Abschied von Preußler

Seltsames trug sich am Montagabend zu. Es war der 18. Februar 2013. Die Eisschicht des zugefrorenen Mühlenweihers brach plötzlich auf, so daß eine Öffnung entstand. Aus dem Loch krabbelte ein kleiner Junge, mit grünen Haaren und gelben Stiefeln. Etwas mußte ihn aus dem Winterschlaf gerissen haben. Trotz der Kälte fror er nicht. Er stapfte über das Eis zum Ufer, stellte sich an die Böschung und blickte in den dunklen Himmel.

Endlich gewahrte er am Horizont einen dunklen Punkt, der allmählich größer wurde und näherkam. Da rauschte unmittelbar vor dem Jungen eine kleine Frau auf einem Besen nieder. „Beeil dich und steig auf“, forderte sie ihn auf, „wir müssen bis Mitternacht dort sein!“ Der Junge gehorchte, und geschwinde flogen sie über verschneite Wälder und Felder, vorbei an Schlössern und Burgen, traumhaften Landschaften aus alten Zeiten.

Die drei Geschöpfe

Die beiden Luftreisenden blickten ernst und wechselten kein Wort auf ihrem Flug. Endlich erreichten sie ihr Ziel. Unten im Städtchen schlug die Rathausuhr gerade zwölf Mal – Mitternacht. Oben auf Burg Eulenstein landeten die kleine Frau und der kleine Junge im Burghof neben dem Brunnen. Sie mußten nicht lange ausharren.

Schon bald öffnete sich nämlich ein Dachbodenfenster, ein weißes Wölkchen schlüpfte heraus und schwebte wie Schneestaub in den Hof hinunter. Einen Schlüsselbund schwenkend flüsterte es den beiden Gästen zu: „Ich habe euch schon erwartet. Kommt mit!“ Von Geisterhand tat sich eine Tür auf, und gemeinsam stiegen die drei die Treppe zum Burgmuseum empor, wo sie sich im großen Saal an einem runden Tisch niederließen, auf dem bereits Kerzen flackerten.

Dankbares Gedenken

Lange blickten sie schweigend in die Lichter, während das Wachs an den Kerzen heruntertropfte. Endlich fing der kleine Junge an: „Er ließ mich eine Welt sehen, die so anders war als mein Zuhause im Mühlenweiher. Ich war von ihr so begeistert, daß ich fast mein Zuhause vergessen hätte. Fast hätte ich es sogar zerstört, als ich das Wasser aus dem Weiher abließ, um in der Rinne schneller rutschen zu können. Das war mir eine große Lehre.“

Die kleine Frau schloß sich an: „Auch ich habe von ihm gelernt. Er brachte mir bei, daß nicht alles, was gut genannt wird, auch wirklich gut ist, und daß es möglich ist, das Böse wegzuzaubern.“ Das weiße Wölkchen sagte nachdenklich: „Er ließ mich die Sonne sehen, was unsereinem nie zuvor vergönnt war. Allerdings bekam es mir nicht gut, und es brachte eine Menge durcheinander. Doch will ich diese Erfahrung nicht missen, weil ich mich nun freuen kann, daß ich so bin wie ich bin.“ Und der kleine Wassermann, die kleine Hexe und das kleine Gespenst gedachten dankbar des großen Otfried Preußler.

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