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Heiteres Begrifferaten

Schon vor etlichen Jahren hat der Ressortleiter Politik der Rheinischen Post, Reinhold Michels, den Gesprächsband „Selbstverständlich katholisch!“ mit dem damaligen Bischof von Eichstätt und Militärbischof der Bundeswehr Walter Mixa veröffentlicht.

Eine Tendenz hin zum „kritischen“ (ein heute völlig überstrapaziertes Wort) Hinterfragen von Traditionen, Begrifflichkeiten und Wertvorstellungen war schon seinerzeit ein zentrales Moment der Argumentation. Nun geht es wieder los: Michels fühlte sich am gestrigen Montag, zu nachtschlafener Zeit, dazu berufen, den Konservatismusbegriff neu aufzurollen.

Das Vorbild …

Derartige … nun ja … „Klärungs“versuche sind natürlich nicht neu und keineswegs eine reine Angelegenheit der Fremddefinition durch die mutmaßliche „andere Feldpostnummer“. Vielmehr wird insbesondere in den Reihen gefühlter oder sich selbst so titulierender Konservativer seit Jahrzehnten um die Frage, was denn nun eigentlich genuin „konservativ“ sei, gerungen. Die größte Öffentlichkeitswirksamkeit in diesem Reigen dürfte wohl die Artikelfolge in der Kulturzeitschrift Der Monat aus dem Jahre 1962 entfaltet haben; darin wurden profilierte „Konservative“ aus Politik- und Kulturbetrieb eingeladen, persönliche Eindrücke und Auffassungen ihrer politischen Standortbestimmung mit den Lesern zu teilen.

Den Anfang machte im Aprilheft Armin Mohler mit dem Essay Konservativ 1962; so unterschiedliche Zeitgenossen wie Dietrich Schwarzkopf (Deutschlandfunk), Klaus Harpprecht (ZDF) und Caspar von Schrenck-Notzing schlossen sich der Debatte an. Legendär wurde ein mehrseitiger Leserbrief des damals 24jährigen Studenten Robert Hepp, in dem er die gängigen Konservatismusdefinitionen scharf geißelte, den „etablierten“ Autoren Zaudern vorwarf und das Heraufziehen einer sozialrevolutionären Bewegung prophezeite – sechs Jahre später sollte er Recht behalten.

… und der Abklatsch

Nun also Michels. Ihm zufolge sei es notwendig, abermals über den Begriff nachzudenken. Nur offenbart schon der Einleitungssatz seiner Überlegungen, worum es ihm eigentlich geht: nicht um Definition, sondern um Erosion („[…] darüber nachzudenken, welche Werte bewahrungswert sind, was Konservative innerlich zusammenhält.). Ansporn gab ihm übrigens die gegenwärtige CDU-Debatte über die rechtliche Gleichstellung Homosexueller; nicht allein weist Michels also schon im Vorfeld das Attribut „konservativ“ einer konkreten Partei zu, sondern beginnt seinen Artikel gleich mit einem impliziten Vorwurf – dem der Intoleranz, die sogleich den Ruch des Reaktionären, weil womöglich nicht „[B]ewahrenswert[en]“, erhält.

Neben einiger ulkiger Beschreibungen von „Charaktermerkmalen“ „der“ Konservativen und der Luhmannschen Erkenntnis, daß Werte keine Ewigkeitsgarantie besitzen (wozu man früher und schärfer auch Carl Schmitt hätte zitieren können, aber das geziemt sich für einen „Ressortleiter Politik“ wahrscheinlich nicht…), findet sich im Textlein immerhin auch die – wohl ins Auge springende – Erkenntnis, daß die CDU keineswegs die politische Vertretung „der“ Konservativen sei, mithin nicht einmal mehr die CSU.

Ziellos und voreingenommen

Leider führt von dieser Feststellung keine Argumentation weiter. Im Grunde scheint Michels bei der Abfassung seines Artikels selbst nicht klargewesen zu sein, worauf er eigentlich hinauswollte – zumindest wird das Eingangsthema des Ehegattensplittings für homosexuelle Partnerschaften nach einer einzigen, eher randständigen Erwähnung unter den Teppich gekehrt und weiter mit Gemeinplätzen gearbeitet.

Natürlich dürfen Parolen wie „Feuer entfachen statt Asche bewahren“ nicht fehlen, und die Anrufung dessen, „was immer gilt“, dient letztlich dazu, den „Konservativen“ in der CDU (heißt: denen, die gegen eine rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften sind – das genügt offenbar schon, um heute als „konservativ“ apostrophiert zu werden) vor Augen zu führen, daß sie ihren eigenen „Konservatismus“ mißverstanden und sich nun von Reinhold Michels aufklären zu lassen haben.

Keine Frage der Lektüre

Auch bei der Rheinischen Post also nichts Neues. Die händeringende Suche nach einem griffigen Konservatismusbegriff war schon in den 50er Jahren müßig, als Armin Mohler über „Gärtnerkonservative“ höhnte.

Man sollte sich heute, wo alle Begriffe ausgehöhlt und unterminiert sind, erst recht nicht damit aufhalten. Und vor allem sollte man sich als potentiell zugeneigter Leser nicht von Lektüren täuschen lassen, die unter dem Mäntelchen der theoretischen Arbeit noch weitere Wühlarbeit leisten.

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