Unser täglich Brot gib uns heute …

So heißt es bedachtsam im „Vater unser“ der Christenheit beziehungsweise in einer Zeit, als dieses tägliche Brot keine Alltäglichkeit in dem Sinne war, daß es – mindestens materiell aufgefaßt – täglich verläßlich zur Verfügung stand.

Wer aus der untergegangenen DDR kommt, kann sich des Kulturschocks erinnern, den der Anblick der Warenfülle in den Supermärkten auslöste. Meine damaligen Ost-Mitbürger werden vom offiziellen Geschichtsunterricht zwar entweder als Mangel leidend, unmündig, ideologisch überhitzt oder als bürgerbewegt-widerständig dargestellt, als ein Wir-sind-das-Volk-Volk, das sich vom sterbenden Sozialismus aus freien Stücken in den blühenden Demokratismus aufmachte, während ich eher den Eindruck hatte, daß der Konsumismus zog – sehr nachvollziehbar, aber immer doch ein bißchen peinlich anzusehen, wenn man so von hinten zum Buffet durchdrängelt. Was ja auch manchen guten alten Bundesbürger – nachvollziehbar! – mindestens wie die dreiste Unhöflichkeit verspäteter Besucher störte.

Der Fetischcharakter der Ware

Der Anblick meiner Landsleute stimmte mich damals melancholisch, wenn ich unsere Begrüßungsgeld-Grüppchen sah, die mit ihren typischen Stoffbeuteln auf der Suche nach dem Besonderen waren, das plötzlich nichts Besonderes mehr hatte, weil es in Hülle und Fülle zur Verfügung stand, wenn man es nur bezahlen konnte. Bevor einer fragt: Ich war damals ebenso unterwegs, holte mir den Hunderter, kaufte schnell die vierbändige Benn-Ausgabe von Fischer, was geldlich ziemlich genau hinkam. Klingt ehrenwert bis gebildet, ja, aber an das verschmitzte Lächeln des Buchhändlers kann ich mich noch genau erinnern, denn wir alle waren damals an allerlei heute folkloristisch anmutenden Attributen eindeutig als Eingeborene aus dem Beitrittsgebiet zu erkennen, gewissermaßen als eine Millioneninvasion von Wirtschaftsimmigranten.

Seitdem hat sich eine Menge verändert, und die Einheit ist nach allen Jahrhundertverlusten, die die Nation von Breslau bis  Königsberg erlitt, ohne Zweifel der größte Gewinn. Eines aber ist geblieben, ein Grundsatz, den niemand besser als Karl Marx ausdrückte – „der Fetischcharakter der Ware“. Obwohl wir in der vermutlich heikelsten Krise der Nachkriegszeit leben, merken wir vor allem deswegen nichts davon, weil diese Krise der Finanzen zunächst auf die Endlosregale der Supermärkte keinerlei Einfluß hat.

Aufregend ist für mich immer wieder ein Gedankenexperiment: Was würde politisch geschehen, wenn die allerwichtigste Grundvereinbarung dieser Republik, nämlich jene, daß alle Waren und Dienstleistungen allerorten und zu jeder Zeit, also in vollständiger Permanenz zur Hand sind, aus irgendwelchen Gründen nicht einzuhalten ist?

Der Citoyen verschwindet hinter dem Konsumenten

Ich wüßte nämlich gern, ob es den aufgeklärten, kritischen, für die Demokratie engagierten Citoyen über alle Lehrbuch-Legenden hinaus noch gibt, oder ob er längst vollständig hinter dem Konsumenten, dem kleinen Bourgeois, verschwand, der, ebenso wie sein letzter Bundespräsident, auf die kleinen Vorteilsnahmen aus ist und dem der geniale Slogan von Media-Markt – Ich bin doch nicht blöd! – weit über Hymne und Grundgesetz geht.

Klischees: Für den Westbürger war ich im Osten jemand, der armselig hinter Mauer und Stacheldraht aufwächst, autoritär bevormundet, im weitesten Sinne beschränkt, insgesamt benachteiligt. Dazu gäbe es eine Menge zu sagen … Den durchschnittlichen Bundesbürger habe ich mir primär tatsächlich als „Otto Normalverbraucher“ vorgestellt, also als Einkäufer, der seine Lebenswelt vor allem als ein Kaufhaus versteht. Es hat sich an diesem Eindruck offen gestanden wenig geändert.

Und fragten mich Schüler pauschal, weshalb der Kapitalismus nach meiner Meinung weltgeschichtlich das Rennen gemacht hat, so äußerte ich meine unmaßgebliche Auffassung, daß er offenbar besser mit der Anthropologie des Menschen korrespondiert, und zwar in einer Weise, die zwar auf einem DDR-Plakat der Achtziger stand, die aber nie eingelöst werden konnte: Ich leiste was – ich leiste mir was! Von einem so perfekten Zusammenspiel von Leistungsdenken und Hedonismus wie im Westen konnte der Staatssozialismus tatsächlich nur träumen, weil er genau diesen aus seinen eigenen politisch-ideologischen Gründen behinderte.

Materielle Bedürfnisbefriedigung auf XXL-Niveau

Was aber bleibt an „Gütern“ übrig, wenn das Geld Kaiser ist, wenn man sich mit dem Unmaß der Quantität an den Verlust der Qualität gewöhnt wie bei der Müller-Bäckerei in Neufahrn und wenn vom Brot nach „Marktlogik“ überhaupt soviel gebacken wird, daß davon zirka zwölf Prozent weggeworfen oder für Bio-Energie verschwendet werden?

Sehr ketzerisch und bisher vergeblich habe ich auf die Krise als Korrektiv gehofft. Und: Würde es in Dresden auch Menschenketten der Demokraten geben, wenn die Fleischtheken plötzlich leer wären oder Sprit unerschwinglich teuer würde? – Gab es für die immer wieder als Hochplateau der Menschheitsgeschichte bejubelte Demokratie je einen anderen Kitt als die letztendlich den Planeten verschleißende prioritär materielle Bedürfnisbefriedigung auf XXL-Niveau, die mit der jagenden und sammelnden Urhorde begann und die gegenwärtig alle Billigflieger und Discounter-Kunden einschließt?

Jogge ich morgens, sehe ich den Himmel über mir von Tourismus-Maschinen schraffiert. Die stärkste Religion der Gegenwart hat ein einfaches Credo: Mehr Wachstum! Das ist dicht an der Scientology-Forderung: Mach Geld, mach mehr Geld! Wird etwas zu bewegen sein, bevor sich diese Leitkultur nicht wenigstens relativiert? Nach dem kleinen Vorteilsnehmer Wulff kommt jetzt, heißt es, der große „Bürgerpräsident“. Wer aber ist noch Bürger in dem Sinne, daß er national etwas bewegen will, das über Haushaltsfragen und Saldi hinausweist? Das von der Republik aufgefaßte Bürgerbewußtsein hat offenbar nur noch einen Titel: „Kampf gegen Rechts“. Wer dort den Feind sieht, kennt die stets beschworene Mitte nicht.

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