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Syrisches Kriegstagebuch
 

„Arabien von den Ungläubigen reinigen“

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Religionsunterricht beim Imam
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Gefangener Dieb Faddel Rahmoun
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Angehöriger der Freien Armee Foto: Billy Six

MAARAT AN-NUMAN. „Diese Schweine.“ Saer Mandil, dank 18jähriger Deutschland-Erfahrung ein guter Gesprächspartner, schüttelt mit dem Kopf. Gegen Mitternacht explodieren Bomben im Stadtgebiet von Maarat an-Numan. Eine siebenköpfige Männerrunde sitzt auf einer ausgiebigen Marmorterrasse – die weiße Innenmauer trägt das Konterfei der Trickfiguren „Tom und Jerry“. Bei Kaltgetränken, frischen Trauben und trauriger Gitarrenmusik eines Aktivisten wirkt die Szenerie geradezu ausgefallen. „Keinen Märtyrer werden wir vergessen“, singt sich der junge Mann in Ekstase.

Die Gespräche – auf der menschlichen Ebene angenehm. Die Bewertung des Geschehens – gewöhnungsbedürftig. Nein, es gäbe keine radikalen Islamisten im Land – das könne schon allein deshalb nicht stimmen, weil Staatschef Assad dies behaupte, so die Argumentation. Eine Unterscheidung von Glauben und Wissen findet ohnehin selten statt. Doch nun, nach der vorübergehenden Gefangenschaft bei einer salafistischen Gruppierung, ist es schon einigermaßen bizarr, weiterhin herzzerreißende Dementis zu hören. „Nein, nein … es gibt nur die Freie Armee. Gegen die Diktatur. Für die Freiheit.“  

Schwarze Flagge  

Doch aus dem Kopf gehen die Bilder so schnell nicht mehr: Das Funkeln in den Augen der Dschihadisten. Die schwarze Flagge von „Al Kaida“. Und die radikalen Aussagen, die einen tiefen Einblick in das fest gefügte Weltbild der Islamisten geben. Die Alawiten, Syriens herrschende Zwölf-Prozent-Minderheit, seien „die schlimmsten aller Ungläubigen“, so mein Verhör-Übersetzer aus dem asiatischen Raum. „Wir werden sie zum rechten Weg im Islam bekehren müssen. Oder sie werden gehen. Der Prophet Mohamed hat eindeutig vorgegeben, die arabische Halbinsel endlich von allen Formen des Unglaubens zu reinigen.“ Auf die Anmerkung, daß der Feind unter solchen Umständen aber auch bis zum letzten Blutstropfen kämpfen würde, gibt es einen eindeutigen Einwand: „Wir können mit der Hölle auf Erden leben – solange der Weg uns ins Paradies des Jenseits führt.“

Diese Extremisten sind nicht allesamt durch Vollbärte und Kaftans zu erkennen. In der eingangs beschriebenen Runde trifft dies nur auf gut die Hälfte zu. Gerade die lauten Eiferer sind getarnt in Hose und Nicki – und der Gesichtsbewuchs, so überhaupt vorhanden, kurz geschnitten. Die westlichen Medien machen es sich sehr einfach und bedienen billige Klischees. Ausgeglichene Familienväter mit dicker Borste und Tarnuniform werden so in den deutschen Wohnzimmern vielleicht schon sehr bald als „syrische Taliban“ beschrieben werden. Tatsächlich würden sich derartige Gestalten nie freiwillig ablichten lassen – im Glauben angeblich verboten. 

„Soll Dieben die Hand abgeschlagen werden?“

Ortswechsel: Die Billal-Moschee von Maarat. Nach dem Abendgebet horcht der halbvolle Saal andächtig zu. Der Imam demonstriert die „islamische Demokratie“: Wie man es mit einem jungen Mann halten solle, der schon zum wiederholten Male beim Diebstahl eines Motorrads erwischt worden sei … Die Scharia spricht eine klare Sprache: Abhacken der rechten Hand. Aber solle man auch so handeln? Gut zwei Drittel der Anwesenden erheben den Arm. Der Vorbeter lächelt und beschwichtigt. Nein, nein, in Syrien sei man menschlich. Wie zum Beweis: Das Treffen mit Faddel Rahmoun (31), einem Beduinensohn. Ein anderer Fall, so viel wird schnell klar. Doch auch er habe mehrfach gestohlen … und steht nun unter Hausarrest bei einer Jugendgruppe der Rebellen. Rundum versorgt, läßt er sich gar freudig fotografieren.

Die jungen Aufseher führen ihren Einsatz aus Überzeugung. Religion ist ihnen wichtig – aber auch nicht alles im Leben. Sie hören Musik. Sie telefonieren mit Mädchen. Sie bewundern den Westen. Aber nichts davon würden sie gegenüber Vertretern des „starken Islams“ verteidigen.

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