannte er das, ein „Gehäuse der Hörigkeit“, welches den individuellen Menschen vernichtet und an seiner Stelle eine Maschinenwelt mit kleinen Maschinenrädern setzt, in der ein jeder „an einem kleinen Pöstchen kleben und nach einem etwas größeren Pöstchen streben“ wird. Man kann sagen, seit Weber sind wir hier ein großes Stück voran gekommen.

Das große Geschrei, mit der eine Vielfalt unserer Gesellschaft herbeigebrüllt wird, es wird umso lauter, je mehr sich enthüllt, daß diese angebliche Vielfalt längst einer menschlichen Öde gewichen ist, für die die Geschichte nur Beispiele aus totalitären Gesellschaftsformen kennt. Der moderne Mensch von heute, wenn er öffentlich seine sexuellen oder sonstigen Neurosen auslebt, sie können nicht darüber hinwegtäuschen, daß er eigenschaftslos, austauschbar und völlig beliebig geworden ist. Ausdruck dieser Vermassung ist der Funktionär.

Der Funktionär, wie er mit unserer modernen Gesellschaft aufgekommen ist, er stellt einen völlig neuen Typus dar. Auch Webers Bezeichnung als Fachbeamter trifft diesen nicht wirklich, geht er doch insgeheim immer noch von der Vorstellung eines Beamten mit einem gewissen Berufsethos aus. Doch der Funktionär ist etwas wesentlich anderes. Denn seine Besonderheit besteht darin, daß er kein Ethos hat, keine protestantische Berufsethik, kein preußisches Pflichtverständnis, noch irgend ein anderes inneres Engagement. Er ist Funktionär, und sonst nichts.

Menschen suchen ihr Auskommen

Wie ist das zu verstehen? An einem Beispiel sei die Entstehung des Funktionärs erläutert. Menschen leben in einer Gesellschaft, streben danach, in dieser ihr Auskommen zu finden. Da aber nichts Lebendiges statisch sein kann, verändert sich die Gesellschaft in jedem Augenblick. Soziale Verwerfungen entstehen, Menschen können nicht mehr wie zuvor ihr Auskommen finden, sie schließen sich zusammen und suchen einen Ausgleich. Dadurch gibt es in einer Gesellschaft Veränderungen, Krisen, Revolten, Reformen und so weiter.

Auch die Industrielle Revolution war hiervon keine Ausnahme. Ihre gewaltigen Veränderungen, sie entwurzelte eine große Zahl von Menschen, die nicht mehr so wie in der Vergangenheit ihr Auskommen finden konnten. Versuchten sie es, stießen sie auf Hemmnisse. Diese Hemmnisse zu beseitigen, das war zum einen ihr soziales Streben. Daneben aber gab es nun aber auch etwas anderes: nämlich eine Theorie über die Ursachen, warum man in diesen und nicht in anderen Verhältnissen lebte und wie man besser sein Auskommen finden könnte.

Wir sehen daher im Eisenacher Programm von 1869 zum einen konkreten Forderungen stehen, die sich recht unmittelbar aus dem Leben der Beteiligten selbst ableiten lassen können. Es waren dies vor allem Forderungen nach gleichen politischen Rechten. Daneben gab es aber auch einen Teil, der eine theoretische Begründung abgeben wollte, warum diese konkreten Forderungen nur einen ersten Schritt zu einer Gesellschaft sein können, in der alle ein besseres Auskommen haben. Das war der ideologische Überbau, in diesem Fall die Vorstellung des Sozialismus.

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