Gut bestellte Gesichtzeiger

Am vergangenen Donnerstag war der internationale Tag der Vereinten Nationen gegen Rassismus. Wußte ich nicht. Bin ich deshalb nun ein schlechter Mensch? Vermutlich. Zumindest muß schleunigst etwas gegen solch dreiste Gleichgültigkeit in der Gesellschaft unternommen werden, meint die Initiative „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland“, die von etlichen Bundesministerien, die Bundeszentrale für politische Bildung und die EU unterstützt wird.

Vergangene Woche hat die Initiative eine neue Kampagne präsentiert: Auf insgesamt neun unterschiedlichen Plakaten zeigen prominente Unterstützer des Vereins ihr Gesicht – „gegen Ausgrenzung und Diskriminierung”. Diese hängen nun überall in Berlin und sind auch auf den „Berliner Fenster“-Bildschirmen in den U-Bahnen zu sehen.

Auf einem von ihnen ist beispielsweise das Gesicht von Berlins Regierendem Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), zu sehen, mit dem Text: „Ich bin Migrant, wenn Du etwas gegen Migranten hast“. Oder auch der Moderator Markus Kavka: „Ich bin Schwarz, wenn Du etwas gegen Schwarze hast.“ Auf einem anderen Plakat ist die Fernsehjournalistin Astrid Fohloff mit dem Satz abgebildet: „Ich bin Muslima, wenn Du was gegen Muslime hast.“

Wofür halten sie ihren Kopf hin?

Es ist klar, worauf die Kampagne hinaus will. Sie will quasi sagen: „Wir sind alle Menschen, wir sind alle gleich. Wenn Du gegen ihn bist, bist Du gegen mich.“ Das Problem: Toleranz und Gleichheit sind schön und gut – in der Theorie. Doch wenn privilegierte Prominente auf den Plakaten sagen, sie seien Migranten, Türken oder Schwarze, könnten wirkliche Einwanderer auch Hohn und Spott darin sehen. Denn nach dem diese tollen Gesichtszeiger einpacken und nach Hause in die angesagten Bezirke der Stadt zurückkehren, bleiben die echten Einwanderer in ihren Problemvierteln zurück.

Und wenn diese Prominenten ihre Kinder in die Schule schicken, ist das sicher nicht einer der verrufenen Gesamtschulen von Neukölln oder dem Wedding. Nein, sie schicken ihre Kinder in gute Internate oder Privatschulen, wo sie weit weg von gewalttätigen und nicht deutschsprachigen Einwanderern sind. Warum tun sie das, wenn sie angeblich nichts gegen „Migranten“, „Schwarze“ oder „Türken“ haben?

Außerdem stellt sich die Frage, wofür diese „mutigen“ Prominenten ihre Köpfe hinhalten. Die Kampagne wurde mit den Worten vorgestellt: „In Zeiten, die geprägt sind von der mühsamen Aufarbeitung des NSU-Skandals, einer teils diffamierend geführten Beschneidungsdebatte und stetig wachsender Islamophobie, ist ein Solidaritätsbekenntnis der Mehrheitsgesellschaft dringend notwendig.“

Soll über diese Dinge geschwiegen werden – aus Toleranz?

Solidarität mit wem oder was? Mit totalitär-fundamentalistischen Weltanschauungen, mit Zwangsehen, Mädchenbeschneidungen, Zwangsprostitution oder Menschenhandel? Mit Jugendbanden, Koma- und Tottretern, Diebesbanden und Drogenkriminalität? Soll man denn über diese Dinge schweigen – aus Toleranz?

Die wenigsten Menschen sind heutzutage rassistisch rein aus Gründen der Abstammung oder Herkunft. Bei Vorurteilen spielen immer vor allem soziale, kulturelle und auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Wirklich glaubhaft wäre eine solche Kampagne also erst dann, wenn diese Prominenten aufhören würden, bloß mit dem Finger auf andere zu zeigen, von ihrem hohen Roß herunterstiegen und in eine Multikulti-Nachbarschaft zögen.

Wenn Sie ihre Aussage dann in einem Jahr, beim nächsten internationalen Tag gegen Rassismus, wiederholen, gut. So lange bleiben diese aber nichts als hole, gutmenschliche Propagandaphrasen, die mit der Realität nichts zu tun haben.

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