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Tugend und Präsidentschaft

Im Juni-Heft von Information Philosophie dachte man, wie es sich für Philosophen geziemt, wieder einmal über das richtige Handeln nach. Konkret lautete die Frage: Darf man einige töten, um viele zu retten? Als Beispiele für solches Handeln nannte der Eingangsbeitrag von Professor Martin Rhonheimer drei Fälle.

Da waren jene Beamten französischen Vichy-Staates, die durch die Erschießung von sieben Personen im Jahr 1944 eine geplante deutsche Vergeltungsmaßnahme mit einhundert Erschießungen verhinderten. (Sie wurden wegen Mord verurteilt). Dann gab es deutsche Ärzte, die zwar nachweislich versuchten, möglichst viele Geisteskranke durch Verlegung oder Entlassung vor der nationalsozialistischen Euthanasie zu retten, andere aber doch in entsprechende Listen eintrugen. (Wegen Beihilfe zum Mord verurteilt.)

Schließlich wurde noch Harry S Truman genannt, Präsident der Vereinigten Staaten. Der ordnete 1945 bekanntlich den Abwurf von Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki an, mit der Begründung, es seien sonst die Verluste bei den US-Streitkräften zu hoch, wenn sie in Japan landen müßten. Er traf demnach also die Wahl zwischen dem Schlachtentod von US-Soldaten und dem Atomtod von japanischen Zivilisten. (Wegen gar nichts verurteilt, nicht einmal angeklagt.)

Truman opferte Fremde um Eigene zu retten

Nun sind solche Debatten immer eitel. Die Philosophie, so wußte schon der Moralist Rochefoucauld im 17. Jahrhundert, besiegt stets die Übel der Vergangenheit und der Zukunft. Andererseits besiegen die Übel der Gegenwart immer die Philosophie. In Information Philosophie bog die Debatte vielleicht auch deshalb relativ schnell von den historischen Beispielen auf ein abstrakt konstruiertes Beispiel ab. Zuvor hatte die Mehrheit der Beiträge das Handeln in den beiden ersten historischen Beispielen für Unrecht erklärt. Man dürfe niemanden opfern, um andere zu retten.

Zum Fall Harry S Truman wollte dagegen niemand der beteiligten Philosophieprofessoren etwas ausdrücklich sagen, in keine Richtung. Das Beispiel wurde weder zurückgewiesen noch kommentiert. Das war schade, denn gerade hier trat das Problem in einer besonderen Dimension auf. Da war zum einen die Wahl der Opfergruppe.

Truman opferte schließlich nicht Einige, um Viele zu retten, er opferte Fremde, um Eigene zu retten. Damit verbunden die Frage der Zahl. Ob die Zahl der Opfer bei einer amerikanischen Landung in Japan wirklich größer gewesen wäre als die Menge der Toten nach den Atomwaffeneinsätzen, wird man bezweifeln dürfen.

Japanische Kapitulation längst angeboten

Schließlich die Entscheidungsfreiheit. Anders als in den beiden anderen historischen Fällen hatte Truman (mindestens) eine dritte Option. Die anderen Personen konnten das Geschehen nur verändern, aber nicht stoppen. Wie viele Geiseln etwa erschossen wurden – es wurden auf jeden Fall welche erschossen, dies zu verhindern lag nicht in der Macht der Beamten.

Truman dagegen hatte als amerikanischer Staatschef und Oberbefehlshaber der Streitkräfte eine dritte Möglichkeit: Als einziger war er sozusagen Herr des Verfahrens. Weder mußten US-Streitkräfte in Japan landen, noch mußten Zivilisten eingeäschert werden; er konnte auch die längst angebotene japanische Kapitulation annehmen. Es war ja nur noch die Frage, ob es denn unbedingt eine „bedingungslose“ sein mußte.

Mag das unter den Philosophen jemandem aufgefallen sein? Die spekulative Antwort: Nein. Es dürfte die instinktive Scheu überwogen haben, einem amerikanischen Präsidenten die Tugend abzusprechen. Für eine philosophische Beurteilung sind diese Präsidenten alle vielleicht einfach allzu gegenwärtig.

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