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Im Sommerloch – und plötzlich: Nazis!

Nicht viel los da draußen. Abgesehen von den Olympischen Spielen (für die sich London nach landläufiger Pressemeinung in einen besorgniserregenden, sicherheitspolitischen Ausnahmezustand begeben hat – da war München 1972 doch viel freiheitlicher…) und leisem, fauligen Dahinsiechen in der Krebsbaracke der Währungsunion („[…] das war einst irgendeinem Mann groß / und hieß auch Rausch und Heimat […]“) muß man als privilegierter Meinungsbildner im medialen Empörungskartell schon tief graben, um aktuelle Belege für die Schlechtigkeit der Welt und insbesondere Deutschlands zu finden.

Die Störung meldet sich zu Wort

Da springt man dann gern auf jeden noch so abstrusen Zug auf. Akut bedrohliches, untrügliches Anzeichen für eine unmittelbar bevorstehende neuerliche Machtergreifung der braunen Heerscharen soll nun eine Realschulabschlußfeier aus dem Hunsrück sein: Dort wurde vom Schulchor unter anderem auch das Lied „Verlorene Träume“ der Rechtsrockgruppe Sleipnir intoniert. Ein Video der Aufführung fand – wie dieser Tage üblich – innerhalb kürzester Zeit seinen Weg zu YouTube (wo es inzwischen nach Losbrechen des shitstorm wieder entfernt wurde; eine Spiegelung des Filmchens findet sich jedoch hier. Und schon haben wir (bzw. vornehmlich alle am „besonderen Vorkommnis“ auch nur entfernt beteiligten Personen) den sprichwörtlichen Salat – es rauscht erheblich im digitalen Blätterwald, denn hochsommerliche Brisen erfreuen bekanntlich jeden.

Beim selbsternannten „Störungsmelder“ der Zeit (ein Titel, den man durchaus vielfältig auslegen kann) sind Wut, Scham, Trauer und Entsetzen groß; die rheinland-pfälzische Landtagsfraktion der Grünen schreit gleichfalls Zeter und Mordio und macht sich zum Anwalt der durch das Lied Bedrohten und Entrechteten. Wie zu erwarten war, überschlägt sich Spiegel Online geradezu (insbesondere, seitdem der Informationsfluß aus der bösen Deutschen Burschenschaft allmählich versiegt und es still um den eifrigen Herrn Becker aus Hamburg mit seiner Einmanninitiative geworden ist): Da ist von einem „braunen Coup“ die Rede, und die schrille Thematisierung von kurzhaarigen Musikern deutet verhalten auf rechtsextreme Infiltration.

Brav trinken – Kakao à la Kästner

Die – im zweifachen Wortsinn – betroffene Schule reagiert nun mit den üblichen Bußriten: Öffentlichkeitswirksam geht man in Sack und Asche, will die Sachlage „prüfen“, „rückhaltlos aufklären“ und zerrt selbstverständlich alles greifbare Nichtdeutsche ins Scheinwerferlicht; Schüleraustauschprogramme, Schulpartnerschaften und selbst eine ausländischstämmige Schülerin aus der skandalisierten Absolventengruppe müssen nun als Schutzschild zwischen Schulleitung und medialem Richtblock herhalten.

Eine Lichterkette und Spenden zugunsten von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ werden sicher noch folgen. Und auch die Landesregierung ist sich nicht zu schade, ihr hemdsärmeliges Engagement gegen die „menschenfeindliche und antidemokratische Propaganda“ eines Liedes, das ausschließlich von der resignierten Rückschau des Erzählers auf seine Jugend handelt, unter Beweis zu stellen: In Zukunft müssen Schüler die Programme von ihnen organisierter Veranstaltungen selbstverständlich genehmigen lassen.

Gewissenlose Skandaljournaille

Nun mag man natürlich vom Lied, der Gruppe Sleipnir und Rechtsrock allgemein halten, was man will. Fest steht aber, daß hier keine musikalischen Pogromaufrufe von der Bühne hallten, sondern eine Ballade, die textlich-thematisch auf Schulabschlußveranstaltungen paßt – ähnlich wie das gleichsam düstere „Ein Freund und Kamerad“ der Gruppe Sturmwehr, zu dessen Klängen es beim Videoportal YouTube unzählige Gedenkvideos über verstorbene Freunde oder Verwandte gibt. Ohne politischen Hintergrund.

Natürlich mag man hysterisch werden und, wie sämtliche Berichterstattungen, als Beweis für die bundesrepublikanische Apostasie Sleipnir-Texte mit deutlich rechtsradikalem Inhalt hervorzerren. Das aber zeigt deutlich den Willen zur Instrumentalisierung dieser, wir wollen ehrlich sein, Lappalie. Insbesondere von Journalisten, die zu Studienzeiten (sofern sie denn studiert haben …) gewiß eifrige Diskutanten der Frage nach der Bedeutung des Autors für sein Werk, die inzwischen glücklicherweise in den Hintergrund zumindest der Germanistik getreten ist, waren. Daß sie sich nicht den Luxus eines tieferen Nachdenkens über das Thema gönnen, war erwartbar. Allerdings machen sie sich damit einmal mehr zu Spießgesellen der Gedankenpolizei mit nicht nur langfristig drastischen Konsequenzen für die jungen Schulabgänger – schon haben die „Antifa“-Bluthunde Witterung aufgenommen.

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