Conservare Communication „Grüner Mist“ – nein danke! #GrünerMist 2021

 

Stasis versus Gruftis

Ja, ich bin auf einem Besenstiel zum Blocksberg geflogen, habe dort Buhlschaft mit dem Teufel getrieben, kleine Kinder gegessen und überhaupt alles getan, was ihr hören wollt, wenn ihr mich nur endlich in Ruhe laßt!“ So ähnlich klingen die Verhörprotokolle der Staatssicherheit, die im Rahmen einer kleinen Ausstellung parallel zum „Wave Gotik Treffen“ (WGT) über Pfingsten in Leipzig in der „Gedenkstätte Museum in der ’Runden Ecke‘“ gezeigt wurden.

Natürlich gibt es auch einige Unterschiede, schließlich ging es der Inquisition immerhin um das Seelenheil der angeblich vom Teufel besessenen Hexen, während die Stasi lediglich dem Daseinserhalt eines absurden und menschenfeindlichen Bürokratie-Ungeheuers diente, und zweifellos darf man auch die Dramatik etwas herunterbrechen: Schließlich handelte es sich bloß um siebzehn-, achtzehnjährige Jugendliche, die sich schwarz anzogen, ihre Haare teils ausrasierten, teils nach oben frisierten, „Westmusik“ von The Cure oder Depeche Mode hörten, dabei zu Hause viele Kerzen anzündeten, ein bißchen an Seelenwanderung glaubten und sich vielleicht auch mal – aber das war schon der Gipfel ihrer morbiden Aufsässigkeit! – in kleinen Grüppchen auf Friedhöfen trafen.

Die Stasi und die Banalität des Bösen

Das Regime suchte sie so genau wie möglich zu überwachen, überall waren seine Zuträger, und damit diese auch etwas zu melden hatten, mußten sie ihre Berichte ordentlich aufdonnern: Irgendeiner hat sich in einen Sarg gelegt, ein anderer soll eine Urne entwendet haben – womöglich war es gar die Urne eines „verdienten Antifaschisten“, so daß es sich bei der „neuen Gruppierung“ nicht bloß um eine apolitische Erscheinung „negativer westlicher Dekadenz“ gehandelt haben könnte, die man in den späten achtziger Jahren auch in der DDR glaubte beobachten zu müssen, sondern es steckte doch irgendwie der „Faschismus“ dahinter.

Am erstaunlichsten ist wieder einmal die Banalität des Bösen, seine Nichtigkeit und Langeweile, insbesondere aber die Mischung aus Wichtigtuerei und Unkenntnis, die mit der Harmlosigkeit der Spitzelopfer korrespondierte: Die einen waren sich nicht sicher, ob man „Gruftys“, „Kruftis“ oder gar „Krufftis“ schreiben solle. Die anderen wußten über ihr Dasein als „Grufties“ wenig mehr auszusagen, als daß sie gerne schwarze Kleider trugen und dieselbe Musik hörten wie die anderen in ihrer Clique. Das wenige an Weltanschauung, was ihnen zu entlocken war, erscheint nachgeplappert und dahergesagt, nur um die Fragesteller zu befriedigen.

Wie froh bin ich, daß ich meine Jugend nicht in einem derart verspießerten und gleichgeschalteten System verbringen mußte – kein Wunder, daß ich mir damals auch die Haare nicht schwarz, sondern blond färbte und, wie ich aus der Distanz eines Vierteljahrhunderts wohl zugeben darf, scheußlich bunte Klamotten trug, etwa zweireihige brombeerfarbene Jacketts mit dicken Schulterpolstern, blaugrüne Hosen, rosa Seidenhemden und violette oder mintgrüne Seidenblousons, manchmal auch diese albernen „stone-washed“ Jeans, zuweilen mit Kunstlederapplikationen, zahlreichen Reißverschlüssen oder gar Gummibündchen wie Jogginghosen.

BRD gleich DDR plus Recht auf freie Wahl der Frisur

 Mit den Moden wechselten die Weltanschauungen, in die man – bei einer gewissen Offenheit (oder Orientierungslosigkeit) – hineinschnupperte: Anfang der Achtziger war ich, unter elterlichem Einfluß, ein westlicher Hardliner, sah in den „Friedensbewegten“ Spinner oder verkappte Kommunisten und glaubte, daß man die Sowjets totrüsten müsse, womit ich aus heutiger Sicht durchaus recht hatte; später ließ ich mich doch für eine Weile von den Gemeinschaftskundelehrern bequatschen und trieb mich – im üblichen Alter, also mit achtzehn – bei den Jusos herum, bis diese Dinge – und zwar lange, bevor ich dreißig war! – ein Ende fanden. Irgendwann begann ich, statt linker Traktätchen („Bundeszentrale für politische Bildung“) richtige Bücher zu lesen.

Verglichen mit gleichaltrigen Jugendlichen in der DDR kam ich mir ziemlich frei vor, und meine Welt war von der „da drüben“ sehr verschieden. Damals jedenfalls. Heute, muß ich leider feststellen, sind die Unterschiede geringer geworden. Bunt geht es zwar noch immer zu, und man kann sich die Haare färben wie man will, aber die Stasi-Protokolle erscheinen mir nicht mehr so fremdartig wie sie mir damals erschienen wären. Und die Hexenjagden auch nicht.

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