Freiheit – aber wozu?

Ideologiefreie Zeiten gelten als friedvoll und in bezug auf das Bewußtsein als ausgereift und erwachsen. Nicht gerade das Ende der Geschichte, aber ein Stadium, in dem die großen Lehren aus vorangegangenen verheerenden Konfrontationen gezogen wurden – aus dem Kalten Krieg und seinem Ausgang im großen Sieg „des Westens“ über das poststalinistische Weltsystem von autoritärer Vormundschaft und planwirtschaftlichem Mangel.

Abgesehen vom neuerlichen Globalkonflikt mit dem Islamismus – als einzig nennenswertem Gegengewicht zum „transatlantischen Bündnis“ – und einigen Querelen mit asiatischer Konkurrenz, russischem Geltungsdrang und Dramoletten um den Iran herrscht Frieden. Europa versuchte sein großes „Projekt“ zu realisieren, eine wirtschaftlich-finanzielle Totalintegration, die als Völkerverständigung gegen den vermeintlich gefährlichen Nationalismus propagiert wurde – ein Vorhaben, das grandios startete, sich aber zwangsläufig doch als das erwies, was es gerade nicht sein wollte, als eine Spaltung, vermutlich tückischer, als es sie je gab. Überall reitet die Troika.

Die sich primär weltwirtschaftlich verstehende Politik des Europismus und Globalismus führte zu einem Dämmerzustand des demokratischen Geschäfts. De jure sind die Strukturen von Gewaltenteilung und Bürgerrechten wohl stabil, werden jedoch immer weniger lebendig genutzt. Das System trägt, erträgt sich selbst. Noch.

Wo man hinguckt: Leidenschaftslosigkeit

Unter jungen Erwachsenen begegnen mir vor allem zwei Gruppen. Die einen verstehen sich als „Suchende“ – ein Wort, das mir bei Zwanzig-, Dreißig-, Vierzigjährigen nicht gefällt. Früher waren das Leute, die allzu lange Hermann Hesse lasen; heute sind sie auf dem Weg nach sonstwo – möglichst bis Neuseeland, also auf die andere Seite der Welt, wo schon immer Utopia vermutet wurde. Oder nach Nepal, weil sie dort eine Art Geistheilung erwarten. Soziales Jahr, Bergwaldprojekt, Assistenz in afrikanischen Kinderkliniken – dergleichen gehört für die „Suchenden“ zum Programm. Vieles an der Welt gefällt ihnen nicht, aber sie sind zu distinguiert und zu sanftmütig-freundlich, um sich darüber richtig aufzuregen. Vielleicht doch lieber noch ein vierwöchiger Klosteraufenthalt oder der Jacobsweg oder eine Kur zur psychosomatischen Stabilisierung, da in den rabiaten Büros das Burn-out-Syndrom droht.

Die anderen sind Pragmatiker. Motto: Ich bin doch nicht blöd! Der Zaster muß stimmen, damit man einen Status erreichen kann, den die Konsumgesellschaft von Eigenheim in einer Stadtrandsiedlung bis zum Apple-Shop jedem verheißt. Abschlüsse realisieren, Consultant werden, für Wachstum sorgen. Tatsachenmensch sein.

Nur begegnet mir in der ersten wie zweiten Gruppe ein Phänomen, das mich argwöhnisch stimmt – Leidenschaftslosigkeit nämlich. Alle Amplituden so flach, viel Schulterzucken, eher die Kopie elterlicher Entwürfe als das Wagnis des Neuen. Fragt man Abiturienten nach Plänen für die eigene Zukunft, so antworten sie: Ach, weiß nicht so recht. Und man hilft gleich: Ins Ausland? Neuseeland? Soziales Jahr? Bergwaldprojekt? Afrika retten? – Ja, so was vielleicht …

Symptome des Friedens oder Zeichen der Gefahr?

Während die Praktiker sich stromlinienförmig in die Reproduktionskreisläufe der Verwertung einordnen. Die „Gesellschaft“ (über Grill- und Golfveranstaltungen hinaus), die Demokratie als große Verhandlung öffentlicher Angelegenheiten, das geschichtliche Herkommen, die Nation gar, das, was früher Identität ausmachte und für die Idee vom eigenen Selbst immer neu geistig inspirierte – terra incognita! Freiheit ja – aber für was?

Sollte man darin die Symptome des großen Friedens oder die Zeichen der Gefahr erkennen?

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