Ein Appell an das Gewissen

In der letzten Kolumne war hier von H.G. Wells und dem britischen Clubleben in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Rede. Dort wurde damals viel über den kommenden und nötigen Krieg gegen Deutschland geredet, teilweise auch in frivolem Tonfall. Das hinderte die britische Regierung im Jahr 1919 nicht daran, im Versailler Vertrag auf dem deutschen Alleinschuldparagraphen zu bestehen.

Wer dabei gewesen war, wußte es besser. Es gab denn Mitte der zwanziger Jahre auch in Großbritannien eine bemerkenswerte Entwicklung: Viele hatten das Gefühl oder die Einsicht, man sei in Versailles zu weit gegangen.

Zum Entstehen dieses Gefühls trug natürlich die Veröffentlichungslawine von Dokumenten bei, mit der die Mitschuld der Alliierten nach 1919 bewiesen worden war. Aber dessen ungeachtet regten sich grundsätzliche Bedenken.

Sie äußerten sich in einem „britischen Appell an das Gewissen“ durch 74 „führende Personen der britischen Öffentlichkeit“, der am 9. Dezember 1925 in der Daily News publiziert wurde. Unterzeichner waren neben Harold Laski und George Bernard Shaw auch Nobelpreisträger John Maynard Keynes und – H.G. Wells. Der Text ist es wert, auch heute noch gelesen zu werden.

Britischer Appell an das Gewissen

„Tief bewegt von dem Manifest, das von über hundert französischen Männern und Frauen von Bedeutung unterzeichnet und die „l’Ere Nouvelle“ am 9. Juli 1925 veröffentlicht worden ist, erklären wir, die unterzeichneten britischen Staatsangehörigen, uns in herzlicher Übereinstimmung mit seiner Forderung, daß der Vertrag von Versailles in zwei Punkten geändert werden sollte:

(1) Artikel 231 schreibt den Ursprung des Krieges einfach „dem Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten“ zu. Ohne zu dieser Zeit irgendeine Meinung auszudrücken oder eine Meinung zurückzuziehen, der wir früher bezüglich der Politik der ehemalig kaiserlich deutschen Regierung Ausdruck verliehen haben, betrachten wir es als einen ungehörigen und gefährlichen Präzedenzfall, daß die Sieger in einem Kriege auf diese Weise über die Besiegten Urteil sprechen sollten. Ein solches Urteil sollte, wenn es irgendwelche gesetzliche oder moralische Autorität haben soll, von einem unparteiischen Gerichtshof nach sorgfältigem Studium des gesamten Beweismaterials ausgesprochen werden.

(2) Artikel 227-230 die von Vergehen gegen „internationale Moral und die Heiligkeit der Verträge“ oder von „Verletzung der Kriegsgesetze und –gebräuche“ handeln, sehen vor, daß alle solcher Vergehen schuldigen Deutschen vor von ihren Feinden gebildete Gerichte gestellt und von ihnen bestraft werden, treffen jedoch keinerlei Vorsorge, weder für die Errichtung eines unparteiischen Gerichtshofs, noch für ein Gerichtsverfahren gegen Verbrecher und ihre Bestrafung, die nicht Deutsche sind. Die Ungerechtigkeit dieses Verfahrens kann nicht bestritten werden.

Offensichtlich ungerecht

Wir betrachten diese Artikel, die mit Gewalt einer besiegten Nation unter den schrecklichsten Drohungen auferlegt wurden, als den Ausdruck einer Geistesverfassung bei den alliierten und verbündeten Mächten, die jetzt zum großen Teil verschwunden ist. Wir sind der Ansicht, daß sie offensichtlich ungerecht sind und ein schweres Hindernis für die internationale Verständigung darstellen. Infolgedessen ersuchen wir die betreffenden Regierungen dringend, entweder diese Artikel ohne weiteren Aufschub zu ändern, oder wenn sich eine Änderung des Vertrages als zu langwierig und mit Schwierigkeiten verknüpft herausstellen sollte, einzeln ihre Absicht zu verkünden, die Artikel fallen zu lassen.“

Mr. Arnold Bennett, Dr. Barnes, Bishop of Birmingham; Miß Margret Bondfield, Dean Burroughs of Bristol, Bishop-Designate of Ripon; Dr. W. Moore Ede, Dean of Worcester; Sir Johnston Forbes-Robertson, Principal Alfred E. Garvie, New College Hampstead; Lady Gladstone, Bishop Gore, Dr. C.H. Herford, sometime Professor Manchester University; Sir Charles Hobhouse, the Dean of St. Paul’s, Mr. J.M. Keynes, Professor Harold Laski, University of London; the Master of Balliol, Oxford; the Bishop of Manchester, Professor J.H. Muirhead, Birmingham University; Professor Gilbert Murray, Professor A.E. Pollard, London University; Dr. W.B. Selbie, Mansfield College, Oxford; Mr. G. Bernhard Shaw, Professor F. Sody; Miß Sybil Thorndike, Mr. R.H. Tawney, Mr. Raymond Unwin, Mr. H.G. Wells, Mrs. Wintringham, and Mr. Israel Zangwill.

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