Kleine Meditation für großen Realismus

Die Illusion des Publikums liegt darin zu meinen, vor hundert Jahren ging es unter den Großmächten um die Aufteilung der Welt – heute aber glücklicherweise um etwas ganz anderes. Unfug. Während damals mächtige Nationen mit vergleichsweise bescheidenen Trusts imperialistisch agierten, geschieht dies jetzt umgekehrt. Mega-Konzerne mit nationalen Anhängseln akquirieren sich die Welt. Die Bedeutung der Rating-Agenturen ist dafür ausdrucksvolles Beispiel; sie können mit nahezu exekutivem Effekt durchregieren.

Die Parole „Mehr Wachstum!“ und somit mehr von jeher geheiligter Arbeit und noch mehr Ressourcenverschleiß um jeden Preis avancierte zum leitideologischen Konsens, die Goebbels-Methoden der Werbung erscheinen allgegenwärtig, passenderweise mit Riefenstahl-Ästhetik.

Die meisten finden das gut, richtig und schön oder argumentieren wenigstens bedauernd, es liefe nun mal nicht anders und harmoniere bestens mit anthropologischen Wesenszügen – obwohl sich der Mensch evolutionär und historisch – außerhalb der totalen Vermarktwirtschaftlichung entwickelte. Wie dem auch sei: Mit den landläufigen Vorstellungen von Demokratie harmoniert der Globalismus, mindestens in den Industrieländern, die noch genug zu verteilen haben und so den Bürger als Konsumenten zufriedenstellen.

Beide Systeme ersetzten Gott, den Unendlichen, durch den Mammon

Mag sein, die Welt ist nicht anders zu haben. Was sich als grundsätzliche Alternative verstand, der Kommunismus, verhielt sich ebenso wachstums- und konsumfixiert wie sein zählebigerer Gegner. Stalin war begeisterter Industrialist, und sein Eleve Ulbricht wollte den Kapitalismus nicht nur überholen, ohne ihn einzuholen, sondern verglich die Müllberge des Westens mit jenen des Ostens, um daran erkennen zu können, wie weit man auf der sozialistischen Überholspur schon voran war. Für beide hatte das Geld Gott insofern ersetzt, als daß sich darin alle menschlichen Motive und Sehnsüchte begegnen.

Für Wachstum einzutreten und dem Menschen die Erfüllung seiner Bedürfnisse zu versprechen, das ist offenbar klassenneutral und unterschied sich im Kampf der Ideologien nicht. Die einen waren nur der Auffassung, sie verstünden es besser als die anderen. Und menschlicher sowieso!

Nur irrt, wer meint, die Welt wäre so bunt wie erschöpft vermarktet den idealistischen Hoffnungen der Aufklärung nähergerückt, einer „Weltregierung“ nach den Vorstellungen Kants in „Zum ewigen Frieden“ (1795). Mag sogar sein, man sollte sich mit intellektuellem und politischem Gewinn in Luhmannscher Richtung von all den normativen Setzungen der hochgehaltenen Aufklärung verabschieden und eher davon ausgehen, das „System“ entwickele sich in fortlaufenden Selektionen evolutionär vor sich hin, recht und schlecht; man brauche sich also auf Klassenkämpfe, Revolutionen, Eruptionen oder den „Untergang des Abendlandes“ nicht einstellen, sondern eher auf die unspektakuläre Fortdauer des Unspektakulären.

Und verstehe die Freiheit, aufzubrechen, wohin er will

Nur brauchte es dann nicht die permanente Feier der humanistischen Werte und Standpunkte, die beim genauen Hinsehen nicht viel mehr wert sind, als daß sie ökonomische Rahmenbedingungen des Weiterfunktionierens sicherstellen, aufgerüstet mit allerlei politischer Sentimentalität und sprachlicher Verklärung – „Parasiten des Systems“, wie Michel Serres sie nennt. Norbert Bolz jüngst darüber: „In der modernen Welt verzichtet die Wissenschaft auf Wahrheit, die Politik auf Glück und der einzelne auf Sinn.“ Man muß das nicht als Kritik, man kann das als Chance verstehen.

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