Tugend und Präsidentschaft (II)

Im letzten Beitrag wurde hier der Frage nachgegangen, warum deutsche Philosophen sich nicht so richtig an die moralische Beurteilung der Handlungen amerikanischer Präsidenten herantrauen, namentlich an Harry S. Trumans Befehl zum Atomwaffenabwurf auf Japan. Die Antwort auf diese Frage mußte und muß an dieser Stelle leider spekulativ bleiben.

Sehen wir uns also selbst die Hintergründe von Trumans Entscheidungsfindung noch einmal an. Richtig ist: Er war der Herr des Verfahrens und hätte den Einsatz von Atomwaffen verbieten können. Insofern trägt er besondere Verantwortung. Richtig ist aber auch: Einsatzort und Zielsetzung waren keineswegs Trumans Idee.

Zur Bestimmung des Ziels hatte man eigens eine Kommission eingesetzt, in der die beim Bau und Entwicklung der Atombombe führenden Wissenschaftler wesentliche Stimmen besaßen. Dieser Kommission nun lagen mehrere Listen mit möglichen Zielen vor, darunter eine vom Geheimdienst erstellte und eine von der Air Force verfaßte. Die Geheimdienstliste enthielt tatsächlich eine ganze Reihe von Zielen, die im engeren Sinn als militärisch gelten konnten. Dazu gehörten die Yawata-Stahlwerke, die Mitsubishi-Produktion für Flugzeugteile, eine Dunlop-Gummifabrik und bestimmte Hafenanlagen in Tokio.

Ziele: Kyoto, Yokohama, Tokio, Hirsoshima, Kokura

Die Kommission wies diese Auswahl rundheraus zurück. Der Grund dafür war ganz einfach, daß man dies für Verschwendung hielt, jedenfalls wenn man den Unterlagen glauben will. Wozu bloß eine Fabrik zerstören, wenn man eine Großstadt ausradieren kann? Den Kommissionmitgliedern war ihre Entscheidungsfreiheit in dieser Frage durchaus bewußt. Natürlich würde die Atomwaffe eine bisher nie dagewesene Sprengkraft haben. Ob man aber ein vergleichsweise begrenztes Betriebsgelände oder eben eine Großstadt zerstören würde, hing wesentlich mit von der Festlegung der Detonationshöhe ab.

Die Liste der Air Force fand die Kommission passender. Vielleicht weil man besser verstanden hatte, was eine Atomwaffe sei, vielleicht weil man sich über die Jahre daran gewöhnt hatte, das Töten von Zivilpersonen als seine Hauptaufgabe zu betrachten, jedenfalls enthielt die Liste der Luftwaffe fast kein militärisches Ziel, sondern eben vorwiegend Großstädte. Im einzelnen waren es sechs Vorschläge: Kyoto, Yokohama, der Kaiserpalast in Tokio, Hirsoshima, Kokura (das Arsenal dort hatte als einziges auch auf der Geheimdienstliste gestanden) und Niigata.

Pragmatische Gründe gegen Bombardierung des Kaiserpalasts

Gerne hätte die Kommission nun den Kaiserpalast genommen. Man debattierte heftig und entschied sich aus pragmatischen Gründen dagegen. Schließlich sollte die Bombe die Kapitulation erzwingen. Die Tötung des Kaisers konnte aber ein Machtvakuum schaffen, in dem niemand mehr zum Kapitulieren berechtigt war.

Dann also Kyoto. Das japanische Nationalheiligtum war bisher verschont worden, also mußten dort inzwischen besonders viele Industrien und Menschen zu finden sein, wie messerscharf argumentiert wurde. Hier sträubten sich aber dem greisen Kriegsminister Stimson (erst nach dem Endsieg wurde 1947 das Traditionsamt des amerikanischen Kriegsministers erstmals in „Verteidigungsminister“ umbenannt) die Haare. Kyoto sei als religiöses Zentrum von Buddhismus und Shintoismus für Asien so etwas wie Rom für Europa. Seine Vernichtung würde die USA auf unabsehbare Zeit zum Aussätzigen machen.

Truman war Teil eines sich selbst radikalisierenden Systems

Zähneknirschend nahm die von solchen Sentimentalitäten freie wissenschaftliche Intelligenz also auch Kyoto von der Liste. Ebenso wurde schließlich Yokohama gestrichen, hier wieder aus ganz pragmatischen Überlegungen: Die Stadt war inzwischen schon so zerstört, daß die Bombe sich hier auch nicht mehr lohnte. Damit rutschte nun Hiroshima auf Platz Eins, das Kokura-Arsenal als militärisches Ziel immerhin noch auf Platz Zwei. (Am Abwurftag war dort das Wetter zu schlecht, man flog nach Nagasaki weiter)

Gebombt wurde mit bestem Gewissen, jedenfalls bei denen, die die Verantwortung trugen. Als Robert Oppenheimer als einer der beteiligten Wissenschaftler öffentlich Bedauern äußerte, trug ihm das Kollegenspott ein: „Einige Leute bekennen sich schuldig, um den Lohn für die Sünde zu beanspruchen.“ Andere Motive als Karriere und Pragmatismus waren in diesen Kreisen kaum vorstellbar.

Harry S Truman nahm die Zielliste, wie sie ihm präsentiert wurde. Er war verantwortlich, aber er war auch Teil eines sich selbst radikalisierenden Systems.

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