„Gastarbajter“ in Rußland

„RTR Planeta“ ist im – noch etwas mehr als das deutsche – staatsgelenkten russischen Fernsehen der Sender mit dem eher intellektuellen Anspruch. Statt endloser Plapper-, Pop- und „Prominenten“-Shows dominieren dort eher Künstler- und Schauspieler-Portraits, philosophisch-kulturelle oder politische Diskussionssendungen das Sendeschema.

Eine davon befaßte sich am Dienstagabend mit dem explosiven Thema der massenhaften Arbeitsmigration aus den verarmten zentralasiatischen Republiken Tadschikistan, Usbekistan, Kirgistan – der prosperierende Öl-, Gas- und Rohstoffstaat Kasachstan spielt im postsowjetischen Migrationsgeschäft keine Rolle.

Die einleitende Reportage ist nichts für Weicheier. Im „Heroinzug“ von Duschanbe nach Moskau fährt keiner aus freien Stücken vier Tage ohne frische Luft, funktionierende Toiletten und sonstige zivilisatorische Annehmlichkeiten; das Wohlstandsgefälle zwischen der tadschikischen und der russischen Hauptstadt ist enorm, eine Verlockung, die über tausende von Kilometern zieht.

Ausbeutung, Polizeiwillkür, Feindseligkeit und Hungerlohn

Anders als im wohltemperierten Deutschland erwartet die mittelasiatischen „Gastarbajter“ – der Begriff hat es als Lehnwort auch ins Russische geschafft – allerdings weder Kindergeld, Staatsfürsorge und großzügige Sozialarbeit für alle Eventualitäten des Lebens, sondern Ausbeutung, Polizeiwillkür, Feindseligkeit und Hungerlohn. Den mancher sich dann gerne mal als Drogenkurier aufbessert; je schärfer die Fahnder in den museumsreifen Sowjetzügen suchen, desto mehr finden sie.

In der Analyse sind sich die Diskutanten – ein Bevölkerungswissenschaftler, ein Politiker, ein Theaterregisseur und der Moderator – weitgehend einig: Da hat man aus Profitgier und Bequemlichkeit viel zu lange eine Entwicklung einfach laufen lassen, die man jetzt nicht mehr unter Kontrolle hat. Moskaus Wohnungseigentümer zahlen erkleckliche Summen an die Betreuer ihrer Immobilien, und die mehren den Gewinn, indem sie rechtlose Billiglöhner aus dem Millionenheer der Illegalen beschäftigen.

Auf den zahlreichen Baustellen sieht es kaum anders aus. Der Moderator zitiert Marx und dessen Theorie der Profitmaximierung; er hätte auch bei dem slowenischen Marxisten Slavoj Zizek nachschlagen können, der den Multikulturalismus als „Ideologie des globalen Kapitalismus“ zu bezeichnen pflegt.

Die eigene Identität verleugnen

Beim Multikulturalismus, freilich, ist Rußland noch lange nicht angekommen. Die eigene Identität zu verleugnen, um den Import von Gruppen mit anderen Identitäten zu erleichtern, wäre einem nichtbesiegten Volk wie dem russischen mangels Schuldkomplexen auch kaum vermittelbar. Der Vorschlag, die illegalen Arbeiter zu legalisieren, damit sie wenigstens Steuern zahlen, könnte sich allerdings als Schritt in diese Richtung erweisen.

Die radikale Alternative kam in der Diskussionsrunde ebenfalls zur Sprache – der Duschanbe-Moskau-Expreß solle künftig nur noch in eine Richtung fahren, und zwar zurück. Wenigstens aber solle man die Visafreiheit für Bürger der ehemaligen Sowjet- und heutigen GUS-Republiken aufheben, um den Zustrom wenigstens zu drosseln.

Weniger Illegale und Billigarbeiter hieße dann allerdings, daß Russen auch die unangenehmen Arbeiten zu erledigen hätten – und daß man sie besser dafür bezahlen muß, wenn das Arbeitskräfteangebot knapper wird. Beim Abwägen der Alternativen sollten die russischen Verantwortlichen am deutschen und westeuropäischen Beispiel genau studieren, was passiert, wenn man der Wirtschaftslobby unkritisch ihren Willen läßt; und bevor man in Brüssel und Berlin den nächsten Punkt der türkischen Wunschliste abarbeitet, sollte man sich mal in Moskau erkundigen, wo die Visafreiheit zwischen Staaten mit starkem Wohlstandsgefälle hinführt.

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