Volk und Imperium: Der Fall Polen

Höchstwahrscheinlich werden Sie Waclaw Nalkowski nicht kennen. Über den 1851 geborenen und 1911 in Warschau gestorbenen polnischen Geographen und Publizisten wird außerhalb des polnischen Sprachbereichs nur wenig Aufhebens gemact, nicht einmal im historischen Rückblick. Das ist nicht ganz gerechtfertigt, denn Nalkowski steht für eine zeitweise nicht nur in Polen sehr wirkungsmächtige Denkart, die man als politisierende Geographie bezeichnen könnte. Er gehörte zu jenen Personen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts gründlich darüber nachdachten und nach Argumenten suchten, was dem polnischen Staat eigentlich so zustehen würde – wenn er denn wieder auf der Landkarte zu finden sein würde. In diesem Punkt dachte er allerdings zuversichtlich, wie viele andere auch.

So mischten sich in den polnischen Planungen für die Zukunft historische Argumente mit wirtschaftlichen, rechtliche und ethnische mit militärischen und schließlich kam noch eine stattliche Prise an geographischen dazu. Nalkowski arbeitete gegen Lebensende an einer Studie über „Polen als geographische Einheit“, die schließlich erst postum erscheinen konnte. Als 1914 jener langerwartete europäische Krieg ausgebrochen war, ohne den sämtliche Pläne für einen neuen polnischen Großstaat hinfällig bleiben mußten, wurde Nalkowskis Arbeit dann für die Propaganda in Westeuropa eingesetzt. 1917 brachte das in England tätige Polnische Informationskomitee schließlich für diesen Zweck im angesehenen Verlag Allen & Unwin eine englischsprachige Ausgabe heraus.

Die Grenzen des polnischen Staats hatte Nalkowski darin reichlich spektakulär vorgestellt. Sie lagen im Westen auf dem Ostufer der Oder und bezogen auch Rügen mit ein. Sie machten kurz vor Berlin halt, beanspruchten nach Süden und Südosten aber sowohl Schlesien wie die gesamte spätere Slowakei, die Ukraine, Moldawien, Weißrußland und die baltischen Länder. In Richtung Nordosten liefen sie südlich an St. Petersburg vorbei ins Ungefähre, etwa in Richtung Weißes Meer. Sie versetzten die damalige russische Hauptstadt in eine isolierte Enklave an der Ostsee. Wie vor Petersburg und Berlin, wurde aber auch vor Moskau halt gemacht. Insgesamt umfasste das polnische Imperium in dieser Darstellung fast ganz Osteuropa.

Mit solchen und ähnlichen Karten wurde seit der Wende zum 20. Jahrhundert in Polen lebhaft agitiert. Es spielte dabei kaum eine Rolle, daß der so skizzierte imperiale Anspruch nichts mit dem damals international üblichen Anspruch auf „nationale Selbstbestimmung“ zu tun haben konnte. Im Gegenteil: Die polnische Intelligenz versuchte das eigene Volk zu einem imperialen Selbstbewußtsein zu erziehen, in dem die eigene nationale Selbstbestimmung mit der Herrschaft über andere Völker  untrennbar verbunden war.

War man damit erfolgreich? Manche sagen ja. Der polnische Historiker Marek Kornat, Professor am Institut für Geschichte bei der polnischen Akademie der Wissenschaften, hat dies in einem 2012 erschienen Rückblick auf das Jahr 1918 in die lapidaren Worte gefasst: „Das Konzept eines ‚ethnischen Polen’ wollte aber das polnische Volk nicht akzeptieren.“ Das Ziel des neuen Staates sollte statt dessen nach allgemeiner Überzeugung die – nach eigener Aufassung: erneute – Aufnahme einer zivilisatorischen Mission in Osteuropa sein. Diesen imperialen Anspruch allerdings, den man innerpolnisch lebhaft pflegte, mußte man in der internationalen Kommunikation unbedingt diskret behandeln. Er war ebenso lächerlich wie unzeitgemäß. Ob das polnische Volk ihn wirklich mitgetragen hat, oder bei halbwegs objektiver Information seitens seiner „Elite“ noch mitgetragen hätte, darf man denn auch bezweifeln.

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